INDUSTRIAL TECHNOLOGY
Acht herausragende Chemie-Innovationen © Lenzing

Lenzing-CEO Stefan Doboczky

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Lenzing-CEO Stefan Doboczky

Paul Christian Jezek 10.11.2016

Acht herausragende Chemie-Innovationen

Intelligente Lösungen für Bau- und Energiemanagement, neue Lacke und Textilfasern, Operationshandschuhe auf UV-Basis und vieles mehr.

WIEN. Am 10. November fand der Innovation Day des Fachverbandes der Chemischen Industrie in den Räumlichkeiten der Wirtschaftskammer statt. Er gab einen umfassenden Einblick in die Lösungskompetenz der heimischen Chemieunternehmen und deren derzeitige und zukünftige Positionierung im globalen Wettbewerb.

Eröffnet wurde die Veranstaltung von Reinhold Mitterlehner, Vizekanzler und Bundesminister für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft. Für die Keynote konnte Werner Gruber, Physiker und Direktor Planetarium der Stadt Wien, gewonnen werden. Im Anschluss stellten acht Unternehmen der Chemischen Industrie Österreichs ihre herausragenden neuen Produkte und Verfahren vor:

1) Ein Holzschutz, der sich selber heilt? Das klingt nach Zukunftsmusik, ist dank Adler-Lacke aber schon heute Gegenwart. Die SH-Technologie verhindert Folgeschäden bei Oberflächenverletzungen von Holzfenstern. Risse, die etwa durch Hagel entstehen, werden vom Lackinneren heraus versiegelt – dadurch kommt es zu keiner Blasenbildung, und auch das Abblättern bleibt aus. Damit macht Adler das Holzfenster noch nachhaltiger.

2) Für die Bauindustrie hat BASF das Master X-Seed-Crystal-Speed-Hardening-Konzept entwickelt. Damit können erstmals sehr feindispergierte, synthetisch hergestellte Kristalle in einer gebrauchsfertigen Suspension als Kristallkeime dem Beton zugesetzt werden. Durch dieses „Seeding“ wird eine erhebliche Beschleunigung des Erhärtungsprozesses erreicht. Durch den Zusatz von Master X-Seed härtet Beton bei 20°C genauso schnell wie Beton ohne Erhärtungsbeschleuniger bei 60°C. Master X-Seed ist ein Beispiel dafür, wie die interdisziplinäre Ausrichtung der Forschung bei BASF neue Anwendungen in der Bauindustrie ermöglicht.

Molekulare Schlüssel
3) Mehr als drei Mio. Menschen weltweit erkranken an Tumoren mit dem genetisch veränderten Protein KRAS. Seit Jahrzehnten sucht man vergebens nach dem passenden molekularen „Schlüssel“, um KRAS abzuhalten. Boehringer Ingelheim hat sich darauf spezialisiert, Schlüssel für solche „sehr schwer zu knackenden Schlösser“ zu erforschen. Das Unternehmen ist zuversichtlich, diese neuen Medikamente in drei bis fünf Jahren im Rahmen der klinischen Forschung an Krebspatienten testen zu können. „Unsere Medizinalchemiker sind dabei zugleich Architekten und Handwerker dieser Arzneimittel“, erklärt Boehringer-Experte Darryl McConnell.

4) Borealis präsentiert einen für den Elektrosportwagen BMW i8 entwickelten neuen Stoßfängerwerkstoff aus Polypropylen, der grundierungsfrei lackiert werden kann, in der Produktion Zeit, Energie und Kosten einspart und dennoch höchste Design- und Leistungsanforderungen erfüllt. Das geringe Gewicht reduziert zudem Kraftstoffverbrauch und CO2-Emissionen. Ein weiteres innovatives Produkt von Borealis ist ein Isolierwerkstoff für Hochspannungskabel, der die Übertragung von Gleichstrom von bis zu 525 kV ermöglicht – 45% mehr, als die bislang möglichen 360kV! So kann Strom über lange Wege und ohne große Verluste z.B. von Küstenwindparks ins Landesinnere transportiert werden und ermöglicht so die Integration erneuerbarer Energien ins Stromnetz.



