HEALTH ECONOMY
ITSV punktet als stiller Riese mit Innovationen © Andi Bruckner

Die Geschäftsführer der ITSV GmbH, Hubert Wackerle und Erwin Fleischhacker (re.), managen die IT-Leistungen für alle Sozialversicherungsträger.

© Andi Bruckner

Die Geschäftsführer der ITSV GmbH, Hubert Wackerle und Erwin Fleischhacker (re.), managen die IT-Leistungen für alle Sozialversicherungsträger.

Redaktion 20.05.2016

ITSV punktet als stiller Riese mit Innovationen

Rund 180 Mio. € hat die IT-Tochter der Sozialversicherungen seit 2007 gespart; dabei wurden die Leistungen stark ausgebaut.

Viel wurde diskutiert, dann ging sie Ende des Vorjahres in der Steiermark und in Wien-Hietzing auffällig unauffällig in Betrieb: die elektronische Gesundheitsakte (ELGA). Seither haben sich mehr und mehr Bundesländer angeschlossen, und in diesen Tagen startet sie in Österreichs größtem Krankenhaus, dem AKH, sowie im steirischen Bezirk Deutschlandsberg – die E-Medikation. Probleme wurden trotz vieler Kritiker nicht bekannt. Technisch ist dafür ein Zusammenspiel von Bundesrechenzentrum, den IT-Abteilungen der Krankenanstalten, der Chipkarten GmbH und der ITSV GmbH verantwortlich. Über die ITSV GmbH läuft dabei der sogenannte Patientenindex quasi als Schlüssel. „Er wurde von uns entwickelt und wird von uns auch betrieben”, sagen die beiden Geschäftsführer, Erwin Fleischhacker und Hubert Wackerle, beim medianet-Lokalaugenschein.

SV-IT aus einer Hand

Ende 2004 wurde die IT-Services der Sozialversicherung GmbH (ITSV GmbH) als 100%ige Tochter der österreichischen Sozialversicherungsträger gegründet. Der recht ambitionierte Projektauftrag damals lautete: „Errichtung einer GmbH für die zukünftige Steuerung und Koordination der IT-Aktivitäten aller Sozialversicherungsträger”. Ziel war die Herstellung kompatibler EDV-Strukturen sowie die Entwicklung von Strategien und das Erbringen von Dienstleistungen unter dem Grundsatz der Gesamtwirtschaftlichkeit. Fleischhacker: „Im Laufe der Zeit sind zahlreiche Anforderungen, wie der operative Betrieb von Rechenzentren, die Software­entwicklung oder die Errichtung und der Betrieb eines zentralen Servicecenters, dazugekommen.”

Dem Auftrag entsprechend, sei es in den folgenden Jahren unter anderem gelungen, die unterschiedlichen IT-Systeme im Sozialversicherungsbereich zu vereinheitlichen und Rechenzentren zusammenzulegen. „Wir haben den ITSV-Masterplan mit allen Standardprodukten erfolgreich abgeschlossen und ein Callcenter etabliert, das bis heute insgesamt 24 Servicelines betreut”, schildert Fleischhacker.
Neben strategischen Dienstleistungen bietet das Unternehmen Softwareentwicklung, ein zentrales SV-Servicecenter zur Bearbeitung von telefonischen und E-Mail-Anfragen und technischen Support-Anfragen sowie den operativen Betrieb von Rechenzentren für 264 Standorte in Österreich, von Sozialversicherungs-Bezirksstellen bis zu Ambulatorien. Wackerle: „Wir arbeiten mit zwei synchron laufenden Standorten und einem dritten als Disaster Recovery, damit entsprechend höchste Sicherheit gewährleistet ist.”

Enorme Einsparungen

Auch die ELGA-Serviceline läuft über die ITSV GmbH. Vor allem aber ist das sogenannte Umbrellamonitoring hier angesiedelt für die Gesundheitsakte. Fleischhacker: „Wir haben den Überblick über alle Komponenten. Das ist wichtig, falls es irgendwo einen Ausfall gibt. Dann braucht es einen ­Ansprechpartner.” In der Vernetzung habe man mit ELGA sicherlich Neuland betreten, sagt Wackerle. Doch damit hat man in der ITSV GmbH Erfahrung. „Als innovatives Technologieunternehmen steuern und koordinieren wir die IT-Aktivitäten der gesamten Sozialversicherung.”

Die Konsolidierung der Sozialversicherungs-IT hatte für die Krankenversicherungen auch handfeste ökonomische Vorteile. „Trotz Leistungsausweitungen sind wir heute bei den Gesamtkosten auf dem Stand von 2007. Das bedeutet, dass sich die Krankenkassen rund 180 Millionen Euro gespart haben.” Das Arbeitsvolumen entspricht dabei dem eines Großkonzerns – immerhin serviciere man 25.000 User innerhalb der Sozialversicherung mit IT-Leistungen, schildern die Geschäftsführer.

