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Der Neue © Martina Berger
© Martina Berger

Redaktion 20.08.2021

Der Neue

Mit 1. Jänner 2022 tritt Roland Weißmann als neuer ORF-Generaldirektor an. Ein ausführliches Interview.

••• Von Dinko Fejzuli

Am Ende war die Sache klar und Roland Weißmann löste am 10. August mit zwei Drittel der Stimmen des ORF-Stiftungsrats ­Alexander Wrabetz nach 15 Jahren als ORF-Chef ab. Seinen Dienst tritt er am 1. Jänner 2022 an; davor muss er noch seine Direktoren und die Landesdirektoren vom selben Gremium absegnen lassen – ­medianet bat den neu gewählten ORF-Chef zum Interview.

medianet:
Herr Weißmann, Sie haben sich am 10. August bei der Wahl zum ORF-Generaldirektor gegen den Amtsinhaber Alexander Wrabetz durchgesetzt und werden damit den ORF ab dem 1. Jänner 2022 als dessen Chef führen. Wie Sie selbst erzählt haben, hatten Sie nach der Wahl ein längeres Gespräch mit Ihrem Vorgänger. Gerade weil es wenige Tage vor der Wahl den Anschein hatte, dass die Stimmung etwas, sagen wir es freundlich, angespannter war: Wie war das Gespräch zwischen Ihnen beiden?
Roland Weißmann: Alexander Wrabetz und ich verfolgen dasselbe Interesse und das ist, das Beste für das Unternehmen zu erreichen. Es gibt eine große, gemeinsame Agenda, die wir in den nächsten Wochen auch gemeinsam umsetzen werden. Das Gespräch selbst verlief kollegial und zukunftsorientiert.

medianet:
Daran hat auch die Ankündigung von Wrabetz, wichtige Posten noch vor seinem Abgang besetzen zu wollen, und auch das Redakteursstatut anzupassen, um die Unabhängigkeit der Redaktionen noch mehr abzusichern, wie er meinte, nichts geändert?
Weißmann: Die Gespräche, die wir führen, sind konstruktiv und wir haben eine gemeinsame Agenda. Alexander Wrabetz hat in den vergangenen 15 Jahren vieles ordentlich abgearbeitet, und das Gleiche habe ich vor. Und was die Unabhängigkeit und Objektivität unserer Medien betrifft, so sind diese das höchste Gut, das wir haben, und diesem Gut fühlen wir uns beide gleichermaßen verpflichtet. Ich halte aber auch fest: Es gibt bereits ein Redakteursstatut, welches jetzt schon zu 100 Prozent seine Gültigkeit hat. Ich war ja auch gut 15 Jahre selbst Journalist und kenne das alles also von aus einer journalistischen Warte aus sehr gut.

medianet: Apropos Unabhängigkeit: Sie selbst gelten bei vielen, auch wenn Sie es selbst natürlich anders sehen, als der Kandidat der ÖVP. Unabhängig von der aktuellen Wahl und den parteipolitischen Zuweisungen: Sehen Sie eine Möglichkeit, den Wahlmodus oder die Beschickung des Wahlkörpers so zu ändern, damit diese Punzierung künftig nicht mehr so leicht möglich ist?
Weißmann: Die Frage der Gremienstruktur liegt in der Sphäre des Gesetzgebers. Sollte es da andere, neue Ideen geben, ist es in Ordnung, aber es ist im Prinzip nicht die Aufgabe des Unternehmens oder des Managements, sich mit dieser Frage zu beschäftigen. Falls aber das Thema auf uns zukommt, werden wir uns selbstverständlich im Sinne des Unternehmens einbringen.

medianet: Bleiben wir beim Thema ORF-Management und kommen zu Ihrem künftigen Geschäftsführungs-Team. Hier sind die Jobs ausgeschrieben und demnach bleibt die Struktur mit Finanzen, Programm, Technik und Hörfunk gleich wie die letzten 15 Jahre. In Zeiten, wo der ORF einen multimedialen Newsroom baut, in dem das agile Arbeiten in Teams oberstes Gebot sein wird, bildet die Geschäftseinteilung darüber diese Zukunft nicht wirklich ab.

Weißmann: Der ORF befindet sich gerade in einer wichtigen Phase der Umstrukturierung. Zum einen die Besiedelung eines gemeinsamen Standorts hier am Küniglberg und gleichzeitig findet eine digitale Transformation statt, die die Mitarbeiter und das Unternehmen die nächsten Jahre beschäftigen wird. Diese großen Umbruch möchte ich mit einem Faktor der Stabilität begleiten, damit alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in so einer Phase möglichst optimal, auch in der Geschäftsführung, vertreten sind.

medianet:
Trotzdem – wäre es nicht zeitgemäßer gewesen, etwa eine Direktion für Digitales zu installieren?
Weißmann: In meiner Geschäftsverteilung ist der Bereich Digital in der Technischen Direktion angesiedelt. Wenn die Phase der Standortbesiedelung und der Digitalisierung abgeschlossen ist – das wird ja die nächsten Jahre in Anspruch nehmen –, dann kann man sich über eine mögliche Veränderung der Strukturen – gemeinsam mit meinem Team – Gedanken machen.

medianet:
Apropos Geschäftsführung: Die Grüne Mediensprecherin behauptet, dass es im Gegenzug für die Stimmen der Grünen Stiftungsräte für den Kandidaten Weißmann zwei Direktorenposten für deren Partei geben soll. Der Grüne Stiftungsrat Lothar Lockl hat dies wiederum in Abrede gestellt. Was stimmt also nun?
Weißmann: Ich habe immer gesagt, vor der Wahl und das wiederhole ich auch jetzt: Ich führe viele Gespräche, aber mit mir gibt es keine Absprachen.