Connect Innovation

5) „Technologischen Vorsprung durch Connect Innovation“ realisiert die Greiner Foam International GmbH – durch ein Online-Tool wurde die Möglichkeit geschaffen, alle Mitarbeiter an allen Standorten in die Ideenfindung und „Vorbewertung“ einzubinden. Aktueller Gewinner ist ein neuartiges Aquaponik-System, das Experten und Produkte aus den Sparten Extrusion, Packaging, Schaumstoff und Bio-One vereint. Es geht dabei um horizontale oder vertikale Extrusionsprofile und/oder Tiefziehteile, welche die Pflanzgefäße, Nährstofflösungen, Nährgranulat oder Pflanzschaumstoffe aufnehmen. Der Grundkasten umfasst alle Nährstoffe und Pflanzen oder sogar Fische, die vertikal übereinander- oder horizontal aneinandergereiht oder gesteckt werden können. Zusatzschläuche oder Bohrungen für Pflanzgefäße sind dabei nicht notwendig, denn dies alles ist bereits in einem Grundkasten vereint.

6) Die Lenzing AG (Bild: CEO Stefan Doboczky) produziert Fasern aus Holz und zählt zu den innovativsten Unternehmen Österreichs. Sie präsentiert beim Innovation Day am 10. November eine neue Generation der Tencel-Faser, für die Zuschnittabfälle von Baumwollgeweben als Rohmaterial verwendet werden. Die sehr umweltfreundliche Tencel-Faser wird mit Zellstoff aus Recycling-Materialien kombiniert und hat daher einen sehr vorteilhaften ökologischen Fußabdruck. Dies ist ein bedeutender Schritt zu einer nachhaltigeren Textilproduktion – weitere Innovationen werden folgen.

Gegen Allergien
7) In Kooperation mit dem Polymer Competence Center Leoben GmbH (PCCL) ist es Semperit gelungen, eine Technologie zu entwickeln, die anstatt allergieauslösender Beschleunigerchemikalien fotochemische Prozesse (induziert durch UV-Licht) zur Vernetzung des Handschuhfilms einsetzt. Der Sempermed Syntegra UV ist der weltweit einzige synthetische OP-Handschuh aus Polyisopren, der vollständig frei von Beschleunigerchemikalien ist, die potenziell Allergien auslösen können. Der innovative Herstellprozess des Sempermed Syntegra UV macht ihn daher zur idealen Lösung für Menschen, die unter Latexallergien (TypI) oder durch Beschleuniger im Produktionsprozess (Typ IV) hervorgerufenen Allergien leiden.

8) Last but not least hat sich die Treibacher Industrie AG mit Werkstoff-Know-how aus Kärnten zum globalen Innovationsführer entwickelt; dazu zählt ein Niobat-Dielekrikum, das in der Medizintechnik erfolgreich zur Krebstherapie eingesetzt wird; des Weiteren eine Suspensions-Plasma-Spritz-Technologie, in Kombination mit Material und Suspensionsherstellung, um bessere Wärmedämmschichten auf Flugzeugturbinenschaufeln für effizientere Triebwerke zu erhalten. Darüber hinaus hat Treibacher neue katalytische Funktionsmaterialien auf Basis umweltfreundlicher Vanadium- und Seltenerdverbindungen entwickelt, die in SCR- und DPF-Katalysatoren für Automobile und Schifffahrt zur Verringerung von NOx- und Rußpartikelemissionen eingesetzt werden.
Und schließlich thermoelektrische Materialien spezieller Antimon-Seltenerdlegierungen, die – in thermoelektrischen Generatoren in Automobil- und Industrieanwendungen eingesetzt – Abwärme in elektrische Energie umwandeln. (pj)

http://www.fcio.at

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