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Das Rad der Zeit dreht sich nachhaltig weiter © APA/AFP/Joe Klamar
© APA/AFP/Joe Klamar

Redaktion 25.06.2021

Das Rad der Zeit dreht sich nachhaltig weiter

Es ist ein schmaler Grat zwischen Greenwashing und Nachhaltigkeit – der Handel beschreitet ihn trittsicher.

••• Von Christian Novacek

WIEN. Sie ist das Liebkind der Händler und sie ist oft das Ziel von Spott und Häme: die Nachhaltigkeit. Während Unito-Chef Harald Gutschi davon überzeugt ist, dass Klimaneutralität in der Zustellung zum Wettbewerbsvorteil avancieren wird, hält das deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel in der Ausgabe vom 12. Juni fest, dass es das gute Klima leider zum Diskontpreis gibt.

Die Crux sei, dass Klimazertifikate für Händler (im Vergleich zu Energiekonzernen) billig zu haben sind – und sich durch den Kauf ebensolcher an eingefahrenen (umweltschädlichen) Produktionsprozessen nichts ändere.
Gleichsam gibt es Händler, für die Nachhaltigkeit mehr als ein glänzendes Etikett ist – oftmals eines, das sie sich seit Jahrzehnten ins Firmenstammbuch gemeißelt haben. Allen voran: dm drogerie markt, wo Gründervater Götz Werner einen Nachhaltigkeits-Grundstein gelegt hat.
Relevanteste Spielwiesen von Nachhaltigkeit sind naturgemäß die Bereiche Verpackung und Produkte. Da heißt es beim Drogeriemarkt: „Bei den dm- Marken verfolgt man schon seit Langem eine Nachhaltigkeitsstrategie, die die Bereiche Ressourcenschonung, Klimaschutz, Lieferkette, Förderung der Biodiversität sowie Gesundheit und Wohlergehen beinhaltet.”

Pro Climate bei dm

Nach diesen genannten Grundsätzen werden die dm-Markenprodukte entwickelt. Die Einführung der ersten umweltneutralen Produktreihe auch am österreichischen Markt unter dem Titel Pro Climate belegt das: In Kooperation mit der TU Berlin wurden 14 Produkte des täglichen Bedarfs mit möglichst kleinem ökologischen Fußabdruck entwickelt.

Während es im Bereich der Ernährung schon immer einen Schwerpunkt auf Produkte in zertifizierter Bio-Qualität gab, hat sich neben den Naturkosmetik-Produkten bei dm im Bereich der Hygiene- und Körperpflegeprodukte viel getan. Besonders effizient sind dabei sogenannte Kompaktate: Vom festen Shampoo über festes Deo bis hin zur festen Zahnpflege – das Angebot an praktischen, auslaufsicheren und umweltfreundlicheren Produktalternativen ist ein Trend der Stunde.

Fair zu Mensch und Umwelt

Eine gediegene Tradition als nachhaltig agierendes Unternehmen hat sich mittlerweile Tchibo erarbeitet. Erik Hofstädter, Geschäftsführer Tchibo Österreich: „Tchibo bietet genussreiche und qualitativ hochwertige Produkte, deren Herstellung fair zu Mensch und Umwelt erfolgt. Das haben wir vor 15 Jahren entschieden und Nachhaltigkeit als integrativen Bestandteil unserer Geschäftstätigkeit definiert.”

Der eingeschlagene Weg werde konsequent verfolgt und nicht zuletzt die Covidkrise habe vorgeführt, wie wichtig Klimaschutz, bewusster Konsum und nachhaltiges Wirtschaften für die nächsten Generationen sei. Hofstädter führt aus: „Wir arbeiten intensiv daran, Lieferketten und Produkte nachhaltig und verantwortungsbewusst zu gestalten; dabei entwickeln wir sukzessive innovative Ansätze.” Die besonders guten Beispiele im Kontext bei Tchibo lauten auf Wäsche mit recycelter Spitze aus Faserresten sowie natürliche Farben landwirtschaftlicher Abfälle (Rübenreste) zum textilen Färben. „Bei unserer Homewear-Kollektion ab Mitte Juli setzen wir die innovative Refibra-Technologie ein. Das ist ein äußerst interessantes Verfahren: Upgecycelte Baumwollstoffreste, gemischt mit Zellstoff aus zertifiziert-nachhaltigen Wäldern, werden zu neuen Tencel- Lyocellfasern verarbeitet. Durch diesen innovativen Prozess wird der Wasserverbrauch um 95 Prozent im Vergleich zur Herstellung herkömmlicher Baumwolle gesenkt”, ist Hofstädter stolz.

