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Der Mann des Jahres als Kaufhaus-Messias © APA/Hans Klaus Techt
© APA/Hans Klaus Techt

hanspeter madlberger 15.02.2019

Der Mann des Jahres als Kaufhaus-Messias

Der Vorschusslorbeer, mit dem die Medien René Benko überhäufen, nimmt hymnische Ausmaße an.

••• Von Hanspeter Madlberger

Der trend kürte Benko im vergangenen Dezember – bereits zum zweiten Mal! – zum Mann des Jahres. Als „Man of the Year” feiert ihn auch das englischsprachige Handelsimmobilien-Magazin Across des Reinhard Winiwarter (der übrigens in seiner Wachauer Heimat einen hervorragenden Wein produziert). Consultant-Urgestein Roland Berger, der seit Jahren dem Signa-Beirat angehört, verlieh Benko im Handelsblatt den Ehrentitel ‚Stratege des Jahres'. Bergers Lobeshymne endet mit der Einschätzung: „René Benko, der Jeff Bezos Europas? Zuzutrauen wär’ es ihm.” Geht’s bitte noch devoter?

Als Grund für ihre Huldigungsadressen an Selfmademan Benko nennen Medien durch die Bank dessen „Coup”, die Warenhauskette Karstadt binnen kürzester Zeit in die Gewinnzone gehievt zu haben, nachdem das Unternehmen unter früheren Eigentümern gleich zweimal insolvent geworden war.
Karstadt-Geschäftsführer Stephan Fanderl, Spross einer Edeka-Kaufmannsfamilie aus Ingoldstadt, wird als Sanierer gefeiert. Und ihm wird zugetraut, nach der kürzlich erfolgten Finalisierung und wettbewerbsrechtlichen Absegnung des Joint Venture zwischen Karstadt und Kaufhof einen starken und zukunftssicheren deutschen Warenhauskonzern zu schmieden.
Fanderl selbst war es, der der Öffentlichkeit preisgab, auf welch dünnem Eis die „Sanierung” von Karstadt bislang steht. Im Geschäftsjahr 2016/2017, dem dritten seit der Übernahme durch Signa, verzeichnete der Warenhaus-Filialist den ersten Gewinn seit zwölf Jahren.

Mickrige Umsatzrendite?

Während die Süddeutsche Zeitung im März 2018 von einem Überschuss in Höhe eines „niedrigen einstelligen Millionenbetrages” sprach, berichtete das Handelsblatt, Fanderl habe diesen Gewinn mit 1,4 Mio. € (!) beziffert. Und das bei 2.190 Mio. Jahresumsatz 2017. Angesichts des bilanztechnischen Spielraums, den ein tüchtiger Buchhalter ausschöpfen könnte, ist diese Umsatzrendite in Höhe von 0,64 Promille ein äußerst zartes Indiz für einen langfristigen Turn­around. Allenfalls ein erster Sanierungsschritt, aber nicht mehr.

Vor allem der Umstand, dass Benkos Signa-Imperium zwei Geschäftsbereiche, nämlich Immobilien und Retail, umfasst, ermöglicht dem Management nahezu unbegrenzte Möglichkeiten der Gewinnverschiebung. Handelsunternehmen und (Handels-)Immobilienfirma unter einem Konzerndach, diese Konstellation findet sich nicht nur bei Signa, sondern auch bei Metro, Otto/ECE, Spar AG/SES und HBC, dem neuen Partner, der Kaufhof von der Metro kaufte und jetzt in das Joint Venture mit Karstadt einbrachte.
Als Verantwortlicher für das operative Geschäft von Karstadt und Kaufhof steht Fanderl jetzt vor einer extrem herausfordernden Aufgabe. Zurzeit droht ein Arbeitskonflikt mit dem Kaufhof-Betriebsrat und der Gewerkschaft Verdi, die sich dafür stark machen, dass die Kaufhof-Zentrale in Köln weiterbesteht und nicht von der Karstadt-Zentrale in Essen „geschluckt” wird.
Fanderls Sanierungsplan sieht vor, dass durch den Zusammenschluss 1.000 Vollzeitstellen in den beiden Zentralen abgebaut werden. Auch wenn der Verwaltungs-Standort Köln bestehen bleibt und im Rahmen des Joint Venture in ein Kompetenzzentrum für Digitalisierung und E-Commerce sowie zum Headquarter des Lebensmittel- und Gastronomiegeschäfts umgewandelt wird: Massiver Personalabbau und, damit verbunden, harte Bandagen in der Auseinandersetzung mit der Arbeitnehmervertretung sind angesagt.

