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Das Projekt Thonet © Markus Hintzen

Philipp Thonet war im Familienunternehmen viele Jahre für die Produktentwicklung und das Design sowie den Export verantwortlich.

© Markus Hintzen

Philipp Thonet war im Familienunternehmen viele Jahre für die Produktentwicklung und das Design sowie den Export verantwortlich.

UTA ABENDROTH 09.04.2021

Das Projekt Thonet

Philipp Thonet, einer der Ururenkel des Firmengründers Michael Thonet, über (s)eine Erfolgsgeschichte.

Frankenberg. Thonet produziert seit 1819 Möbel. Wie hält man eine 200 Jahre alte Marke im Markt? Und wie findet man selbst in einem Familienunternehmen seinen Platz? Philipp Thonet, fünfte Thonet-Generation, Ex-Designmanager des Traditionslabels und Fotograf aus Leidenschaft, über Verpflichtungen, Veränderungen und Vergnügen.

medianet:
Thonet – der Name steht für internationale Möbel- und Designgeschichte. Wann sind Sie sich dessen bewusst geworden?
Philipp Thonet: Schon als Jugendlicher hat mein Vater mich ab und zu auf Ausstellungen von historischen Thonet-Möbeln mitgenommen, und ich habe gemerkt, dass es sich hier um etwas Besonderes handeln musste. Später dann, als ich 1984 in die Firma eintrat und sich in dieser Zeit der Hype um Design und Marken entwickelte, wurde mir das so richtig bewusst.

medianet:
Familienunternehmen bringen seit jeher auch viele Verpflichtungen mit sich. Haben Sie das schon als Kind gespürt? Und wie hat Sie das beeinflusst?
Thonet: Meine Eltern haben mir eigentlich viel Freiraum gelassen und es gab keine ausgesprochene Verpflichtung, später in der Firma zu arbeiten; ich hatte ja schließlich noch zwei ältere Brüder. Aber sie haben mir auch keine anderen Wege aufgezeigt und so war mein beruflicher Weg doch irgendwie vorgezeichnet.

medianet:
Sie sind seit Jänner 2019 nicht mehr operativ bei Thonet tätig. Damit ist die fünfte Generation – Sie sowie Ihre älteren Brüder Claus und Peter – nicht mehr im Unternehmen vertreten. Und vor sechs Jahren ist der Münchner Investor Afinum bei Thonet eingestiegen. Was bedeuten solche Veränderungen für eine bislang familiengeführte Traditionsmarke?
Thonet: Für uns drei Geschwister war es abzusehen, denn wir hatten uns auferlegt, mit Erreichen des Rentenalters auch unsere Tätigkeit im Unternehmen zu beenden. Aber zwei meiner Neffen, Felix und Percy, also die 6. Generation, arbeiten noch für Thonet. Für das Unternehmen war der Einstieg des Investors wichtig, denn das sicherte den Fortbestand und machte nötige Investitionen in Fertigung und Marketing möglich. Nach 200 Jahren ist das natürlich eine ­einschneidende Veränderung für ein familiengeführtes Unternehmen.

medianet:
Gibt es Potenziale, die bislang nicht voll ausgeschöpft werden konnten und die sich erst jetzt auftun?
Thonet: Besonders im Vertrieb, unter anderem im chinesischen Markt, wurden Investitionen nötig, die das Unternehmen so kurzfris­tig nicht aus eigener Kraft hätte erbringen können.

medianet:
Thonet steht für Bugholz- und für Stahlrohrmöbel. Gerade Letztere waren durch das Bauhaus-Jahr 2019 sehr präsent. Wie wichtig ist diese Zweigleisigkeit der Kollektion?
Thonet: Die Entwicklung der Stahlrohrmöbel-Kollektion ist bereits Ende der Zwanzigerjahre für Thonet sehr wichtig gewesen, denn daraus haben sich ganz neue Möglichkeiten in der Produktion ergeben. Stahlrohrmöbel im allgemeinen haben später das Markenbild entscheidend geprägt und beeinflusst. Mit der Entwicklung der Bugholzmöbel ist Thonet im 19. Jahrhundert groß geworden, und die Entwicklung der Stahlrohrmöbel ist für Thonet im 20. Jahrhundert wesentlich gewesen – beide Kollektionen sind untrennbarer Bestandteil der Firmenhistorie.

medianet:
Welche Gattung ziehen Sie vor?
Thonet: Ich fühle mich sehr der Stahlrohrmöbel-Kollektion verbunden. Hier ist die Formensprache noch klarer und stringenter, als bei den Bugholzmöbeln. Auch das Material Stahlrohr in Verbindung mit dem Holz, dem Rohrgeflecht, dem Sperrholz oder dem Leder der Sitze und Rückenlehnen hat für mich eine Modernität und Ästhetik, die mich immer angesprochen hat.

medianet:
Sie haben sich parallel zu Ihrer Tätigkeit in der Firma – Sie waren für Produktentwicklung, Design und Export zuständig – als Fotograf einen Namen gemacht. Wie sind Sie zur Fotografie gekommen?
Thonet: Fotografie war für mich schon immer der rote Faden, seit ich mit 13 Jahren meine erste Kamera von meinen Eltern zum Geburtstag geschenkt bekam.