Taktgeber Lebensmittelhandel

Der wahre Schrittmacher der Nachhaltigkeit ist naturgemäß der LEH. Und der ist bei dem Thema stets up to date. So heißt es etwa von Spar-Sprecherin Nicole Berkmann zum Thema Umsetzung: „Je stärker die Nachfrage nach einzelnen Produkten oder Produktgruppen, umso schneller kommen wir mit neuen Produkten und natürlich innovativen Produkten.”

Die Frage der Anteiligkeit nachhaltig produzierter Produkte im Spar-Sortiment fasert indes aus: „Da muss man zuerst die Frage stellen, was sind denn nachhaltig produzierte Produkte?”, so Berkmann. „Da zählt ja heutzutage unglaublich viel dazu. Das reicht von nachhaltig gefangenem Fisch bis zu regionalem Gemüse, von Bio- bis zu Fairtrade-Produkten. Das reicht von Tierwohl-Programmen bis zu fellfreien Textilien, von Enten ohne Stopfmast bis zu alten Obstsorten. Allein an dieser Aufzählung sieht man die steigende Bedeutung in unserem Sortiment.”

Exotisch aus der Heimat

Rewe führt unter dem Aspekt Nachhaltigkeit die Regionalität ins Treffen – auf kreative Weise: „Neben klassisch österreichischen Produkten wie Erdäpfeln, Ribiseln oder Paradeisern arbeitet Billa gemeinsam mit landwirtschaftlichen Partnern gerade verstärkt daran, Lebensmittel heimisch zu machen, die auf den ersten Blick nicht in Österreich wachsen”, erläutert Pressesprecher Paul Pöttschacher. Die Palette ist schillernd und reicht von Gojibeeren aus Wien über Reis aus dem Seewinkel bis hin zu Erdnüssen aus den Weinviertel im Winter. „Damit fördert Billa eine Verstärkung der heimischen Wertschöpfung und bietet auch bei Exoten österreichische Qualitätsware”, so Pöttschacher weiter.

Die imposante regionale Performance lieferte zuletzt die 2014 eingeführte Regionalmarke „Da komm’ ich her!”: Sie schaffte im Jahr 2020 ein Wachstum von über zehn Prozent. Das Sortiment beinhaltet über 220 regionale Artikel und umfasst frisches Obst und Gemüse sowie Eier. „Des Weiteren finden sich in unserem Sortiment über 400 MSC- und rund 70 ASC-zertifizierte Fischprodukte. Nachhaltigkeit ist kein Trend in einer Nische, sondern im Bewusstsein unserer Kundinnen und Kunden angekommen”, ist man bei Rewe überzeugt.

160.000 Tonnen Regionalität

Dem entspricht man auch sortimentsanteilig mit kontinuierlichen Steigerungen: „Wir haben im Jahresdurchschnitt mehr als die Hälfte österreichisches Obst und Gemüse im Gesamtangebot – dies bedeutet, dass wir rund 160.000 Tonnen Obst und Gemüse aus Österreich beziehen. Des Weiteren stammen viele Produktkategorien zu 100 Prozent aus österreichischer Produktion wie etwa Trinkmilch oder sämtliches Bio-Fleisch. Das alles zeigt: Die individuellen Kaufentscheidungen aller Kundinnen und Kunden beeinflussen unsere Sortimente maßgeblich und wir freuen uns, dieses Angebot auch in Zukunft weiter ausbauen zu können”, so Pöttschacher abschließend.

Faire Deals mit Hofer

„In den vergangenen Jahren hat der Kundenwunsch nach nachhaltig hergestellten Produkten stetig zugenommen, und speziell seit Beginn der Pandemie können wir einen nochmals verstärkten Trend feststellen”, ortet auch Hofer-Chef Horst Leitner eine bestens verankerte DNA im Wesen des Diskonters.

