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Rezessionsängste und „Alles in Butter”-Gefühl © Raiffeisen Capital Management
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Redaktion 18.10.2019

Rezessionsängste und „Alles in Butter”-Gefühl

Die Umfragen zeigen auf Rezession – den Börsen ist das egal. Ingrid Szeiler, CIO Raiffeisen KAG, analysiert.

••• Von Reinhard Krémer

Die Aussagen könnten kontroverser nicht sein: Einerseits ist die Erwartungskomponente des IFO-Index bereits zum sechsten Mal in Folge gefallen.

„Tiefere Werte als der aktuelle waren nur in den Jahren 2008 und 2009 zu beobachten, also während der Finanzkrise und der folgenden Rezession der Weltwirtschaft”, sagt Ingrid Szeiler, CIO der Raiffeisen KAG.
Doch der EuroStoxx50-Index hatte noch vor wenigen Tagen den höchsten Stand des heurigen Jahres. Seit Jahresbeginn konnten Euro-Aktien rund 16% zulegen (alle Zahlen Stand Redaktionsschluss; Anm.)

Alles in Butter – oder was?

In den USA ist die Situation ähnlich kontrovers, wenn auch – was die Vorlaufindikatoren betrifft – nicht so ausgeprägt. „Die Umfragen sagen also: Es kommt eine Rezession. Der Aktienmarkt, gemeinhin auch als recht verlässlicher Vorlaufindikator für die Konjunktur angesehen, sagt: Alles in Butter”, sagt Szeiler. „Mögliche Begründungen, Annahmen oder Erwartungen für diese Diskrepanz sind einfach zu finden – ob sie zutreffen, ist allerdings eine andere Frage”, so die Raiffeisen-Expertin und formuliert folgende Szenarien:
1. Die Abschwächung betrifft vor allem die Industrie. Der Dienstleistungssektor bleibt aufgrund der hohen Erwerbsquote weiterhin robust.
2. Der Handelskrieg wird noch heuer beendet; weder die USA noch China haben ein Interesse daran, das Thema ins Jahr 2020 zu schleppen.
3. Die Wirtschaftsschwäche des Jahres 2019 ist Ergebnis der geldpolitischen Straffung des Jahres 2018. Dementsprechend ist für 2020 vor dem Hintergrund der nunmehr wieder extrem lockeren Geldpolitik eine deutlich stärkere Wirtschaft zu erwarten.
4. Die Unternehmen können sich zu Bestkonditionen finanzieren.
5. Obwohl die Aktienmärkte auf Höchstständen notieren, ist die Stimmung weiterhin vorsichtig, und viele Anleger sind nicht voll investiert.
6. Anleger müssen in Aktien investieren, weil die Ertragschancen am Geld- und Anleihenmarkt begrenzt sind.
7. Präsident Trump löscht seinen Twitter-Account, und der Brexit wird abgesagt.

Wie geht’s den Anleihen?

„Globale Staatsanleihen zeichnen sich nicht nur durch niedrige beziehungsweise negative Renditen aus, wir beobachten auch seit etwa Jahresbeginn steigende implizite Volatilitäten an diesen Märkten”, sagt Ingrid Szeiler.

Vor allem Anfang September 2019 sprang dieses Angstbarometer an den Anleihemärkten stärker an als an den Aktienmärkten.
„Risikoarme” Staatsanleihen mit Investmentgrade-Rating stellen damit einen zunehmend unangenehmeren, risikoreicheren Teil eines diversifizierten Portfolios dar, so die Raiffeisen-Expertin. Unternehmensanleihen, vor allem High-Yield-Unternehmensanleihen, kompensieren der Raiffeisen-Einschätzung nach mittlerweile bei Weitem nicht mehr für die inhärenten Risiken: „Beim aktuellen Spread-Niveau und den von der Ratingagentur Moody’s erwarteten Ausfallsraten von vier Prozent per Ende August 2020 sowie seit eineinhalb Jahren sinkenden Recovery Rates sind die Ertragsaussichten am High-Yield-Markt so schwach wie zuletzt 2007/2008”, meint Szeiler.

Alarm in Deutschland

„Dass sich die exportlastige Industrie Deutschlands gleichzeitig in einer Rezession befindet, sei hier nur am Rande erwähnt”, sagt die Raiffeisen KAG-CIO.

„Emerging-Markets-Hartwährungs-Anleihen bleiben für uns eines der attraktivsten Segmente”, erläutert Ingrid Szeiler. Der Handelsstreit zwischen den USA und China spielt in diesem Zusammenhang eine nicht unwichtige Rolle. „Die wesentlichste Spread-Dynamik passierte zuletzt jedoch nicht am asiatischen Emerging-Markets-Anleihemarkt, sondern im lateinamerikanischen Segment, wo zuletzt nicht nur für Argentinien die Konjunkturprognosen von Analysten deutlich nach unten genommen wurden”, meint die Raiffeisen-Expertin.

Vorsicht bei „Entwickelten”

Die entwickelten Aktienmärkte tendierten in den letzten Wochen seitwärts, wobei weiterhin weniger Fundamentaldaten im Mittelpunkt stehen, als vielmehr erneut politische Themen (Handels- sowie Geldpolitik).

„Als wichtigster Unterstützungsfaktor erweisen sich einmal mehr die internationalen Notenbanken, während der Blick auf die Gewinndaten unverändert ernüchternd ausfällt”, sagt Ingrid Szeiler. „Aufgrund der anhaltenden Schwäche bei den Fundamentaldaten bleiben wir für dieses Segment vorsichtig gestimmt.”

Interessante Schwellenländer

Emerging-Markets-Aktien gehören im Jahr 2019 eindeutig zu den relativen Verlierern im Spiel der globalen Aktienmärkte, sagt die Raiffeisen KAG-CIO: „Verantwortlich dafür ist die äußerst schwache Entwicklung des globalen verarbeitenden Gewerbes, das von Natur aus einen größeren Niederschlag bei Aktien aus den Emerging Markets findet.”

Mittlerweile, so Szeiler, dürfte bereits sehr viel in den Aktienkursen eingepreist sein. Auch die Gewinnentwicklung – insbesondere im asiatischen Raum – scheint einen Boden auszubilden: „Daher kann die Region aktienseitig schon bald wieder interessant werden.”

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