medianet:
Und haben Sie das Fotografieren stets in einem von Ihnen gewünschten Maß betreiben können oder war es eher ein ­Hobby?
Thonet: Während eines dreijährigen Amerika-Aufenthalts Anfang der Achtzigerjahre machte ich es zu meinem Beruf. Ich kam eigentlich in die USA, weil mein ­damaliger Arbeitgeber mich in sein Werk nach Houston/Texas geschickt hatte. Dort bekam ich dann meine ersten Fotoaufträge. In meiner Zeit bei Thonet wurde es wieder ein mit Passion betriebenes Hobby. Erst seit wenigen Jahren habe ich die Fotografie wieder zum Beruf gemacht. Normalerweise ­arbeiten wir mit drei oder vier ­Leuten von der Produktionsseite zusammen. Bei diesem Projekt waren ein paar Hundert Leute beteiligt.

medianet:
Worin liegt für Sie der besondere Reiz dieses kreativen Metiers?
Thonet: Zwischen mir und der Person, die ich fotografiere, muss eine Kommunikation stattfinden, um sie gut aussehen zu lassen, um eine Geschichte zu erzählen. Das macht mir riesigen Spaß und reizt mich. Auch reizt mich die Herausforderung, einen Auftrag unter der Maßgabe zu erledigen, dass alle zufrieden sind – der Kunde, das Magazin, die Agentur, die Person vor der Kamera und natürlich ich selbst. Es ist mir einfach eine große Befriedigung, wenn ein Bild gut gelingt.

medianet:
Was macht Ihnen am meisten Spaß dabei?
Thonet: Meine Themen im weiteren Sinne sind Menschen und Architektur. Das scheint vielleicht nicht unbedingt zusammenpassen zu wollen. Aber Menschen zu beobachten, hat mich schon immer fasziniert. Was die Architektur und das Design angeht, bin ich wohl etwas ‚vorbelastet'.


medianet:
Wie gehen Sie ans Fotografieren heran, spontan oder strategisch?
Thonet: Am liebsten spontan, aber wenn es um einen Auftrag geht, ist es eine Mischung aus beidem. In der Vorbereitung und Ausführung ist viel strategische Planung gefordert. Später, beim Fotografieren, geht es dann mehr um Spontanität und Kreativität.

medianet:
Ist es für Sie als ein ‚Thonet' eher leichter oder eher schwieriger, die Leute vor die Kamera zu bekommen? Gibt es da eine Scheu oder, im Gegenteil, eine Vertrautheit in der Szene? Immerhin haben Sie viele bekannte Designer porträtiert …
Thonet: Das ist ganz unterschiedlich. Zu vielen Designern habe ich durch meine Tätigkeit als Designmanager für Thonet eine freundschaftliche Beziehung aufbauen können. Wenn ich den Designer dann fotografiere, ist die Vertrautheit meist gleich da. Bei Designern und Architekten, die mich nicht so gut kennen, kann am Anfang eine gewisse Scheu zwischen uns stehen; dann muss ich mir das nötige Vertrauen erst aufbauen. Ganz bekannte Designer, die es gewohnt sind, fotografiert zu werden, haben sich ein typisches Fotografier-Gesicht angewöhnt. Da den richtigen Moment zu finden, der für die Person typisch ist, ist nicht immer leicht.

medianet:
Sie haben alle Kollegen im Thonet-Standort in Frankenberg fotografiert. Was hat es damit auf sich? Und wie hat sich diese Art Dokumentation, dieses Nah-an-den-Menschen-dran-sein angefühlt? Immerhin kennen Sie einige der Mitarbeiter ja schon seit Jahrzehnten …
Thonet: Das ist ein Thema, das Thonet für interne Zwecke, aber auch für Marketingzwecke verwenden möchte. Die Mitarbeiter sollten einzeln, aber auch in Gruppen, pro Abteilung fotografiert werden. Manche Abteilung hat sich das Umfeld, in dem sie fotografiert werden wollte, selbst ausgesucht. Daraus entstanden manchmal sehr witzige Situationen wie etwa mit den sieben Männern aus der Schlosserei bzw. dem Modellbau Stahl auf dem blauen Hubwagen. Wir alle hatten eine Mordsgaudi dabei! Diese Arbeit hat mir, aber auch den Mitarbeitern, besonders viel Spaß gemacht, weil, wie Sie ja selbst sagen, ich ganz nah dran war und viele Menschen schon ganz lange kenne.

medianet:
Was ist Ihr nächstes Projekt?
Thonet: Ich habe geplant, so bald wie möglich zum Fotografieren wieder nach New York zu reisen. Dort begegnen einem die interessantesten Gesichter aus der ganzen Welt in einer einzigen Stadt! Das fasziniert und inspiriert mich immer wieder aufs Neue. Auch gehen die Menschen so unkompliziert damit um, wenn man sie fotografieren will. Ich habe fast nie eine ablehnende Antwort bekommen, wenn ich um ein Foto gebeten habe. Street-Fotografie ist eine Leidenschaft von mir.

medianet:
200 Jahre ist Thonet jetzt alt – was wünschen Sie sich für die Zukunft des Unternehmens?
Thonet: Ich bin versucht zu antworten, dass ich mir wünsche, dass es auch die nächsten 200 Jahre übersteht. Aber das ist vielleicht zu sehr Wunschgedanke. Es wäre schon schön, wenn die Marke weiter wachsen würde und ihre Anhänger mit gut gestalteten, ehrlichen und langlebigen Produkten versorgen würde.

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