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Himmelhochjauchzend oder doch zu Tode betrübt? © Ranorex/Larissa Stoiser
© Ranorex/Larissa Stoiser

PAUL CHRISTIAN JEZEK 01.04.2016

Himmelhochjauchzend oder doch zu Tode betrübt?

Einem dramatischen Rückgang der Arbeitszufriedenheit in heimischen Firmen stehen zahlreiche Best Practice-Beispiele gegenüber.

 

Die Zufriedenheit der Österreicher mit ihrem Job ist in den letzten fünf Jahren erheblich zurückgegangen – quer durch alle Bevölkerungsgruppen. Gaben 2010 noch 82% ihrem Arbeitsplatz eine gute Benotung, so sind dies aktuell nur noch 63%. Die Durchschnittsnote für den Job sank von 1,8 auf 2,5, geht aus einer aktuellen repräsentativen Vergleichsstudie der Allianz Versicherung hervor.

„Bei Gehalt und Karrierechancen driften Wunsch und Wirklichkeit am meisten auseinander”, kommentiert Inge Schulz, Leiterin Human Resources der Allianz Gruppe in Österreich, die Umfrageergebnisse. Bezeichneten anno 2010 noch 58% der Befragten ihr Einkommen als zufriedenstellend, so sind dies heute nur noch 36% – identisch bei Männern und Frauen. Noch weniger Berufstätige, nämlich 34%, sind mit den Karrierechancen an ihrem Arbeitsplatz glücklich. Eher noch im „grünen Bereich” liegen die Work-Life Balance, die gute Erreichbarkeit des Arbeitsplatzes und die Zufriedenheit mit den Kollegen, wenngleich auch hier durchwegs ein Rückgang von sechs bis acht Prozentpunkten zu verzeichnen ist.

Angst um den Arbeitsplatz

Die extremsten Einbußen bei den Zufriedenheitswerten mussten die Gastronomie (von 81 auf 53%), die Finanzwirtschaft (von 88 auf 62%) und das Gesundheitswesen (von 87 auf 65%) hinnehmen. Neue Zufriedenheits-Spitzenreiter sind damit das Unterrichtswesen und die ­Industrie. Mit ihrem Beruf besonders zufrieden sind Freiberufler und Beamte – abgesehen vom Einkommen, das als deutlich zu gering eingestuft wird. Am unteren Ende des Rankings liegen die Lehrlinge, von denen nur jeder zweite seinem Arbeitsplatz ein halbwegs positives Zeugnis ausstellt.

Trotz stark nachlassender Zufriedenheit wollen sieben von zehn Österreichern laut Umfrage ihrem derzeitigen Job treu bleiben. ­Allerdings halten 20% ihren Arbeitsplatz für latent, zwölf Prozent sogar für akut gefährdet.
Wechselbereitschaft herrscht am ehesten bei den Unter-35-Jährigen, während lediglich 16% der Menschen über 50 einen anderen Arbeitsplatz in Erwägung ziehen. „Generell ist Job-Hopping hierzulande selten”, betont Allianz-Expertin Schulz. Im Durchschnitt arbeiten Herr und Frau Österreicher seit fast neun Jahren in ihrem derzeitigen Unternehmen, nur 24% hatten in ihrem Leben mehr als fünf Arbeitgeber.
„Die dramatischen Ergebnisse der Umfrage spiegeln die Entwicklung am heimischen Arbeitsmarkt wider”, ist Schulz überzeugt. Ein Blick auf die Fakten zeigt: Die Zahl der Arbeitslosen ist seit 2010 um 42% – von 250.000 auf 354.000 – gestiegen. Die Arbeitslosenquote liegt damit aktuell bei 9,1% (2010: 6,9 Prozent). Eklatant geworden ist das Problem insbesondere in der Gruppe der Über-50-Jährigen: 94.000 Menschen in diesem Alter sind heute ohne Job – rund 80% mehr als noch vor fünf Jahren. Dem gegenüber steht eine rückläufige Zahl an gemeldeten offenen Stellen und ein erhöhter Mobilitätsaufwand (200.000 Pendler mehr als 2010).
Die Versicherungswirtschaft habe in diesem Zeitraum ihren Beschäftigtenstand von rund 26.000 weitgehend halten können – so Schulz –, während im Bankenbereich ein Abbau von einem Drittel der rund 75.000 Arbeitsplätze in den nächsten Jahren befürchtet werde. Die Allianz selbst konnte sich laut einer aktuellen Mitarbeiterbefragung offenbar von der Negativentwicklung der Berufszufriedenheit in den letzten Jahren abkoppeln: 87% sind mit der Allianz als Arbeitgeber zufrieden und gaben an, mit Stolz bei diesem Unternehmen zu arbeiten. Gelobt wurden vor allem die Diversity-Strategie und die überdurchschnittlichen Karriere- und Weiterbildungsmöglichkeiten. „Für Unternehmen ist es in Zeiten eines rauen Klimas am Arbeitsmarkt wichtiger denn je, den Mitarbeitern mit Offenheit und Vertrauen zu begegnen und ihnen eine echte Entwicklungsperspektive zu geben”, fordert Schulz. Insbesondere in den Bereichen Kundenberatung und IT sei im Übrigen eine weitere Verstärkung des Teams durchaus willkommen.

