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Die Chancen nach der Krise für den CEE-Raum © APA/AFP/Michal Cizek
© APA/AFP/Michal Cizek

Redaktion 25.09.2020

Die Chancen nach der Krise für den CEE-Raum

Corona könnte zentral- und osteuropäischen Ländern einen höheren Anteil an den globalen Lieferketten bringen.

••• Von Reinhard Krémer

Jedes Desaster birgt neue Möglichkeiten in sich – so scheint es auch diesmal zu sein. Denn die Corona-Pandemie zeigt, wie schnell Lieferketten unterbrochen werden können. Unternehmen werden künftig ihre Bezugsquellen diversifizieren, um diese Risiken zu begrenzen. „Es ist zwar nicht zu erwarten, dass China seine Position als globaler Lieferant verlieren wird, aber den zentral- und osteuropäischen Ländern könnten sich Chancen auf einen höheren Anteil an globalen Lieferketten eröffnen”, meint Grzegorz Sie­lewicz, Ökonom beim Kreditversicherer Coface für Zentral- und Osteuropa.

Produktivität im Fokus

Gut ausgebildete Arbeitskräfte, die Nähe zu Westeuropa, niedrige Arbeitskosten, eine gute Infrastruktur und ein stabiles Geschäftsumfeld machen Zentral- und Osteuropa bereits seit Jahren attraktiv für Investitionen aus dem Ausland.

Jetzt versuchen einige Länder vermehrt, ihren Anteil der Wertschöpfungskette der Produktion zu vergrößern. „Weitere Automatisierung und Digitalisierung sind Schlüsselthemen, um bei gesteigerter Produktivität wettbewerbsfähig zu bleiben”, sagt Sielewicz. Zentral- und Osteuropa könnte nicht nur von der verarbeitenden Industrie, wie der Automobilindustrie, profitieren, sobald der Corona-Schock und die konjunkturellen Schwächen überwunden sind.
Die Länder können die Verlagerung anderer Industrien erfolgreich nutzen. „Dazu könnte die Produktion von Elektro- und Elektronikgeräten gehören. Potenzial besteht auch bei Maschinen, Chemikalien sowie bei Transport und Lagerung”, listet Grzegorz Sielewicz einige Branchen auf.

Digitalisierung forcieren

Er ist sicher, dass sich die Region rasch an die Nachfrage anpassen könnte. Wenn die Länder weiter in Digitalisierung investieren, könnten auch die Dienstleistungssektoren, insbesondere im Baltikum und in den am weitesten entwickelten Ländern der Region einschließlich Tschechien, Ungarn, Polen, Slowakei und Slowenien, profitieren.

„Mittelfristig werden die Automobilunternehmen in Zentral- und Osteuropa von ihrer Wettbewerbsfähigkeit aufgrund der in den Vorjahren getätigten Investitionen und Produktionskapazitäten profitieren”, erwartet der Coface-Ökonom, „insbesondere dann, wenn sie sich an die strukturellen Veränderungen der Branche anpassen.”
Insgesamt, zeigt eine aktuelle Studie von Coface, bleibe die Zentral- und Osteuropa-Region wettbewerbsfähig. Die Produktionsanlagen seien relativ modern. Durch die Co-Finanzierung aus EU-Mitteln werde die Infrastruktur unterstützt.

Investitionen aus dem Ausland

„Eine höhere Produktivität bei gleichzeitiger Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit dürfte weitere Zuflüsse ausländischer Investitionen fördern und die Entscheidungen über potenzielle Produktionsverlagerungen in diese Region unterstützen”, erläutert Sielewicz.

Während die Kernländer dieser Region bereit seien, Investitionen anzuziehen, die sie in der Wertschöpfung nach oben bringen könnten, könnten die Balkanländer von Sektoren mit geringerer Wertschöpfung ausgewählt werden, darunter die Agrar- und Ernährungswirtschaft, die Textilindustrie oder im weiteren Sinne die Montage von Produkten aus importierten Komponenten.

Keine sanfte Landung

Coface erwartet ein langes Leiden für die Luftfahrt und keine rasche Erholung des Transportsektors: „Der Transportsektor wird sich nicht vor 2022 auf das Niveau des vierten Quartals 2019 erholen. Wir rechnen mit einem ‚langen Leiden' für die gesamte Luftfahrtbranche. Derzeit gibt es keinerlei Anhaltspunkte für eine rasche Erholung des Transportsektors”, erläutert Declan Daly, Regional CEO für Zentral- und Osteuropa.

Im aktuellen Szenario der Coface-Ökonomen wird der Umsatz der börsennotierten Unternehmen des globalen Transportsektors im 4. Quartal 2020 um 32% und im 4. Quartal 2021 noch um fünf Prozent niedriger sein als im Vergleich zum Jahresende 2019. „Sollte es zu einer zweiten Pandemiewelle in diesem Jahr kommen, wäre der Umsatz im vierten Quartal 2020 sogar um 57 Prozent und im 4. Quartal 2021 um 27 Prozent niedriger als Ende 2019”, sagt Daly.

Nachhaltigkeit wird wichtiger

Im See- und Schienenverkehr ist auf globaler Ebene eine starke Verschlechterung zu verzeichnen – auch wenn es einigen Märkten, zum Beispiel dem Schienengüterverkehr zwischen China und Europa, relativ gesehen, besser geht.

Der Schlüssel für eine positive Entwicklung könnte, so die Coface-Experten, in Innovationen liegen. „Auf lange Sicht werden Nachhaltigkeit und Umweltschutz die bestimmenden Herausforderungen für den Verkehrssektor und hier insbesondere für die Luftfahrt bleiben. Es wird Innovationen brauchen, die einen weniger umweltbelastenden Verkehr ermöglichen”, gibt Declan Daly einen Ausblick für die Branche.

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