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Der Sinnstifter © gugler/Rita Newman

Querdenker „Zum Glück gab es auch immer mehr Kunden, die diese Vision einer enkeltauglichen Wirtschaft geteilt haben”, erzählt Ernst Gugler.

© gugler/Rita Newman

Querdenker „Zum Glück gab es auch immer mehr Kunden, die diese Vision einer enkeltauglichen Wirtschaft geteilt haben”, erzählt Ernst Gugler.

Sabine Bretschneider und Chris Radda 18.05.2018

Der Sinnstifter

Ökopionier Ernst Gugler hat mit seinem Businessmodell die Branche revolutioniert – und die Welt ein bisschen besser gemacht.

••• Von Sabine Bretschneider und Chris Radda

MELK. Vor 29 Jahren haben Elisabeth und Ernst Gugler eine alte Druckerei in Melk gekauft – mit der Vision, aus einem „Druckmuseum” eine vorbildhafte Druckerei mit integrierter Agentur zu machen. Heute gilt das Familienunternehmen – der Betriebsstandort nennt sich „gugler*s Sinnreich” – als Schrittmacher und als Vorzeigebetrieb für die gesamte Kommunikations- und Nachhaltigkeitsszene.

„Der große Schritt war damals – es ist jetzt 18 Jahre her –, von der Altstadt in Melk hier in diesen Neubau zu übersiedeln”, erzählt der Firmengründer. Und damit sind wir schon mitten in der Geschichte eines Öko-Pioniers, der neue Wege beschreitet, wo andere nicht einmal danach suchen. „2003 haben wir uns als erste in der Branche nach einem Gütesiegel zertifizieren lassen, dem FSC-Gütesiegel”, sagt Gugler, „das heißt Papier, dessen Zellstoff aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern kommt.” Dann folgte die Zertifizierung nach den Richtlinien des Österreichischen Umweltzeichens – „und nach der Übersiedlung waren wir auch die ersten, die auf Strom aus erneuerbaren Energien umgestiegen sind.” 2005 kam das Umweltzeichen Digitaldruck dazu, 2007 der Klimaneutrale Druck …

Das „Erwachen” einer Idee

„Zum Glück gab es auch immer mehr Kunden, die diese Vision einer enkeltauglichen Wirtschaft geteilt haben”, so Gugler. Und dann kam eines Tages der entscheidende Impuls von Hanswerner Mackwitz, einem inzwischen verstorbenen Chemiker und Umweltaktivisten, der vor zehn Jahren an der FH Wieselburg unterrichtete. Dessen bevorzugte Themen waren Naturstoffchemie und Bioplastik sowie das Cradle-to-Cradle-Konzept seines langjährigen Weggefährten Michael Braungart.

Mit Cradle-to-Crade fand Gugler schließlich die Leitlinie, nach der er von Anfang an gesucht hatte: „Ökoeffektivität” ist ein Begriff, den Braungart und der US-Architekt William McDonough in ihrem 2002 erschienenen Buch „Cradle to Cradle” (Von der Wiege bis zur Wiege, Anm.) verwenden. Ökoeffektiv sind Produkte, die entweder als biologische Nährstoffe in biologische Kreisläufe zurückgeführt werden können oder als „technische Nährstoffe” kontinuierlich in technischen Kreisläufen gehalten werden. „Das Prinzip für einen ökoeffektiven Lösungsansatz lautet: Abfall ist Nahrung”, zitiert Gugler den Ansatz.
2009 gab Gugler dann bei Mackwitz eine Vorstudie in Auftrag. Die umweltzeichenzertifizierten Produkte wurden chemisch untersucht … und lieferten zum Teil bestürzende Resultate. Gugler: „Die Produkte waren halt ein bisschen grün, aber nicht wirklich recycling­fähig, nicht frei von gesundheitsschädlichen Stoffen … Für uns war das ein Erwachen.” Damit fiel der Startschuss für den letztendlich höchsten Ökodruckstandard weltweit – und die Verbesserung einer ganzen Branche.

Spezialrezepte für gugler*

„Der Grund für die schlechten Resultate damals war, dass die diversen Umweltzeichen darauf beruhen, den Lieferanten diese und jene Chemikalien – je nach Ökozeichen – für ihre Farben, ihr Papier, etc. zu verbieten, was im Regelfall dazu führt, dass eine Chemikalie gegen eine andere ausgetauscht wird, die nicht auf der Verbotsliste steht. Und ­kontrolliert wird auch nicht. So geht das Spielchen immer ­weiter.”

Allein im Druckfarbenbereich gebe es noch Tausende Stoffe, die noch nie auf Gesundheitsverträglichkeit bzw. Toxizität untersucht worden seien. „Also”, sagt Gugler, „haben wir mit unseren Lieferanten Kontakt aufgenommen und sie gebeten, ihre Rezepte einem Umweltforschungsinstitut in Hamburg offenzulegen, mit dem wir zusammengearbeitet haben.” Das erwies sich als Königsweg, den manche Lieferanten mitzugehen bereit waren. Nicht mehr nach verbotenen Inhaltsstoffen wurde gefiltert, sondern die Herstellung von vornherein auf gesunde, verträgliche, recycelbare, auf positiv definierte Inhaltsstoffe aufgebaut. Damit entstanden spezielle „gugler*-Rezepte”.

Weltpremiere 2011

2011 fand dann die Weltpremiere statt – mit dem ersten Cradle-to-Cradle-produzierten Druckprodukt. Gugler: „Die Erkenntnisse, die wir gewonnen haben, etwa bei einem Kleber oder einem Dispersionslack, fließen in die Serienproduktion des Lieferanten ein und damit revolutionieren wir die Druckindustrie.” Jeder, der gugler* unterstütze, „unterstützt nicht nur uns, sondern in weiterer Folge ein generelles Voranschreiten der Druckindustrie, Richtung recyclingfähige und gesunde Druckprodukte. Richtung klimafreundlicher Druckproduk­tion und Kreislaufwirtschaft”.

Kollaboration vs. Konkurrenz

Wirtschaftlich rentiert sich Ökodruck schon längst, die Mehrkosten sind überschaubar: „Wir investieren jedes Jahr vier Prozent vom Umsatz in Forschung und Entwicklung für C2C”, so Gugler. „Umgerechnet auf den Ladenpreis, kostet ein Cradle-to-Cradle-produziertes Buch dann ein paar Cent mehr.”

Das Konzept Kollaboration statt Konkurrenz, das das Unternehmen praktiziert und lebt, sieht vor, dass sich Partnerfirmen an den F&E-Kosten für die Weiterentwicklung der Cradle- to-Cradle-Produktpalette beteiligen und dafür das gesamte Produktions-Know-how bekommen, das gugler* über die Jahre aufgebaut hat. Damit soll ein europaweit flächendeckendes Netzwerk an C2C-Druckereien und Lieferanten geschaffen werden. Gugler: „Wir helfen mit, etwas Sinnvolles in die Welt zu bringen und einen positiven Beitrag zu leisten.” Sinnreich eben.

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