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„Aktien bleiben auch heuer alternativlos” © Erste Bank

Fritz Mostböck.

© Erste Bank

Fritz Mostböck.

Redaktion 15.01.2021

„Aktien bleiben auch heuer alternativlos”

Die Erste Group-Experten Fritz Mostböck und Christoph Schultes durchleuchten die Finanzmärkte.

••• Von Reinhard Krémer

Die Coronakrise brachte im Vorjahr zwei Gewinner am Anlegersektor: Zum einen konnte Gold, getrieben durch Rezessionsängste, weiter zulegen, zum anderen gewannen aber, nach dem scharfen Absturz im März, auch die Aktienkurse.„Aufgrund der Covid-19-Krise ist auch die Verschuldung weiter gestiegen – Staatsverschuldung und Haushaltsdefizite legten zu”, sagt Fritz Mostböck, Head of Research Erste Group.

Die Volatilität der Aktienmärkte, in der Spitze so hoch wie während des Zusammenbruchs des US-Investmenthauses Lehman, der als Startschuss der großen Finanzkrise gilt, wurde erst nach dem Wahlsieg von Joe Biden und den Covid-Impfstoffen von Biontech/Pfizer wieder niedriger.

Heuer ist Erholung angesagt

„Auf die schwere Rezession 2020 folgt die Erholung 2021”, erwartet Fritz Mostböck. Ausgelöst durch Quarantäne-Maßnahmen, erwartet der IWF, dass die globale Wirtschaft 2020 um 4,4% geschrumpft ist.

Nachdem wesentliche Drehscheiben der globalen Wertschöpfungsketten in Asien (u.a. China, Südkorea; Anm.), Covid-19 bislang unter Kontrolle halten konnten, erholte sich die globale Industrie trotz hoher Infektionszahlen in Europa und den USA weiter.
Der Erste Group-Experte skizziert folgendes Szenario:

• Die Konjunktur wird in der Eurozone und den USA vorerst noch unter den Eindämmungsmaßnahmen stark leiden.
• In den USA werden diese Auswirkungen durch ein Fiskalpaket gemildert.
• In der Eurozone sollte das zweite Quartal eine deutliche Erholung bringen.
• Die Inflationsraten werden fluktuieren, aber unter den Zielen der Notenbanken bleiben.
• Die EZB wird mindestens bis März 2022 die Wertpapier-Ankäufe fortsetzen.
• Die US-Fed sollte bis weit ins Jahr 2022 Wertpapiere an­kaufen.
• Wir erwarten unveränderte Leitzinsen für mehrere Jahre.
• Lange Laufzeiten am Anleihenmarkt sollten auf den verbesserten Wirtschaftsausblick mit moderaten Renditeanstiegen im Jahresverlauf reagieren.

Wo „Brösel” drohen könnten

Mostböck ortet aber auch Abwärtsrisiken in Deutschland und den USA – nämlich durch eine langsamere Eindämmung von Covid-19 sowie durch mögliche neue politische Konfliktherde. Auch beim ATX gab es im Krisenjahr 2020 durchaus einige wenige Gewinner, erläutert Chief Analyst CEE Christoph Schultes.

So gewann die Verbund-Aktie mehr als 56% dazu, und Mayr Melnhof Karton erfreute seine Investoren mit 38% Kursgewinn. AT&S Austria Technologie legte um 30,1% zu und die voestalpine AG immerhin noch schöne 17,9%. Aktionäre der Lenzing AG stiegen 2020 pari aus; alle anderen Titel brachten Verluste.

Wiener Aktien sind nicht billig

„Das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt über dem historischen Durchschnitt, die Gewinnschätzungen haben sich in den letzten Monaten stabilisiert”, sagt Schultes. „Das KGV auf Basis der Gewinnschätzungen für 2020 beträgt aktuell 25,8x, für 2021 errechnet sich ein KGV von 15,7x, was ebenfalls über dem historischen Schnitt liegt.” Das Kurs-Gewinn-Verhältnis, kurz KGV, ist eine Kennzahl zur Beurteilung der Ertragskraft und -entwicklung eines Unternehmens. Es stellt das Verhältnis zwischen dem Reingewinn, bezogen auf eine einzige Aktie, und dem Kurs dieser Aktie her. Je niedriger das KGV, desto preisgünstiger ist die Aktie.

Die Risikoprämie (Rendite von ATX abzüglich Rendite 10-jähriger Staatsanleihen; Anm.) liegt nun deutlich unter dem historischen Durchschnitt; Investoren verlangen nur geringe Prämien, um in Aktien zu investieren, so der Chief Analyst CEE der Erste Group: „Das Fed-Modell zeigt erstmals seit Jahren wieder eine leichte Überbewertung des ATX, Investoren blicken offensichtlich bereits in das von Covid-19 weitestgehend unbeeinträchtigte Jahr 2022.”

Gebremste Dividendenpolitik

Die Dividendenrendite ist nach einem kurzen steilen Anstieg (dies spiegelt die Kursverluste wider; Anm.) auf unter drei Prozent gefallen; das heißt, die Unsicherheiten spiegeln sich auch in der Ausschüttungspolitik der Unternehmen wider.

„Für die nächsten beiden Jahre gehen wir jedoch wieder von stark steigenden Dividenden aus”, sagt Christoph Schultes. „Der Spread zwischen Dividendenrenditen und Renditen für Staatsanleihen ist noch immer beträchtlich.”

Die Top-Picks im ATX

Der ATX kann einen Großteil der seit Ausbruch der Krise erlittenen Verluste aufholen, andere Indizes erreichten derweil neue Höchststände: „Der ATX verfügt also folglich über ein Aufholpotenzial”, so Schultes. „Als Kurstreiber sehen wir einen positiven News Flow zu Covid-19-Impfungen, eine verbesserte Visibilität und steigende Gewinne bzw. Dividendenzahlungen. Unsere Top-Picks sind AT&S, Andritz, RBI, CA Immo und Immofinanz.”

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