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Die große Chance der Fahrräder © Mahle
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Redaktion 08.04.2021

Die große Chance der Fahrräder

Versteckte Chancen im Kampf gegen den Klimawandel: Warum die Fahrradindustrie noch lange attraktiv sein dürfte.

WIEN. Geht es um die Dekarbonisierung des Transportwesens, einem der vier großen Emittenten von CO2, haben die meisten bislang an Brennstoffzellen und Elektro- sowie Hybridmotoren für Pkw und Lkw gedacht. Dass auch das Fahrrad einen wesentlichen Beitrag dazu leisten kann, war nur den wenigsten bekannt.

Rund drei Viertel der im Transportwesen entstehenden Treibhausgase werden im städtischen Nahverkehr erzeugt, also auf Strecken wie für das Fahrrad gemacht. Und mittlerweile zeigt sich, dass immer mehr Menschen auch tatsächlich für kurze Trips vom Auto auf das Fahrrad umgestiegen sind.

Dafür sprechen die mittlerweile auf bis zu zwölf Monate gestiegenen Lieferzeiten für Fahrräder. Auch das überdurchschnittlich kräftige Absatzplus bei den Lastenfahrrädern von 40% im vergangenen Jahr lässt darauf schließen, dass der Drahtesel zunehmend den Pkw im Alltag von Städtern verdrängt.

E-Bikes treiben das Wachstum der Fahrradindustrie
Derzeit hat der globale Markt für traditionelle Fahrräder und E-Bikes mit rund 45 Mrd. USD bereits ein Volumen, das auf dem Niveau der Pendants für Motorräder (39 Mrd. USD) und Campingwagen (50 Mrd. USD) liegt.

Das Wachstum in den kommenden Jahren dürfte durch die E-Bikes getrieben werden: Wurden 2015 in Europa gerade einmal rund eine Mio. dieser Fahrräder neu verkauft, lag die Zahl 2020 bereits bei etwa 3,8 Mio. und soll sich bis 2025 auf fast zwölf Mio. verdreifachen. Vor allem die verbesserte Reichweite der Batterien wird für eine zunehmende Akzeptanz durch alle Alters- und Gesellschaftsschichten sorgen. Ein umgekehrtes Bild bei traditionellen Drahteseln: Gingen 2015 noch rund 20 Mio. dieser Fahrräder über die Tresen, waren es 2020 nur noch 17 und 2025 dürften es nur noch 16 Mio. sein.

Neben dem insgesamt gestiegenen Bewusstsein für die potenziell dramatischen Folgen des Klimawandels dürften bei viele Menschen auch finanzielle Anreize den Umstieg auf das Fahrrad begünstigt haben. Im Rahmen des „Grünen Deals“ der EU beispielsweise stehen 20 Mrd. € zur Förderung der urbanen Mobilität zur Verfügung. Das Gros der Mittel wird zwar für den Ausbau der Radwege verwendet, allerdings wird ein Teil auch zur Subventionierung des Kaufs neuer Fahrräder genutzt. In Italien beispielsweise bekommt man beim Erwerb bis zu 500 €.

Auch die bereits jetzt vielfach verbesserte Infrastruktur hat zur Nachfrage beigetragen: In Städten werden Parkplätze und Straßen zurückgebaut und durch Radwege oder geteilte Rad- und Busspuren ersetzt. Daneben wird das Parken auf Radwegen stärker geahndet, der Abstand beim Überholen inner- und außerorts muss größer sein und Lkw dürfen beim Abbiegen nur noch Schrittgeschwindigkeit fahren. Das macht es noch einmal etwas sicherer, sich als Radfahrer auf der Straße zu bewegen.

Quasi-Oligopol macht die Zulieferer besonders interessant
Ähnlich wie im Automobilsektor können Anleger auch in der Fahrradindustrie entweder über die Aktien der Hersteller oder die Papiere der Zulieferer investieren. Besonders attraktiv erscheinen die Zulieferer, die über ein Quasi-Oligopol mit den entsprechend großen Marktanteilen, hohen Margen, guten Bilanzen und starker Preissetzungsmacht verfügen. Dazu zählen z.B. die Zulieferer von Antrieben, Bremsen und speziell für E-Bikes entwickelten und produzierten Batteriezellen.

Zwar sind die Zulieferer genau wie die meisten Hersteller aktuell vergleichsweise hoch bewertet, dafür verfügt die Fahrradindustrie jedoch auch über sehr gute Aussichten. Die Kapazitäten sind mit 80 bis 90% ausgelastet. Die Lieferzeiten liegen bei neun bis zwölf Monaten – teilweise ist sogar überhaupt nichts zu bekommen. Die Unternehmen können daher die Preise für im vergangenen Jahr bestellte Fahrräder und Komponenten rückwirkend um teilweise zehn Prozent anpassen.

Auch über den Tag hinaus gibt es ein sichtbares Wachstum. So ist die E-Bike-Penetration in Europa zwar schon recht hoch, in Deutschland beispielsweise liegt der Anteil an den jährlichen Neuverkäufen bei 30, in den Niederlanden sogar bei 50%. Aber in Großbritannien und den USA sind es gerade einmal ein bis zwei Prozent – und in beiden Ländern können Subventionsprogramme, die sich in unterschiedlichem Reifegrad in der Pipeline befinden, für zusätzliche Nachfrage sorgen. Dieses Thema ist bei vielen Investoren noch unterhalb des Radars und bietet daher Potenzial. (pj)

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