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Das Positive an Negativen Bildmaterial zur Verfügung gestellt: © Courtesy Galerie Johannes Faber (4); WestLicht (5); Dorotheum (2)

Rudolf Koppitz Bewegungsstudie der Dance group Claudia Issatschenko wurde heuer von Galerist Faber um 160.000 € an ein US-Museum verkauft.

Bildmaterial zur Verfügung gestellt: © Courtesy Galerie Johannes Faber (4); WestLicht (5); Dorotheum (2)

Rudolf Koppitz Bewegungsstudie der Dance group Claudia Issatschenko wurde heuer von Galerist Faber um 160.000 € an ein US-Museum verkauft.

13.11.2015

Das Positive an Negativen

Der Mensch hält Subjektives gern mit dem Objektiv fest. Das Sammeln von Fotografien: ein Investment mit Perspektive.

Was sagt man dazu? Da hat Playboy-Chef Hugh Hefner nun doch tatsächlich erklärt, ab sofort in seinem Männermagazin weitgehend auf Fotos spärlich bekleideter Schönheiten zu verzichten! Man wolle sich auf qualitativ hochwertige Textbeiträge konzentrieren. Eine Blitzumfrage im männlichen Bekanntenkreis ergab, dass die Herren das Heft zwar immer primär „wegen der Artikel” gekauft haben, aber trotzdem sei es doch „schade um die ästhetischen Bilder”, die ja spätestens seit Helmut Newtons Beiträgen Kult- und Kunstcharakter haben.

„Nude” ist allerdings nur eine von mehreren Nischen, auf die Foto-Fans fokussieren, und ernsthafte Sammler würden sich zu Recht empören, wollte man sie wegen ihres bevorzugten Sujets als bloße ­Nackedei-Liebhaber einstufen. Denn das Sammeln von Fotografie, einer vergleichsweise jungen Kunstsparte, deren Markt überhaupt erst seit rund 40 Jahren existiert, hat sich in den vergangenen Jahren geradezu explosionsartig entwickelt.

Kunstfotografie & Fotokunst

„Noch in den Achtzigerjahren wurde darüber diskutiert, ob Fotografie überhaupt Kunst sei”, erklärt Simone Klein, Europa-Chefin von Sotheby’s-Fotografie-Department. „Das steht mittlerweile außer Frage. Immerhin erzielen Fotografien bei Auktionen und im Handel auch schon Millionenpreise.”

Dies gilt freilich vor allem für Foto-Arbeiten zeitgenössischer Künstler – womit wir bei der semantischen Differenzierung wären: Experten unterscheiden zwischen Kunstfotografie und Fotokunst. Erstere umfasst das traditionelle Segment, also historische Bilder aus dem 19. Jahrhundert, mit etwa 20 Prozent Marktanteil und wenig verfügbarem Material der kleinste Bereich, und die Fotografie der Klassischen Moderne (ab ca. 1890); dieser Markt existiert in Europa seit den 1970er-Jahren.
Fotokunst kam rund 20 Jahre später auf und repräsentiert die – meist großformatigen – Werke zeitgenössischer Kunstschaffender, die die Fotografie als Medium einsetzen.
Für traditionelle Fotografie-Sammler schwer nachvollziehbar, macht zeitgenössische Fotokunst heute rund 75 Prozent des gesamten weltweiten Fotografiekunstmarkts mit seinen geschätzten 500 bis 800 Millionen Euro Jahresumsatz aus und übertrifft die Preise für älteres Material signifikant. So liegt der Weltrekord für eine Fotografie seit 2011 bei 4,3 Mio. Dollar (Andreas Gurskys „Rhein II”).

Preis & Wert

So erfreulich solche Ergebnisse für das jeweilige Auktionshaus und den Verkäufer auch sein mögen – Experten stehen ihnen nicht unkritisch gegenüber. Johannes Faber, seit 25 Jahren Österreichs einziger Galerist, der ausschließlich mit klassischer Fotografie handelt, hält die Preise für manche zeitgenössischen Arbeiten schlicht für Spekulation: „Ein klassisches Foto hat das Format 18 x 24 Zentimeter, höchstens DIN A4, während eine Arbeit von Gursky 3 x 4 Meter misst und in einem Eichenrahmen daherkommt. Das beeindruckt viele Leute, und dass dieses Bild in zehn Jahren vielleicht kaputt ist, interessiert sie nicht. Hier ist keine Nachvollziehbarkeit vom Wert zum Preis mehr gegeben.”

