INDUSTRIAL TECHNOLOGY
Die Lackindustrie leidet unter mangelnder Rohstoffverfügbarkeit © Adler
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Paul Christian Jezek 29.06.2017

Die Lackindustrie leidet unter mangelnder Rohstoffverfügbarkeit

In diesem Jahr jedoch besseres Ergebnis erwartet.

WIEN. Die Unternehmen der heimischen Lack- und Anstrichmittelindustrie blicken auf ein passables Jahr 2016 zurück. Mit einer Gesamtproduktion von 161.000 t und einem Produktionswert von 434 Mio. € konnte eine unter den gegebenen Rahmenbedingungen zufriedenstellende Steigerung von ca. 3,1 Prozent erzielt werden. Während der Bereich der Industrie- und Autolacke (+1,5%) ebenso wie die Bautenfarben (+1,9%) nur bescheidene Zuwächse verzeichnen konnten, freuten sich industrielle Holz- und Möbelbeschichtungen über eine willkommene Steigerung von 3,1 Prozent. Das Fazit von Hubert Culik, Obmann der österreichischen Lackindustrie: „Die Unternehmen der Lackindustrie konnten sich 2016 trotz schwierigem Umfeld gut behaupten. Das Jahr 2017 hat gut begonnen. Dank des konjunkturellen Aufschwungs in Europa erwarten wir uns für heuer ein besseres Ergebnis.“

Die von den Unternehmen im Laufe des Jahres 2016 berichteten positiven Entwicklungen in Mittel- und Osteuropa fanden nur bedingt Niederschlag in der Außenhandelsstatistik; sie sind hier sehr länderspezifisch. Während die Exporte nach Polen um 30 und in die Niederlande um 15% erhöht werden konnten, verringerten sich die Exporte in die Tschechische Republik um 16%. „Die Exporte nach Russland erholten sich minimal, die Werte vor der Ukrainekrise sind allerdings nach wie vor unerreicht“, so Ernst Gruber, Obmann Stellvertreter der österreichischen Lackindustrie.

Rohstoffproblematik spitzt sich zu
Rohstoffseitig ist die Branche allerdings schwer gefordert. Bedingt durch einige Force Majeur-Meldungen namhafter Rohstoffhersteller, war man zu Jahresbeginn mit Preisanstiegen und Verknappungen bei selektiven Schlüsselrohstoffen konfrontiert. So sind die Preise für das für die Lackindustrie so entscheidende Titandioxid seit Sommer 2016 um ca. 30% gestiegen. Mittlerweile hat sich die Teuerung aber quer über die Rohstofflandschaft von Lösemitteln/Bindemitteln und Pigmenten ausgeweitet.

Rohstoffkosten sind für die Lack- und Anstrichmittelindustrie entscheidend, da sie mehr als die Hälfte der Produktionskosten ausmachen. Die Mehrbelastung für die Branche wird signifikant werden. Die angespannte Lage dürfte sich auch in den nächsten Monaten nicht deutlich verbessern. Die Rohstoffpreise haben mittlerweile ein Niveau erreicht, das auch verkaufsseitig an die Kunden weitergegeben werden muss.

Auch die Chemikaliengesetzgebung setzt die Branche unter Druck
Bei der Umsetzung der neuen chemikalienrechtlichen Vorschriften Reach und CLP werden zunehmend schärfere Einstufungen für Stoffe vorgeschlagen, und weitgehende Verbots- und Beschränkungsmaßnahmen drohen am Horizont. Viele dieser Rohstoffe sind für die Herstellung von Lacken, Farben und Beschichtungen unverzichtbar. Oftmals unterliegen Neubewertung bzw. Verbote und Beschränkungsmaßnahmen keinerlei fundierten wissenschaftlichen Grundlagen.

So könnte die Einstufung von Titandioxid als möglicherweise krebserregend beim Einatmen in naher Zukunft dazu führen, dass die Konsumenten durch verpflichtete Kennzeichnungen in die Irre geführt werden. Der Stoff wird seit rund 100 Jahren kommerziell eingesetzt und derzeit in Mengen von bis zu 10 Mio. t pro Jahr in Europa hergestellt oder verarbeitet. Zehntausende Arbeiter weltweit und Millionen Konsumenten kommen tagtäglich mit TiO2 in Kontakt. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass eine krebserregende Wirkung von TiO2 bei einer solch weitreichenden Exposition bislang verborgen bleiben konnte. „Da Titandioxid im flüssigen Lack gebunden ist, kann es logischerweise nicht eingeatmet werden“, folgert Hubert Culik. „Daher wird sich die Lackindustrie dafür einsetzen, dass es zu keinen Einschränkungen für feste und flüssige Produkte, die Titandioxid enthalten, kommt.“

Die von der EU angestrebten Beschränkungen im Biozid-Bereich erschweren die Haltbarkeit besonders bei den umweltfreundlichen, wasserbasierten Farben und Lacken, da diese Produkte ohne Konservierungsstoffe nur noch in Kühlung gelagert werden könnten. „Der heutige Kenntnisstand ermöglicht einen sehr bewussten und nachhaltigen Umgang mit Bioziden“, ist Albert Keiler, Obmannstellvertreter der österreichischen Lackindustrie, überzeugt. „Im Bereich der Chemikalienkennzeichnung ist eine ganzheitliche Betrachtung und eine objektive Risikoabschätzung unumgänglich, um zu einer tragbaren Lösung zu kommen.“

Nachwuchsförderung hat Priorität
Um den Nachwuchs am aktuellsten Stand zu halten, stattet die Lackindustrie die HTL Rosensteingasse mit neuer Laborausrüstung und sonstiger Gerätschaft für den Lehrgang Oberflächentechnik aus.
Damit es auch in Zukunft genügend Fachkräfte in der Branche gibt, soll in Kürze in Kooperation mit der Fachhochschule Technikum Wien, dem Österreichischen Forschungsinstitut für Chemie und Technik (OFI) sowie der Universität Wien ein Fachhochschullehrgang für Lack- und Oberflächentechnik eingerichtet werden. Die Einreichung konnte bereits erfolgen, nachdem sich eine Reihe von Unternehmen bereit erklärt haben, die nötige Anschubfinanzierung zu unterstützen.

Lackindustrie braucht verlässliche und planbare Rahmenbedingungen
Die österreichische Lackindustrie fordert die EU-Kommission auf, einen risikobasierten Ansatz bei Verboten und Beschränkungen zu wählen, und wünscht sich durch Übergangsfristen mehr Zeit, um auf Änderungen reagieren und Rohstoffe ersetzen zu können.

„Im Fokus aller Bemühungen muss die Sicherung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit und die Stärkung des Industriestandorts Österreich stehen“, betont Klaus Schaubmayr, Geschäftsführer der Berufsgruppe Lackindustrie. „Maschinensteuer und Arbeitszeitverkürzung wirken sich negativ auf das Wirtschaftswachstum aus, die Lackindustrie braucht Entlastungen und flexible Arbeitszeitmodelle.“

Die Lackindustrie in Österreich
Die 27 Betriebe der österreichischen Lack- und Anstrichmittelindustrie beschäftigen knapp 3.000 Mitarbeiter. Mit einer Gesamtproduktion von 161.000 t und einem Produktionswert von 434 Mio. € stellt die Branche einen wichtigen Pfeiler der österreichischen Chemischen Industrie dar. (pj)


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