Vorbildliche Arbeitsplätze

Dass die Allianz als „guter Arbeitgeber” doch keine absolute Ausnahme ist, war auch der aktuellen Benchmarkstudie von Great Place to Work zu entnehmen, die heuer zum bereits 14. Mal erstellt wurde. Demnach dürfen sich seit Mitte März mehr als drei Dutzend Unternehmen offiziell als „Österreichs Beste Arbeitgeber 2016” präsentieren. 73 Betriebe haben teilgenommen, die diesjährigen Ergebnisse repräsentieren insgesamt 35.000 Mitarbeitende.

Neben der Bewertung der durchgeführten Personalmaßnahmen ist zu zwei Drittel die Befragung der Mitarbeitenden entscheidend. „Das bedeutet, dass es vor allem die Mitarbeitenden sind, die darüber bestimmen, ob ein Unternehmen ein ausgezeichneter ,Bester Arbeitgeber' wird oder nicht”, erklärt die Great Place to Work-Geschäftsführerin Doris Palz. Die ausgezeichneten Unternehmen seien in allen Befragungsergebnissen auf einem anhaltend hohen Level: „Sie leben eine ausgeprägte Vertrauenskultur, die sich in besonderem Teamspirit und dem Stolz der Mitarbeitenden auf ihre Leistungen zeigt. So sprechen mehr als vier Fünftel der ­Mitarbeitenden ihren Unternehmen das Vertrauen aus – und 90% sagen ihren Arbeitgebern, dass sie mit ihrem Arbeitsplatz zufrieden sind.”
Besonders freuen können sich „Österreichs Beste Arbeitgeber 2016” über die Einstellung ihrer Beschäftigten zur Arbei: Für 84 % bedeutet ihre Aufgabe nicht einfach nur irgendeinen Job zu machen, ihre Tätigkeit hat besonderen Stellenwert für sie. Kommentare lauten beispielsweise: „Ich bin jeden Tag auf das Neue von diesem Unternehmen zu 100 Prozent überzeugt und sehr stolz, hier meinen Arbeitsplatz gefunden zu haben.”
Der Wunsch nach einem Arbeitgeberwechsel ist bei diesen Unternehmen daher so gut wie nicht vorhanden: 90% der Beschäftigten sagen, dass sie noch lange in diesem Unternehmen arbeiten möchten. Die ausgezeichneten Unternehmen können auf eine deutlich niedrigere Mitarbeiterfluktuationsrate verweisen und bekommen andererseits hohen Zuspruch auf Stellenausschreibungen: Durchschnittlich bewerben sich auf Ausschreibungen „Österreichs Bester Arbeitgeber 2016” mindestens 48 potenzielle Mitarbeitende.
Neue Mitarbeitende erleben bei den ausgezeichneten Unternehmen eine besondere Willkommenskultur. Bereits am 1. Tag erfahren neue Teammitglieder Wertschätzung, lernen die Unternehmenswerte kennen und spüren Teamzusammenhalt; dies bestätigen 92% der Beschäftigten und treffen Aussagen wie folgende: „Was sofort auffällt, ist, dass man als neues Mitglied sofort aufgenommen wird und wirklich alle super nett sind. Das erlebe ich auch bei den vier neuen Kollegen in den letzten zwei Jahren. Es ist wirklich ein tolles Gefühl – vom ersten Tag an!”

Alle „per Du”

Als bestes Handelsunternehmen bestätigte Lidl den Erfolg der letzten Jahre – man habe sich in den vergangenen Jahren ganz bewusst und intensiv um die Mitarbeiter gekümmert, versichert Christian Schug, Vorsitzender der Geschäftsleitung. Basis dafür sei eine transparente und professionelle interne Kommunikation. Bestes Beispiel dafür: Seit Kurzem sind die Lidl-Mitarbeiter quer durch alle Bereiche und Hierarchien „per Du”, was den gemeinsamen Teamgeist zusätzlich fördert.

Nach konkreten Maßnahmen befragt, nennt Schug folgende ­„Basics” bei Lidl:

• Mindestlohn von 10 bzw. 11 € pro Stunde, mindestens 5% über Kollektivvertrag
• Minutengenaue Zeiterfassung
• Überdurchschnittliche Bezahlung
• Individuelle Aus- und Weiterbildung
• Monatliche Mitarbeiter-Rabatte
• Betriebliche Gesundheitsförderung
• Vereinbarkeit von Beruf und Familie durch familienfreundliche Teilzeitmodelle
• Möglichkeit für ein Sabbatical
• Dienstauto für alle Filialleiter
• Mitarbeiterbefragungen, Vorschlagswesen und Ideenwettbewerbe
• Besondere Berücksichtigung von MA Bedürfnissen im Filialbau
• Lebendige interne Kommunika­tion mit allen Mitarbeitern.”

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