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"Die Freude am Leben in der Stadt ist wieder da" © Andreas Wenter
© Andreas Wenter

Redaktion 26.02.2021

"Die Freude am Leben in der Stadt ist wieder da"

Peter Jungreithmair darüber, wie Wels seine Lebensadern Handel und Gastronomie zum Pulsieren bringt.

••• Von Christian Novacek

WELS. Die Corona-Pandemie hat auch in Wels, wo das Stadtmarketing in den letzten Jahren einen imposanten Revitalisierungsschub gemanagt hat, zu Erosion und Verunsicherung in der Gastronomie und im Handel geführt.

Peter Jungreithmair, Geschäftsführung Wels Marketing & Touristik GmbH, beschreibt im medianet-Interview die Situation während der Krise und das Hoffnungsszenario für die Zeit danach. Das sei auch fundiert, so Jungreithmair, denn „an den Zahlen der letzten Tage und Wochen sehen wir, dass die Kunden und Gäste sehr schnell wieder zurückkommen”.

medianet: Nicht alle Länder handhaben Corona-Einschränkungen so rigoros wie Österreich – wie sehen Sie Österreich im Vergleich zu Schweden oder Ländern wie der Ukraine, wo die Maskenpflicht hauptsächlich auf dem Papier existiert?
Peter Jungreithmair: Entscheidend wird ohnehin die Durchimpfung sein, und ich hoffe doch sehr, dass in den nächsten Wochen die Impfrate steigen wird und wir wieder in eine neue Normalität zurückfinden werden. Das Impfmanagement der Verantwortlichen wird der ausschlaggebende Faktor für die Krisenbewältigung sein. Es ist schon sehr beeindruckend, wie das in Israel und anderen Ländern funktioniert und die beginnen schon wieder mit der touristischen Werbung und freuen sich auf Gäste. Nicht das Zusperren steht dort im Vordergrund, sondern das Impfmanagement und das damit verbundene sichere Wiederaufsperren.

medianet: Sie waren selbst von Covid betroffen – wie ist Ihre persönliche Einschätzung der Gefahr?
Jungreithmair: Vor allem die mediale Präsenz von schwersten Verläufen hat mich doch sehr beschäftigt und ich spürte Angst und Unsicherheit. Ich bin sehr froh, dass ich die Erkrankung gut überwunden habe und nun zumindest für eine Zeit immunisiert bin. Im Nachhinein betrachtet, war meine Erkrankung nicht so schlimm, aber die Panikmache durch die Medien hat mir am meisten zugesetzt. Es war schon spannend, dass die Polizei bei mir daheim kontrolliert hat, ob ich mich eh daheim aufhalte. Der bürokratische Aufwand im Hintergrund ist schon gewaltig. Jetzt warte ich auf die Impfung – hoffentlich noch vor dem Sommer!

medianet: Für den Handel war die Situation bis jetzt eine Katastrophe – ist ein Ende für Sie absehbar? Wäre ein weiterer Lockdown zumutbar?
Jungreithmair: Das Rückgrat der Einkaufsstadt Wels sind die eigentümergeführten Geschäfte und von denen haben schon viele privates Geld nachschießen müssen. Der Glaube an den Standort und der Mut der Unternehmer ist vorhanden. Es sind die Händler, die auch in dieser sehr mühsamen Zeit Optimismus verbreiten. Nicht die Diskussion über Sinn und Unsinn der Maßnahmen prägt bei uns die Kommunikation, sondern das Vorbereiten aufs Comeback und die Freude auf die hoffentlich bald wiederkommenden Umsätze sind unser Ansatz.

medianet: Für die Gastronomie war und ist die Katastrophe noch größer – in den Einkaufszentren wie auch in den Innenstadt waren sie eine Haupt­lebensader. Wie ist die Situation in Wels?
Jungreithmair: Seit Mitte November 2020 ist die Gastro zu und dafür gibt es immer weniger Verständnis. Der Wirt lebt für die sozialen Kontakte und die Anerkennung durch seine Gäste und die fehlen unseren Gastronomen fast mehr als die Umsätze. Es wird Zeit, dass diese wichtige Lebensader wieder zu fließen beginnt und wir wieder ein wertvolles Stück unserer Lebenskultur zurückbekommen. Viele wertvolle Mitarbeiter haben die Branche gewechselt. Die Gäste werden wiederkommen, viele der Fachkräfte kehren nicht mehr in die Branche zurück. Dieses Thema wird uns noch sehr beschäftigen.

