INDUSTRIAL TECHNOLOGY
Die Industrie „entdeckt“ Start-ups © Kapsch TrafficCom AG/APA-Fotoservice/Preiss

Axel Kühner (Greiner), Michael Strugl (oö. Wirtschaftslandesrat) und Heiner Röhrl (Primetals, v. l.)

© Kapsch TrafficCom AG/APA-Fotoservice/Preiss

Axel Kühner (Greiner), Michael Strugl (oö. Wirtschaftslandesrat) und Heiner Röhrl (Primetals, v. l.)

PAUL CHRISTIAN JEZEK 30.06.2016

Die Industrie „entdeckt“ Start-ups

KREMSMÜNSTER. Für Industrieunternehmen ebenso wie für Start-ups könnten Win-Win-Situationen entstehen, wenn man die Vorteile beider verknüpft. Bei den Start-ups ist das die unkonventionelle Art, neue Innovationen auf der „grünen Wiese“ zu produzieren, bei den Leitbetrieben sind das die Branchenerfahrung, der finanzielle Spielraum und die Kraft, Innovationen auch über die „letzte Meile“ auf den Markt zu bringen.

Start-ups sind oft radikal innovativ und flexibel, Großunternehmen hingegen haben starke Produktions- und Vertriebskapazitäten. „In unserer schnelllebigen Zeit wird es immer wichtiger, frühzeitig neue Trends zu entdecken und aufzugreifen“, sagt Axel Kühner, Vorstandsvorsitzender der Greiner Holding AG. „Die Anwendung von Start-up-Tools zu Ideenentwicklung und das Eintauchen in deren Szene sehen wir als unumgänglich an.“ Die Greiner Gruppe zeichnet sich seit ihrem Bestehen durch Pioniergeist aus. Ursprünglich wurde mit der Verarbeitung von Kork begonnen. Heute ist die Greiner Gruppe ein stark diversifizierter Konzern, bei dem Kunststoff und Schaumstoff die zentralen Werkstoffe sind.

Speziell die Tochter Greiner Technology & Innovation arbeitet intensiv an neuen Geschäftsmodellen und –ideen. „Die GTI beschäftigt sich losgelöst vom Tagesgeschäft der Kernsparten mit Innovationsmanagement und Trends, die für uns von Relevanz sein könnten“, so Kühner. Dabei wendet GTI einige typische Start-up-Tools an: So wurde z. B. vor mehr als einem Jahr eine Online-Innovationsplattform installiert, die es den mehr als 9.100 Mitarbeitern der Greiner Gruppe ermöglicht, ihre Ideen zu teilen. Die Ideen müssen nicht im direkten Zusammenhang mit Greiner-Produkten oder Unternehmensbereichen stehen, sondern sollen den Horizont erweitern. Die auf der Plattform eingebrachten Ideen werden von anderen Teilnehmern „geliked“, „geshared“ und kommentiert. „Die Anzahl der Likes und der Kommentare entscheidet, ob die Idee auch von einer Experten-Jury bewertet wird“, erklärt Kühner. Beim jährlich stattfindenden internationalen Management Meeting werden 10 Ideen in Form eines „Pitches“ mit anschließendem „Voting“ nochmals von den Top-Managern bewertet. „Der Sieger bekommt 200.000 Euro und die Unterstützung von Experten zugesagt, um die Idee zu einem Produkt bzw. einem Geschäftsbereich zu entwickeln“, ergänzt Kühner.

Beste Idee „Aquaponik“

Die Idee, die letztes Jahr prämiert wurde, beschäftigt sich mit Aquaponik. Derzeit wird unter Anwendung des Business Model Canvas – ebenfalls einem Tool der Start-up-Szene – ein Businessplan ausgearbeitet. Dabei arbeitet Greiner auch intensiv mit tech2b, der Start-up Förderung in Oberösterreich, zusammen.

Die Greiner Technology & Innovation sucht jedenfalls weiter laufend den Kontakt zur Gründerszene und hält dabei auch Ausschau nach möglichen Minderheitsbeteiligungen. „Wir gehen dabei auch auf Start-ups zu, deren Ideen die klassische Kunststoffverarbeitung kannibalisieren“, sagt Kühner.

Innovationsimpulse

Ähnlich wie die Greiner-Gruppe agiert (und denkt) auch die Primetals Technologies Austria GmbH, die sich mit Engineering, Anlagenbau und Lifecycle-Services in der Metallindustrie befasst. Dabei sind Lieferung von Ersatz- und Verschleißteilen, Durchführung von Wartungen, Instandhaltungen und Reparaturen, Modernisierungsprojekte, Consulting-Leistungen etc. ein zentraler Geschäftsbereich. Primetals Technologies will Kunden im Service-Bereich mit innovativen Lösungen unterstützen und setzt dabei auch auf die innovative Kraft von Start-ups und angehenden Jungunternehmern. „Wir möchten unser Wissen, das wir bei zahlreichen Projekten im In- und Ausland im Service-Geschäft erworben haben, mit Leuten zusammenbringen, die anders denken und andere Zugänge haben als wir“, erklärt CEO Heiner Röhrl. „Die Zusammenarbeit mit Start-ups kann einen entscheidenden Innovations-Impuls für unser Unternehmen bringen.“

Dafür bietet eine eigene „Business Factory“ maßgeschneiderte Programme für die Unternehmensgründung und -weiterentwicklung, gibt finanzielle Starthilfe und stellt Infrastruktur zur Verfügung. Dabei stehen Workshops zu relevanten Themen wie Erstellen von Business-Plänen, Entwicklung von Geschäftsmodellen, Projektmanagement, etc. auf dem Programm. Ebenso wird der Erfahrungsaustausch mit Personen, die bereits Start-ups gegründet haben, forciert. Falls die Idee Potenzial hat und es zur Unternehmensgründung kommt, erhält Primetals Technologies im Gegenzug für die Starthilfe Anteile am Unternehmen.

Für bereits gegründete Start-ups gibt es ein Inkubationsprogramm, das zwischen sechs und zwölf Monaten angelegt ist. Dieses soll junge Unternehmen schnell voranbringen und am Markt etablieren. Dabei werden Themen wie die Etablierung von Geschäftsprozessen, Qualitätsmanagement oder der Aufbau des Vertriebsnetzes behandelt. „Uns ist es ein Anliegen, nicht nur in Start-ups zu investieren, sondern partnerschaftlich auf Augenhöhe mit ihnen zusammenzuarbeiten sowie Ideen und gemeinsame Geschäftsmodelle zu entwickeln”, betont Röhrl.

BEWERTEN SIE DIESEN ARTIKEL

TEILEN SIE DIESEN ARTIKEL

Ihr Kommentar zum Thema