medianet:
Bei der Frage des Teams geht es nicht nur um die Direktoren, sondern auch um die Besetzung der Landesstudios. Welche Funktion und Bedeutung misst ein ORF-Generaldirektor Weißmann den Landesstudios zu?
Weißmann: Wie Sie wissen, komme ich selbst aus einem Landesstudio und kenne ihre Bedeutung ganz genau, und gerade in der globalisierten, digitalen Welt ist es besonders wichtig zu wissen, was vor der eigenen Haustür passiert. Und niemand kann das besser abdecken als unsere Landesstudios. Das sieht man ja auch an den tollen Quoten unserer Regionalprogramme.

medianet: Machen wir einen Sprung zum 1.1.2022. Welche Dinge stehen ganz oben auf der Agenda des dann neuen ORF-Generaldirektors Weißmann?
Weißmann: Prinzipiell ist es immer die Aufgabe des ORF, und das macht uns auch aus, das beste Programm im Radio, Fernsehen und online für unser Publikum zu machen. Gerade etwa bei der Information hat der ORF höchste Vertrauenswerte und diese nehme ich für mich als Messlatte für meine künftige Arbeit. Wir wollen die gleiche Relevanz haben wie bisher – salopp formuliert: Wir wollen der Kitt der Gesellschaft sein. Das ist gerade in einer digitalen, fragmentierten Welt wichtiger denn je – daher auch unser Vorstoß für mehr digitale Bewegungsfreiheit. Unser Ziel ist ganz klar: Wir wollen mit einer entsprechenden Gesetzesänderung auch im Digitalen jene Relevanz erreichen, die wir im Linearen bereits haben.

medianet:
Abseits des ORF-Players: Wie wollen Sie das erreichen?
Weißmann: Dazu möchte ich eine Innovationseinheit aufbauen und in den Strukturen verankern. Wir müssen die Medien-‚Silos', also das Bereichsdenken in TV, Radio und Online, einreißen, um vernetzt denken und arbeiten zu können. Und neben dieser Innovationseinheit möchte ich einen eigenen Data-Science-Bereich im Haus aufbauen, um unser Publikum bestmöglich mit unseren Inhalten ansprechen zu können.

medianet:
Was bedeutet das konkret für die ORF-Programme? Wird etwa ORF Sport plus linear bleiben?
Weißmann: Wie in meiner Bewerbung bereits skizziert, sehe ich eine Verschmelzung des Senders mit dem neuen ORF-Player – sofern es die dafür notwendige Gesetzesänderung gibt.

Das Gleiche gilt auch für das Kinderprogramm. Diese Zielgruppe konsumiert Inhalte digital und non-linear, und es macht Sinn, ihr entsprechend im Player dafür eine eigene Welt anzubieten. Denn zum einen haben Eltern damit die Sicherheit, dass die dort von ihren Kindern konsumierten Inhalte safe und hochwertig sind, und zum anderen sehe ich auch unsere Aufgabe darin, Kinder-Content mit österreichischer Sprache und Idiom als Gegenangebot zu den deutschen Programmen anzubieten. Und diesen Content sollen die Kinder dann natürlich – sobald gesetzlich möglich – orts- und zeitunabhängig konsumieren können
Und bei der Zielgruppe der 12- bis 16-Jährigen sehen wir uns ebenfalls in der Pflicht, etwa bei Themen wie Hasspostings und Media literacy aufklärerisch zu wirken, denn Studien belegen, dass mittlerweile 50 Prozent dieser Zielgruppe mit Hasspostings eindeutig konfrontiert sind, und hier haben wir als ORF einen gesellschaftlichen Auftrag.

medianet: Und bei ORF 1 und ORF 2? Gerade ORF 1 hat seine Quoten oft den immer teurer werdenden Live-Sport-Events zu verdanken …
Weißmann: Hier lautet meine Devise: Jeder freie Euro ins Programm, wobei wir natürlich nicht mehr ausgeben können, als wir haben.

medianet:
Welche Schwerpunkte soll es hier geben?
Weißmann: Wir wollen die Senderflotte so weiterentwickeln, um die guten Quoten der letzten Monate und Jahre auch weiter halten zu können. Etwa beim Live-Sport, Unterhaltung und auch der Information …

medianet:
… alles Dinge, die in der Produktion viel Geld kosten.
Weißmann: Wenn es um die Frage der Gebührenverwendung geht, dann sehe ich die Sache so: Wir finanzieren die Lieblingsprogramme des Publikums mit den Gebühren und das wollen wir auch in Zukunft machen. Dabei gehen wir sehr sorgsam mit den Mitteln um. Gerade ich weiß das, da ich seit zehn Jahren das Produktionsbudget des ORF verantworte.

Mein erstes Budget hatte ich im Jahr 2012, und wenn man die Situation heute mit damals vergleicht, dann haben wir fast um 20 Prozent weniger Mittel, was bedeutet, dass wir die Kosten um 20 Prozent gesenkt haben. Dabei konnten wir aber gleichzeitig die Quoten halten und haben die frei werdenden Mittel in die neuen Sparten-Sender ORF III und ORF Sport plus investiert. Wir haben also mit gleich viel, bzw. weniger Budget deutlich mehr Content produziert.

medianet: Zum Abschluss eine persönliche Frage. Sie waren viel Jahre Karatekämpfer und sind nun auf das Boxen umgestiegen. Was aus diesen beiden Sportarten können Sie für Ihren Job gut brauchen?
Weißmann: (lacht) Das Wichtigste beim Karate und auch beim Boxen ist der Respekt vor dem Gegner und die ­gegenseitige Wertschätzung. Und: Man wird selbst nur dann besser, wenn man sich mit starken Gegnern misst – eine gute Metapher für die großen Herausforderungen, vor denen wir stehen.

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