INDUSTRIAL TECHNOLOGY
Industrie 4.0: Die neue Dimension des Datenbusiness © Sabine Klimpt

MMag. Gottfried Gassner, Partner Binder Grösswang; Dr. Michael Kutschera, Partner Binder Grösswang, Mag. Monica Rintersbacher, GF Leitbetriebe Austria, Dr. Ivo Rungg, Partner Binder Grösswang (v. l.)

© Sabine Klimpt

MMag. Gottfried Gassner, Partner Binder Grösswang; Dr. Michael Kutschera, Partner Binder Grösswang, Mag. Monica Rintersbacher, GF Leitbetriebe Austria, Dr. Ivo Rungg, Partner Binder Grösswang (v. l.)

Paul Christian Jezek 29.09.2016

Industrie 4.0: Die neue Dimension des Datenbusiness

Vernetzung der Produktion generiert potenziell vermarktbare neue Datenkonvolute.

WIEN. Industrie 4.0 ermöglicht radikal neue Produktionsabläufe und wird auch neue Dimensionen der Datengenerierung, der Datennutzung und des Handels mit Daten eröffnen. Die sich daraus ergebenden Chancen und Herausforderungen waren das Kernthema des von der Exzellenzplattform Leitbetriebe Austria gemeinsam mit der Wirtschaftskanzlei Binder Grösswang veranstalteten Wirtschaftsgesprächs „Industrie 4.0: Der digitale Dschungel – Herausforderungen, Gefahren und fette Beute“ am 14. September. Tenor der hochkarätig besetzten Expertenrunde: Die digitale Revolution eröffnet enorme Potenziale für Effizienzsteigerungen und Innovation, sie wird aber auch den Zeitdruck für die Umsetzung von Innovations- und Changeprozessen drastisch erhöhen.

Binder Grösswang-Partner Ivo Rungg betonte den Wert der Daten u.a. für unter dem Schlagwort „Big Data“ firmierende Anwendungen und ging auf die andere rechtliche Einordnung der aus Industrie-4.0-Prozessen generierten Daten im Gegensatz zu den im Wesentlichen für Marketingzwecke genutzten personenbezogenen Daten ein: „Nicht personenbezogene Daten, also etwa Daten aus reinen Produktionsabläufen, unterliegen weder den Einschränkungen des Datenschutzes, noch sind die Unternehmer in gleicher Weise gegen die unberechtigte Nutzung der Daten geschützt. Eigentumsrechte können an Daten in der Regel nicht geltend gemacht werden, oft aber können die Daten als Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse klassifiziert werden; Voraussetzung dafür ist aber auch, dass die Daten effizient gemanagt und geschützt werden.“

Im Expertengespräch wurden die Chancen für die heimische Wirtschaft unterstrichen. Bei der innerbetrieblichen, der unternehmens- und der branchenübergreifenden Vernetzung von Produktionsprozessen entstehen gleichsam als Nebenprodukt enorm wertvolle Datenmengen. Diese sollten nicht immer nur unter dem Aspekt betrachtet werden, wie sie gegen den Zugriff Dritter zu schützen sind, sondern man sollte die sich daraus ergebenden Ertragschancen evaluieren. Daten sind ein wertvoller Rohstoff, den man mehrfach nutzen sollte und zudem gewinnbringend verwerten kann. Gerade in Anbetracht des steigenden Wettbewerbsdrucks durch die globale Vernetzung der Wirtschaft ist es völlig unverzichtbar, diese Potenziale systematisch zu nutzen. Im Hinblick auf die weitere Entwicklung der Industrie 4.0 in Österreich ist die Geschäftsführerin der Leitbetriebe Austria, Monica Rintersbacher, jedenfalls zuversichtlich: „Natürlich ist der Transformationsprozess jetzt erst so richtig angelaufen, aber insbesondere die Leitbetriebe sind bereits voll eingestiegen und arbeiten konsequent an der Nutzung immer neuer technischer Möglichkeiten.“

Gesetzliche Rahmenbedingungen
Im Zuge digitalisierter Produktionsprozesse generierte Daten unterscheiden sich grundlegend von personenbezogenen Daten, die primär Marketing und Vertrieb revolutioniert haben. Einerseits sind auf sie die Beschränkungen des Datenschutzrechts nicht anwendbar, andererseits sind auch Eigentums- und Nutzungsrechte nicht durch diese Rechtsmaterie definiert. Die Daten können aber als Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse betrachtet werden, und auf diese Weise können Eigentumsrechte geltend gemacht werden. Diese sind aber an einige faktische Voraussetzungen geknüpft, etwa einer systematischen Sammlung und Sicherung der Daten. Zu beachten ist auch, dass die Schützbarkeit immaterieller Gegenstände in wichtigen Jurisdiktionen restriktiver geregelt ist als in Österreich.