Neue Hotline TEWEB

Und damit nicht genug: Neu ist der Aufbau einer Gesundheitshotline – ein telefon- und webbasiertes Erstkontakt-und Beratungs­service (TEWEB). Im Zuge der Gesundheitsreform zur Verbesserung der Primärversorgung haben sich Bund, Länder und Sozialversicherung auf die Einführung der österreichweiten, kostenlosen Gesundheitshotline geeinigt. Das unabhängige telemedizinische Beratungsservice soll Bürgern rund um die Uhr bei Gesundheitsfragen zur Verfügung stehen. Die Pilotphase startet im ersten Quartal 2017 in Vorarlberg, Niederösterreich und Wien, die österreichweite Ausrollung ist für 2019 geplant.

Das Ziel: Gesundheitliche Probleme am Wochenende oder in der Nacht sowie unbekannte Symptome stellen Patienten oder Angehörige oft vor große Herausforderungen. Um rasch Abhilfe zu schaffen, werden die ersten Teilbereiche für die Gesundheits­hotline TEWEB umgesetzt. In zahlreichen Ländern wie etwa Großbritannien, Israel, Schweden, Dänemark, den Niederlanden oder der Schweiz wird ein solches telefonbasiertes Beratungsservice bereits seit vielen Jahren angeboten.
Die entsprechenden Studien belegen dabei ein nachhaltiges Entlastungspotenzial für das Gesundheitswesen. Denn etwa 70% der Bürger beurteilen ihre gesundheitlichen Beschwerden hinsichtlich Dringlichkeit falsch; 80% der Anrufer benötigen aus medizinischer Sicht keine notfallmäßige Konsultation, 60% der Anrufe können mit der Selbstbehandlung abgeschlossen werden. Zudem zeigen die Studienergebnisse, dass sich rund 90% der Patienten an die Empfehlungen der telemedizinischen Berater halten.

Entlastung des Systems

Die Anrufe werden dabei von einem medizinischen Fachpersonal entgegengenommen, das dann mithilfe eines protokollgestützten, medizinisch-wissenschaftlichen Expertensystems die Auskünfte erteilt. Dabei werden verschiedene Faktoren – wie Wohnort der Anrufer, Öffnungszeiten von Kliniken, nächstgelegene Fachärzte und vieles mehr – berücksichtigt, um eine bestmögliche Betreuung sicherzustellen. Patienten sparen sich so unnötige Wege und Wartezeiten, womit gleichzeitig auch das Gesundheitssystem entlastet werden soll. Nichtsdestotrotz soll die Gesundheitshotline die ärztliche Beratung und Betreuung nicht ersetzen, sondern diese sinnvoll um eine zusätzliche und hochqualitative Serviceleistung ergänzen, heißt es von den Kassen.

Neuer Pilotversuch

Die ITSV GmbH übernimmt dabei das pilot­länderübergreifende Programm-Management sowie die Steuerung aller Aktivitäten zur Etablierung der neuen Gesundheitshotline TEWEB. Dazu zählen etwa die Konzeption und der Aufbau einer zentralen Datenbank, wo im Sinne einer laufenden Qualitätsoptimierung die Auskünfte ausgewertet werden. Im Hinblick auf den Datenschutz wird durch Verschlüsselung und Pseudonymisierung ­sichergestellt, dass keine personenbezogene Nachvollziehbarkeit möglich ist.

Ohne entsprechend qualifizierte Beschäftigte wäre das breite Angebot an Leistungen nicht machbar, sagt Wackerle. Hier punktet das Unternehmen aufgrund der technischen Herausforderungen bei IT-Experten aus allen Bereichen. Gleichzeitig baut das Unternehmen aber auch seit Jahren eigenen Nachwuchs auf und aus.
„Wir bilden schon heute die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von morgen aus”, sagt Fleischhacker. Für das Engagement im Bereich der Lehrlingsausbildung haben er und Wackerle im Vorjahr den außerordentlichen Award der Drehscheibe Lehrlingsausbildung erhalten. Die Drehscheibe Lehrlingsausbildung ist ein trägerübergreifendes Netzwerk der Lehrlingsausbildnern, das zum Austausch gemeinsamer Erfahrungen und Aktivitäten im Lehrlingsbereich dient. Vor gut sechs Jahren hat die ITSV GmbH dazu ihre Lehrlingsoffensive gestartet. Weil dem Unternehmen die Ausbildung im eigenen Haus besonders am Herzen liegt und das Motto „Alles aus einer Hand” auch in der Lehrlingsausbildung gelebt wird, hat die Geschäftsführung eine eigene Stelle geschaffen, die sich mit allen Agenden der Lehrlinge befasst. Seit 2010 werden in der ITSV GmbH IT-Techniker und Technikerinnen ausgebildet; im Jahr 2013 kam der Lehrberuf IT-Informatiker/Informatikerinnen dazu, seit 2014 werden wieder Bürokaufleute in Wien ausgebildet. Die Qualität der gebotenen Ausbildung wurde auch durch die Auszeichnung als „Top-Lehrbetrieb” in Wien durch die Wirtschaftskammer hervorgehoben.

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