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Die Freiheit, die sie meinen
Redaktion 18.02.2022

Die Freiheit, die sie meinen

Wer sich als Experte auf Telegram Prestige und Image hart erarbeitet hat, pfeift auf Lockerungen.

Leitartikel ••• Von Sabine Bretschneider

FREIHEIT. Am gestrigen Donnerstag hatten wir 32 Corona-Tote („milde Variante”), die Spitalszahlen haben sich seit Mitte Jänner mehr als verdreifacht („stabil”), Expertinnen und Experten – auch jene aus den diversen Regierungskommissionen – raten ab: Aber was solls! „Flood the zone with shit” (© Steve Bannon) mutiert zu „Flood the zone with happy news”. So wie Boris Johnson sein Partygate mit einer Verkündung des allerletzten Pandemiefinales zuschüttet (Freedom Day), setzt auch die Alpen­republik die erforderlichen Schritte, um die Chat­affären in Öffnungslawinen zu ertränken.

Irgendwann müssen wir raus aus dieser Geschichte, keine Frage, aber der Zeitpunkt lässt zu wünschen übrig. Die benutzten Begriffe auch. Wer bei des Bundeskanzlers Ansprache am Mittwoch bei der zehnten Erwähnung von „Freiheit” laut „Bingo!” gerufen hat, versteht, dass die MFG als größere Gefahr wahrgenommen wird als die Mehrheit jener, die sich seit zwei Jahren mit dem Plan durchgfrettet, keine Superspreader-Ereignisse zu initiieren. Im Hintergrund werden die Landwirte mit dem Steuerzuckerl zementierter Einheitswerte angeködert, die Beamten mit 11 der insgesamt 23 Milliarden aus dem Pensionsbudget ruhiggestellt und die Unternehmen mittels KöSt-Senkung beruhigt. Dann sollte es wieder passen mit der Harmonie im Wahlvolk. So die Annahme.

Nachtrag zur Wiedereingliederung der „Maßnahmenskeptiker” per Übernahme deren Vokabulars: Die Sunk Cost Fallacy („Eskalierendes Commitment”), ein zutiefst menschlicher Charakterzug, ist dadurch gekennzeichnet, dass man sich einer ehedem getroffenen Entscheidung verpflichtet fühlt und diese – koste es, was es wolle – stützt, auch wenn sie falsch ist. Das getätigte Investment ist irgendwann einfach zu hoch. Wer sich schon ewig auf Telegram als eherner Verfechter der Freiheit profiliert hat – und etliche Kilometer durch Wien marschiert ist –, der lässt sich nicht von seiner Mission gegen Establishment und Systemmedien abbringen, weil er beim Humanic keinen Grünen Pass mehr braucht.

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