medianet:
Hat sich die Stadt im Belang Mieten für geschlossene Geschäfte und Lokale als Vermittler einbringen können?
Jungreithmair: Es ist ein Geben und Nehmen, und auch die Vermieter haben Rechnungen zu zahlen. In den überwiegenden Fällen gab es ein gutes Entgegenkommen und es konnten Lösungen gefunden werden. Mit dem Wirtschaftsservice Wels konnte hier viel Bewusstsein geschaffen werden. Einen finanziellen Ausgleich durch die Stadt Wels gibt es aber nicht; weder für die Mieter, noch für die Vermieter gibt es derzeit viel Spielraum.

medianet: Gerade Wels ist, was die Belebung der Innenstadt betrifft, ein Vorzeigemodell. Empfinden Sie Ihre Pläne durch die Art, wie die Politik in Sachen Epidemie agiert, konterkarikiert?
Jungreithmair: Danke herzlich für die Wertschätzung! Wir haben sehr rasch auf die neuen Regeln reagiert und innerhalb kürzester Zeit unsere Konzepte angepasst. Der Mut der Welser Politiker und die Kompetenz der Welser Behörden haben hier viel ermöglicht. Im abgelaufenen Jahr konnten wir neben zahlreichen Stadtteilkonzerten, ShoppingNights und Kulturinitiativen doch noch einige Projekte umsetzen und zum Jahresende gelang es uns, ein Eistrapez am Stadtplatz mit 600 m² Echteis zu realisieren. Immerhin gibts das Eistrapez schon seit Mitte Dezember und wir haben bis Ende Februar verlängert. Danke an unsere Sponsoren und Danke für den großartigen Besuch!

medianet: Was hätte Ihrer Meinung nach besser laufen müssen bzw. muss jetzt besser laufen?
Jungreithmair: Planbarkeit ist von uns allen der größte Wunsch, aber das Virus lässt sich nicht planen und so hoffen wir auf mutige Entscheidungen, um zumindest ab dem Frühling wieder Leben in die Stadt zu bringen. Die Geschwindigkeit der Durchimpfung ist lächerlich, und bei diesem wohl wichtigsten Thema wird glasklar sichtbar, in welchen Ländern es besser läuft und was hier vor allem auch bei uns besser laufen müsste. Da wurde zu Weihnachten polemisiert, dass sich die Leute nicht impfen lassen wollen, und in der Realität steht Monate danach noch immer viel zu wenig Impfstoff zur Verfügung.

medianet: Welche Aktionen, um das Einkaufen und den Aufenthalt in der Stadt attraktiv zu machen, hat Wels trotz Einschränkungen umgesetzt?
Jungreithmair: Sehr schnell war klar, dass Großveranstaltungen abzusagen sind und wir in Dekoration, kleinere Eventformate, Kulturkooperationen und die Stimmung investieren müssen. Auch wenn die Umsätze nur gering sind – die Freude am Leben in der Stadt und die Neugier an neuen Kooperationen ist uns nicht abhandengekommen. Uns ist viel bewusster geworden, wie wichtig die Impulse der anderen sind – Kultur, Handel, Gastro und so weiter. Alle spielen eine wichtige Rolle im Konzert der Innenstadt.

medianet:
Glauben Sie, dass die Verunsicherung der Konsumenten noch länger währt, oder steht uns ein Konsumrausch bevor, sobald die Beschränkungen fallen oder zumindest merklich moderater werden?
Jungreithmair: Wir sehen an den Zahlen der letzten Tage und Wochen, dass die Kunden und Gäste sehr schnell wieder zurückkommen. Mit einer hoffentlich zeitnahen Öffnung der Gastro und der Gastgärten wird sich das regionale Leben bald wieder einspielen. Der internationale Tourismus und das Messegeschäft wird noch Jahre brauchen, um sich zu erholen. Derzeit gilt regional vor global!

medianet: Inwieweit hat sich die Perspektive für den Welser Handel und insbesondere die Welser Gastronomie geändert? Was wird ohne Corona künftig anders sein?
Jungreithmair: Die Menschen suchen viel bewusster das Gespräch und derzeit ist nichts selbstverständlich. Es tut so gut, sich kompetent von Fachleuten beraten zu lassen und sich nicht von einer idiotischen Suchmaschine vorführen zu lassen. Viele Menschen erkennen den Mehrwert von gutem Essen, einem freundlichen Kellner und einer seriösen Beratung. Das naive Vertrauen in die Selbstverständlichkeit des permanenten Wachstums habe ich natürlich verloren – vermutlich gut so!

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