Er verweist auf die Nachhaltigkeitsinitiative „Heute für Morgen”: „Da beschäftigen wir uns intensiv damit, wie wir unser Exklusivmarken-Sortiment hinsichtlich verschiedener Aspekte nachhaltiger gestalten können und setzen uns dazu ambitionierte Ziele. So werden wir bis 2025 unser Angebot an klimaneutralen Produkten laufend erweitern. Bei diesen Produkten versuchen wir zunächst gemeinsam mit unseren Lieferanten die CO2-Emissionen entlang der Lieferkette bestmöglich zu vermeiden und zu reduzieren. Die dennoch unvermeidbaren Emissionen werden im zweiten Schritt durch Klimaschutzprojekte kompensiert.”
Wichtiges Ziel für ein nachhaltigeres Angebot bei Hofer stellt die Vergrößerung des vegetarischen und veganen Angebots auf über 300 Produkte bis 2025 dar. Der Aspekt dabei: Pflanzliche Lebensmittel belasten das Klima weniger als tierische. Auch der Ausbau der Bio-Marke „Zurück zum Ursprung” sei evident nachhaltig, denn durch die rein organische Düngung in der biologischen Landwirtschaft entstehen im Vergleich zu konventioneller Produktion weniger klimaschädliche Gase.
Ein weiterer Schwerpunkt von „Heute für Morgen” liegt auf Transparenz und Nachhaltigkeit entlang der Lieferketten. So wird Hofer bis 2025 mehrere Warengruppen wie Baumwolltextilien ausschließlich aus zertifiziert nachhaltigen Quellen beziehen.
Die Ambitioniertheit des Diskonters in Umweltbelangen wurde übrigens honoriert: Für FairHof-Artikel in der vollständig recyclingfähigen Verpackungsfolie gab es den „Green Packaging Award” und in weiterer Folge den internationalen „WorldStar Packaging Award”.

Ein gutes Stück Heimat

„Herkunft und Nachhaltigkeit von Produkten spielen bei der Kaufentscheidung unserer Kunden eine immer wichtigere Rolle. Und darauf reagieren wir natürlich. Gerade bei unseren Eigenmarken hat sich hier viel getan”, ist auch Diskontkollege Alessandro Wolf von Lidl Österreich am Puls der Zeit. Sein schönstes Beispiel: „Seit Ende 2020 ist unsere heimische Bio-Eigenmarke ‚Ein gutes Stück Heimat' zu 100 Prozent klimaneutral. Mit August 2021 werden außerdem alle heimischen Bio-Obst- und -Gemüseartikel der Bio-Eigenmarke noch nachhaltiger verpackt und nur noch lose, aus nachwachsenden Rohstoffen oder kompostierbaren Materialen verpackt, angeboten.”

Die Anforderungen der Kunden ans Sortiment haben sich gravierend verändert – Lidl entspricht: In den vergangenen Monaten wurden über 400 Artikel neu aufgenommen, viele davon in Bio-Qualität aus Österreich. „Damit ist der Anteil an regionalen, heimischen Produkten im Sortiment weiter gestiegen. Insgesamt kommt bereits über die Hälfte aller verkauften Lebensmittel in unseren Filialen aus Österreich. Und davon profitiert auch die heimische Landwirtschaft”, erläutert Wolf.

Nöm ist klimaneutral

Zwar hat der LEH das Thema Nachhaltigkeit quasi gepachtet, aber sie liegt ebenso in der Industrie auf der Überholspur. Bei Milchprodukten scheint sie aufgelegt – jedenfalls für die Nöm AG. „Wir sind seit 2016 die erste klimaneutrale Molkerei Österreichs. Nachhaltigkeit ist in unserer Unternehmensstrategie fest verankert”, sagt dazu Veronika Breyer, Marketingleiterin der Nöm AG. Und weiter: „Wir arbeiten laufend unter Beachtung der Wirtschaftlichkeit an nachhaltigen Lösungen wie der Reduzierung von CO2-Emissionen und kooperieren sowohl mit Forschungsstellen als auch mit der Industrie, um neue Verfahren zu entwickeln.”

Die Situation um Corona habe gezeigt, dass viele Konsumenten dem Thema Regionalität und Vertrauen in die Marke mehr Gewichtung schenken. „Wir als klimaneutrale Molkerei in Niederösterreich, die ausschließlich mit der Milch aus der Region arbeitet, werden diese Positionen künftig noch stärker in den Vordergrund rücken”, so Breyer.
Demnach habe man den Anfang der Krise als Chance gesehen und die Zeit genützt – im besten Sinne der Nachhaltigkeit hat Nöm eine rePET-Lösung vorangetrieben und stellt damit unter Beweis: Nachhaltigkeit ist vor allem zukunftsorientiert.

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