In überbetrieblich vernetzten Produktionsprozessen werden Daten nicht in einem, sondern im Zusammenspiel mehrerer Unternehmen generiert. Damit wird auch die Frage relevant, welchem der beteiligten Unternehmen die Daten gehören oder ob sie gemeinsames Eigentum sind. Dies ist entscheidend dafür, wer die Daten jenseits des betreffenden Produktionsprozesses nutzen darf. Weiters werden in vollautomatisierten Prozessen Datenkonvolute durch Maschinen erstellt, menschliches Zutun ist dafür nicht erforderlich. Zu klären ist generell und im Einzelfall, ob diese Daten dann schützbares geistiges Eigentum darstellen können.

Im Zuge vernetzter Produktionsprozesse ist es erforderlich, Geschäftspartnern eigene Daten zur Verfügung zu stellen und damit letztlich auch Zugang zum eigenen Know-how zu geben. In der Praxis bedeutet das, dass man es Geschäftspartnern damit auch erleichtert, eigenständige Produktionen aufzubauen. Selbst dann wenn die Eigentümerschaft aus rechtlicher Sicht eindeutig feststellbar sein sollte (siehe oben), ist es nicht nur aus praktischen Gründen kaum zu verhindern, dass die Daten auch von in den Produktionsprozess eingebundenen Geschäftspartnern genutzt werden. Dennoch hat sich beispielsweise die Voest klar dafür entschieden, die Digitalisierung der Produktion sowie die unternehmensübergreifende Vernetzung konsequent voranzutreiben. Die damit verbundenen Effizienz- und Produktivitätssteigerungen sind unverzichtbar, um konkurrenzfähig zu sein und rechtfertigen jedenfalls die damit verbundenen Nachteile.

Kosten der Digitalisierung
Mit der Digitalisierung der Produktionsprozesse sind bedeutende Kosten für den Ausbau der IT-Infrastruktur sowie deren Sicherung verbunden. Diese schmälern zwar den Produktivitätsgewinn, dieser ist aber bei professionellem Management der Transformationsprozesse bedeutend höher, als es die Kosten sind.

Daten stellen in der Industrie 4.0 eine wichtige unternehmerische Ressource dar. Diese Ressource kann nicht nur im eigenen Unternehmen wiederverwertet werden, sie kann auch zu einem handelbaren Rohstoff weiterentwickelt werden. Aus Optimierungsüberlegungen heraus sollten diese Möglichkeiten jedenfalls sondiert werden; aktuell liegen hier viele Potenziale brach, da viel mehr Aufwand getrieben wird, um eigene Datenbestände gegen Nutzung durch Dritte abzusichern, statt die Ertrag bringende Verwertung der Daten zu optimieren.

IT-Sicherheit/IT-Kriminalität
Internetkriminalität wird im Rahmen von Industrie 4.0 eine noch größere Bedrohung: Einerseits erhöht sich der potenzielle Schaden, da nicht nur die Organisation und Verwaltung eines Unternehmens gestört werden können, sondern auch direkt die Produktion ausgespäht oder lahmgelegt werden kann; andererseits erhöht sich das Risiko, Opfer von Attacken zu werden, da die Schnittstellen zwischen den Partnern bei überbetrieblich vernetzten Produktionsprozessen ein weiteres Einfallstor für Internetkriminelle darstellen.

Um Industrie 4.0 erfolgreich umzusetzen, müssen Mitarbeiter zusätzliche Kompetenzen erwerben bzw. müssen Mitarbeiter mit den notwendigen Qualifikationen gewonnen werden; insbesondere Inhouse-Programmierungskenntnisse werden stark an Bedeutung gewinnen. (pj)

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