HEALTH ECONOMY
„Pharmabranche steht vor Wende” © Wilke; panthermedia.net/ajafoto / Montage: B.Schmid

Big DataIQVIA-Geschäftsführer Martin Spatz beobachtet die Entwicklung, dass immer mehr Pharmafirmen auch über den Tellerrand blicken.

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Big DataIQVIA-Geschäftsführer Martin Spatz beobachtet die Entwicklung, dass immer mehr Pharmafirmen auch über den Tellerrand blicken.

Redaktion 05.10.2018

„Pharmabranche steht vor Wende”

Paradigmenwechsel im Gesundheitswesen sieht Martin Spatz, Geschäftsführer des Gesundheitsdienstleisters IQVIA.

••• Von Martin Rümmele

WIEN. Das auf Dienstleistungen im Gesundheitsbereich spezialisierte Unternehmen IQVIA will im kommenden Jahr neue Schwerpunkte setzen, sagt Österreich-Geschäftsführer Martin Spatz im medianet-Interview.

medianet:
Wie sehen Sie die Marktentwicklungen und wo liegen Ihre Schwerpunkte?
Martin Spatz: 2017 war kein einfaches Jahr, weil es in der Branche durch die gesetzliche Preisband- und EU-Durchschnittspreisregelung sehr viel Unsicherheit gab. Das hat viele unserer Kunden betroffen. Die Auswirkungen waren lange unklar. Für 2018 haben wir als Unternehmen das ambitionierte Ziel der Portfolioerweiterung. Stichworte sind ‚Leihaußendienstangebot' und ‚Technologie'.

medianet:
Wo sehen Sie technische Entwicklungen?
Spatz: Technologie bedeutet, dass IQVIA heuer eine Reihe von IT-Dienstleistern und deren Produkte gekauft hat, die Pharmaunternehmen vor allem bei der regulatorischen Arbeit unterstützen. Die Smart Solve Software der Firma Pilgrim hilft etwa bei Pharmakovigilanz und Qualität, mit der man sehr gut Nebenwirkungsmeldungen erfassen kann. ePromo ist ein Tool zur Erfassung und Freigabe von Werbemitteln zur Unterstützung von Informationsbeauftragten in den Unternehmen. Die Herausforderungen werden immer größer für Unternehmen, und solche Tools können helfen, den Überblick zu behalten. In Österreich bieten wir Kunden auch lokalen Support.

medianet:
Welche Trends sehen Sie in der Branche?
Spatz: Innerhalb der Branche sehe ich vier große ‚Wendepunkte'. Zum einen kommt ein Paradigmenwechsel auf uns zu, etwa bei Novartis, die einen zellbasierten Therapieansatz einführt, der individuell auf Patienten zugeschnitten ist. Das ist nicht mehr ‚klassisches' Pharmageschäft, bei dem Arzneimittel gehandelt werden. Hier werden Zellen entnommen, außerhalb des Körpers behandelt und dann wieder in den Körper transferiert. Weitere Firmen werden folgen, weil der medical need und die Heilungschancen außerordentlich groß sind. Ein zweiter Trend sind Biosimilars, die noch stärker kommen. Firmen wie Sandoz oder Mylan sind mit Nachfolgeprodukten gut etabliert. Es treten aber auch neue Player in den Markt, wie Amgen, Biogen oder Boehringer Ingelheim. Ich bin gespannt, wie diese innovativen Firmen reüssieren.

medianet:
Und weitere Trends?
Spatz: Dritter großer Trend sind Medical-Apps. Hier ist Österreich gut aufgestellt und hat mit einem Unternehmen international schon für Aufsehen gesorgt: Mysugr. Mit der Firma Diagnosia gibt es ein weiteres interessantes österreichisches Unternehmen. Im Bereich Diabetes wird der Einsatz bestimmter Medical Apps zur Förderung der Compliance bereits von Fachgesellschaften empfohlen. Interessant für die Hersteller sind auch die Daten der User. Und damit kommen wir zum letzten Trend: Real World-Daten. Das ist für Pharmaunternehmen derzeit noch kein großes Thema, könnte aber in Zukunft an Bedeutung gewinnen, vor allem, wenn sich der Trend verstärkt, dass Zulassungsbehörden und Bezahler Erkenntnisse abseits der standardisierten klinischen Forschung aus der realen Welt akzeptieren.

medianet:
Wie beurteilen Sie das neue Forschungsorganisationsgesetz, bei dem ja ELGA-Daten ausgenommen sind?
Spatz: Das stellt für Österreich sicher einen Paradigmenwechsel dar im Hinblick auf den Umgang mit Gesundheitsdaten. Im Hinblick auf ELGA sehe ich das sehr unemotional, weil die Verwendung dieser Daten technisch zurzeit ja noch gar nicht möglich ist. Grundsätzlich wurde beschlossen, die Verwendung anonymisierter Gesundheitsdaten unter bestimmten Voraussetzungen zu reinen Forschungszwecken zu ermöglichen. Für sehr viele Fragestellungen braucht man gar keine personalisierten Daten.

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