Gesundschrumpfen, geht das?

Nächste Großbaustelle ist die Schließung von Filialen, insbesondere in jenen Städten, wo Karstadt- und Kaufhof-Häuser einander in die Quere kommen. Jörg Funder, Professor für Unternehmensführung im Handel an der Universität Worms, vertritt laut Handelsblatt die Ansicht, dass höchstens die Hälfte der insgesamt 177 Häuser von Karstadt und Kaufhof langfristige Überlebenschancen hat.

Das wirft die Frage auf: Ergibt der von massivem Standorte-Kahlschlag begleitete Zusammenschluss zweier maroder Warenhaus-Dinos schon ein starkes, zukunftssicheres Format? Und goutiert die warenhaustreue Kundschaft die Ablöse des Wettbewerbs durch ein Monopol? Handelsexperten sind sich einig: Die Synergien der Fusion liegen in den Kosteneinsparungen durch Beseitigung von Dubletten.
Aber zugleich schrumpfen infolge dieser Rosskur die Umsätze und damit die Deckungsbeiträge zur Finanzierung von Investitionen. Und die Erlöse von Signa Immobilien aus Gebäudemieten. Wenn es Fanderl nicht gelingt, die Kundenfrequenz und die Kassenbons von Karstadt/Kaufhof an den weitergeführten Standorten massiv zu steigern, indem er den Häusern ein völlig neues, zeitgemäßes Angebotsprofil gibt, ist der Sanierungserfolg infrage gestellt.
Das Zauberwort zur Lösung dieses Problems heißt Digitalisierung. Aber der globalen IT-Revolution wohnt, speziell was den urbanen Einzelhandel betrifft, eine fatale Sprengkraft inne. Aktuell zieht der Online-Handel in zahlreichen Warengruppen (Heimelektronik, Bekleidung, Wohnaccessoires, Sportartikel, Bücher, etc.) Umsätze vom stationären Einzelhandel ab, schmälert deren Flächenproduktivität dramatisch. Die City-Lagen sind davon besonders betroffen. Die Flucht nach vorn bleibt die einzige Option.
Wie reagiert Dieter Berninghaus, der seit September 2016 von Zürich aus als Chairman der Signa Retail Selection Benkos gesamtes Retail-Geschäft steuert, auf diese Herausforderung? Er verschreibt Benkos Bauchladen an zusammengerafften Einzelhandelsformaten ein hochkomplexes Multichannel-Retail-Modell. Sein wichtigster Mitstreiter Fanderl (die beiden kennen einander aus gemeinsamen Rewe-Zeiten in Köln) erklärte gegenüber Medien: „Wir sind entschlossen, Karstadt zu einem der stärksten, über alle Vertriebskanäle vernetzten Händler in Deutschland zu entwickeln.” Die Verschmelzung von Online- und Offline-Handel aber ist, speziell in Citylagen, ein riskantes Unterfangen, bei dem der Investor neben viel verkäuferischer und digitaler Expertise auch einen langen finanziellen Atem braucht. Den Traum, im Amazon-Tempo zu expandieren, können sich Europas Multi Channel Retailer allesamt abschminken.

Signa Sports, ein Champion?