Dabei gebe es auch auf dem traditionellen Sektor – abseits jeglicher Spekulation – für Investoren interessante Preisentwicklungen, berichtet Anna Zimm, Leiterin der Sparte Fotografie im Auktionshaus WestLicht: „Anfang der 1990er-Jahre bekam man Arbeiten von Diane Arbus für rund 1.500 Dollar angeboten, heute kosten dieselben Werke 100.000 bis 200.000 Dollar.”
Der Comparative Auction Index, auf den sich auch der 2008 aufgelegte österreichische Art Photography Funds beruft, weist klassischer Fotografie seit 1976 eine durchschnittliche jährliche Wertsteigerung von 14 Prozent aus; der Fonds selbst erwirtschaftete nach eigenen Aussagen seit 2013 rund 4,5 Prozent pro Jahr
Ausschlaggebend für den Wert eines Fotos sind neben der Bedeutung des Fotografen Zustand und Seltenheit des Bildes, Letztere definiert durch die Anzahl und Datierung der Abzüge, die davon gemacht wurden. Die höchste Wertstufe bilden sogenannte Vintage Prints: Abzüge, die unmittelbar oder zumindest zeitnah zu der Entstehung eines Negativs von diesem Original-Negativ vom Fotografen selbst oder unter seiner Aufsicht angefertigt wurden, und von ihm in Form einer Signatur, eines Stempels, einer Widmung o.Ä. autorisiert wurden.
Es ist quasi der „Jahrgangs­abzug” (wenn man in der Weinsprache bleiben will, aus der der Begriff in den 1970er-Jahren entlehnt wurde), und umfasste in der Regel nur ein bis fünf Abzüge.

Ikonen & Stars

Dass das Zentrum des Fotomarkts nach wie vor in Amerika liegt, offenbart nicht zuletzt die Anzahl spezialisierter Galeristen und Händler, wie Faber weiß: „In Europa gibt es rund 20 Kollegen, die sich auf klassische Fotografie spezialisiert haben, aber allein in New York mehr als 200.” Das schlägt sich in den Verkaufsresultaten nieder: Die Höchstpreise werden vor allem für Amerikaner erzielt. Edward Steichen, Alfred Stieglitz, Ansel Adams, Irving Penn, Richard Avedon, Man Ray, Walker Evans, Edward Weston, Robert Mapplethorpe, etc. zählen zu den Blue Chips des Markts, und Ikonen – etwa Hollywood-Stars – sowie bekannte ikonografische Bilder garantieren Top-Preise. „Fotos, die Bestandteil unserer Kulturgeschichte sind, verkaufen sich einfach immer”, schildert Anna Zimm. „Dazu gehört eine Bewegungsstudie von Rudolf Koppitz genauso wie die Twins von Diane Arbus, René Burris Che Guevara mit Zigarre oder die Kuss-Bilder von Alfred Eisen-staedt und Robert Doisneau.”

Doch beeindruckende Wertentwicklungen beschränken sich keineswegs auf große Namen, beteuert Johannes Faber: „Mein erstes tolles Bild von Josef Sudek habe ich kurz nach der Ostöffnung 1989 in Prag für 3.500 Schilling gekauft, heute ist es um die 6.000 Euro wert.” Zwei Pigmentprints des tschechischen Künstlers erzielten bei Sotheby’s sogar schon 230.000 bzw. 270.000 Euro. Für ihn selbst spiele der finanzielle Wert freilich immer eine untergeordnete Rolle, sei „nur ein positiver Nebenaspekt”.
Manchmal allerdings erweist sich das, was einem gefällt, als unerwartet lukratives Investment. „Vor ungefähr 15 Jahren kam jemand mit einem geerbten Bild in meine Galerie und fragte, was es wohl wert sei”, erinnert sich Faber. „Angesichts der Qualität hatte ich den Verdacht, es könne sich um eine Arbeit von László Moholy-Nagy handeln, und fragte meinerseits, welchen Preis sich der Mann denn vorstelle. Er wollte 5.000 Schilling, und da ich zufällig genau diese Summe in der Kasse hatte, zog der Verkäufer zufrieden von dannen. Zwei Wochen später bot mir ein Kollege ein Vielfaches für die Fotografie – und seither besitze ich einen 30 Jahre alten Porsche.”

Wissen & Wollen

„Interessante Sammlungen sprechen immer die persönliche Handschrift ihres Sammlers”, ist WestLicht-Fachfrau Anna Zimm überzeugt. Eine conditio sine qua non sei aber eine intensive Beschäftigung mit dem Thema Fotografie: „Nur wer sich gut auskennt, trifft auch die richtigen Kaufentscheidungen. Wer zum Beispiel das ganze Oeuvre eines Fotografen kennt, kann die Wichtigkeit eines einzelnen Werks darin erkennen. Die Qualität eines Prints erkennt man, wenn man schon mehrere Originale gesehen hat. Und die Seltenheit einer Fotografie kann man dann einschätzen, wenn man den Markt beobachtet.”

Einsteigen kann in diesen Sammelmarkt buchstäblich jede/r: „Auf dem Flohmarkt gibt es gut erhaltene Albuminabzüge aus dem 19. Jahrhundert für 300 bis 400 Euro”, verrät Sotheby’s-Expertin Klein. Schnäppchen findet man auch in der Galerie Faber oder bei Auktionen: Bei WestLicht werden am 20.11. unter anderem Vintage Prints großer Magnum-Fotografen wie Robert Capa oder Henri Cartier-Bresson angeboten. Rufpreis für dessen Portraits des alten Henri Matisse: moderate 1.800 Euro.

••• Von Marie-Thérèse Hartig

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