Und so muss auch Fanderl mit Karstadt/Kaufhof vorerst kleine digitale Brötchen backen. Da werden einzelne Stockwerke von Warenhäusern in Logistikdrehscheiben für das Online-Geschäft umgewidmet. Derzeit dienen bereits 30 Karstadt-Filialen als Versandlager. In weiteren 15 Häusern hat sich Amazon mit Selbstbedienungs-Kiosken für den Online-Einkauf eingemietet. Weiters werden klassische Warenhaus-Abteilungen digital aufgepeppt. Bei Karstadt in Düsseldorf wurde eine Etage als „Experience Store” eingerichtet, mit interaktiven Umkleidekabinen und jeder Menge Touch Screens ausgestattet.

Was das Sortiment betrifft, setzen Berninghaus und Fanderl bei Multichannel vor allem auf Sportartikel. Die Tochter Signa Sports United umfasst neben 43 Karstadt Sports-Filialen auch elf Online-Firmen mit Sortimenten für Radsport, Tennis, Sport- und Wanderbekleidung. Signa Sports erzielte zuletzt einen Jahresumsatz von rund 500 Mio. €. Zuletzt ging der Online-Fachhändler strategische Partnerschaften mit den asiatischen Handelskonzernen Aeon (Japan) und Central Group (Thailand) ein.

Signas Partner-Netzwerke

Letztgenannter Firma gehört auch die italienische Warenhauskette La Rinanscente, die ihrerseits einen 51,1%-Anteil an der KaDeWe Group hält. Als Minderheits-Tochter von Karstadt umfasst diese Gruppe von Luxuswarenhäusern neben dem legendären Berliner KaDeWe das Alsterhaus in Hamburg und Oberpollinger in München. Nach der Kaufhof-Fusion wandert das Düsseldorfer Carsch-Haus ebenfalls zur KaDeWe-Gruppe. Als fünfter Luxus-Warenhaus-Standort von Signa Retail ist das Leiner-Haus in der Wiener Mariahilferstraße im Gespräch; der thailändische Partner tat kürzlich kund, er sei von diesem Projekt sehr angetan.

Als Sorgenkinder gelten seit Jahren die Lebensmittelabteilungen in den Karstadt-Häusern. Seit 2005 wird das Food-Geschäft in einem Joint Venture mit der Rewe betrieben. Seinerzeit hat man sich dafür die Subbrand „Perfetto” ausgedacht, seit 2016 aber werden die meisten dieser Abteilungen unter dem Label „Karstadt Lebensmittel” geführt, verbunden mit dem Hinweis auf die Rewe-Connection. Und weil schon von Feinkost die Rede ist: Signa Retail, als Franchisenehmer von Eataly für die D-A-CH-Region, hat bisher lediglich den Standort am Münchener Viktualienmarkt realisiert.

Karstadt wieder in Mode?

Woran es Karstadt und Kaufhof vor allem mangelt, ist die Top-Kompetenz im gehobenen Bekleidungssortiment. Als Schaufenster der neuesten Mode avancierten die Warenhäuser in den deutschen Großstädten einst zum Sehnsuchtsort der Damenwelt.

Längst haben seither in der Mittelpreislage Verticals wie Zara oder H&M und im Luxus-Premiumsegment Marken wie Louis Vuitton oder Prada diese Leitfunktion übernommen. Karstadt und Kaufhof in Einkaufsgalerien umzuwandeln, die mit einer Perlenkette der angesagtesten Haute Couture-Labels kaufkräftiges Publikum anlocken und dem wachsenden Textil-Diskont von Primark und Zalando Paroli bieten, diese Strategie gilt neben der Digitalisierungsoffensive als wichtigster Erfolgsfaktor einer Karstadt-Renaissance.
Wie gut diese Übung gelingt, hängt nicht zuletzt davon ab, wie erfolgreich aus Sicht der internationalen Modegrößen deren Partnerschaft mit dem Goldenen Quartier von Signa in der Wiener City läuft.

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