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Ein anderer Blickwinkel auf die Branche © Stellantis/Adrien Cortes
© Stellantis/Adrien Cortes

Redaktion 29.04.2022

Ein anderer Blickwinkel auf die Branche

Das „Schönste Auto 2022” ist der DS 4. CEO Béatrice Foucher über das Design der Pariser Edelmarke.

••• Von Sabine Bretschneider

WIEN. DS Automobiles ist eine der wenigen Automobilmarken mit einer Frau an der Spitze. Seit Anfang 2020 ist Béatrice Foucher CEO der Premiummarke aus dem Stellantis-Konzern, der 2021 aus der Fusion der Automobilkonzerne Fiat Chrysler Automobiles (FCA) und Groupe PSA (PSA) entstanden ist. Bei einem exklusiven Round Table in Wien beantwortete ­Foucher Fragen zu ihren Leadershipqualitäten, Marken-Design, „Sustainobility”, Kollaboration und E-Mobilität.

medianet: Wie geht es Ihnen damit, eine der wenigen weiblichen CEOs in der Automobil­industrie zu sein?
Béatrice Foucher: Um ehrlich zu sein, ich bin glücklich und ich empfinde es als eine Ehre. Ich habe im Vergleich zu vielen meiner männlichen Kollegen einen anderen Blickwinkel auf die Branche – und ich denke, dass ich damit auch etwas anderes, etwas Besonderes, einbringen kann, in die Kreation, das Design und insgesamt in die Vorstellung von dem, was ein Auto ausmacht. Es ist eine der aufregendsten Positionen, die ich bis jetzt bekleiden durfte.

Alles, was ich in meiner bisherigen Laufbahn gelernt habe, kann ich hier nutzen. Eine neue Marke gestalten zu dürfen, ist ein Geschenk.

medianet: Brauchen ‚Female Leader' einen anderen Zugang zu Führung, einen anderen Stil?
Foucher: Als ich meine Karriere in der Autoindustrie gestartet habe, dachte ich, es sei genug, genauso gut zu sein wie die anderen. Aber am Ende des Tages habe ich erkannt, dass es einen anderen Zugang braucht. Man ist in einem Ökosystem, in dem 80 Prozent Männer sind – noch mehr in den oberen Führungsebenen. Männer muss man oft davon überzeugen, dass die Taktik, die man verfolgt, jene ist, die sie auch selbst verfolgen. Dass man dasselbe Rezept verwendet. Denn wenn man dieses Rezept nicht verwendet, liefere man auch nicht die gewünschten Resultate. Damit war ich unzufrieden. Ich wollte, dass mein eigener Stil akzeptiert wird.

Ich bin beispielsweise eine sehr inklusive Person. Ich will, dass die Menschen zusammenarbeiten. Zusammen ist man stärker, ist mein Motto. Das ist besser als einen ‚Big Leader' zu haben – und die Mitarbeiter schrauben in den Ecken an ihren Ideen. Ich spreche viel mit meinen Leuten und ich will möglichst diverses Personal mit unterschiedlichen Mindsets. Das ermöglicht kreative Kollaboration. Wir arbeiten nicht gegeneinander, sondern miteinander.

medianet: DS Automobiles ist eine sehr prominente Brand. Wie ist es, für die Automarke zu arbeiten, die der französische Staatspräsident fährt?
Foucher: Es ist ein Privileg, für DS zu arbeiten. 2014 wurde die Marke gegründet, sie ist noch ganz frisch. Alles musste von Grund auf neu gemacht werden, und das schätze ich sehr. Man hat damit sehr viele Freiheiten. Ich habe eine sehr große Affinität zu Kunst und Mode und wollte das typische französische Savoir-vivre in die Marke einbringen, den französischen Spirit. Ich hätte auch in der Fashionindustrie arbeiten können, aber dieses Gefühl für Design, für Handwerk, für Kreativität, das alles kann ich hier ausleben. Es war und ist eine aufregende Reise für mich.

medianet:
Das Spannende an DS ist die Fokussierung auf Individualität und Design. Beim Festival Automobile International wurde der DS 4 als ‚Schönstes Auto 2022' ausgezeichnet … Wie viele Designer sind bei Ihnen am Werk? Wie geht die Entwicklung hier vonstatten?
Foucher: Wir haben sehr kreative Persönlichkeiten im Team. Wir sind uns dessen bewusst, dass wir etwas entwickeln, das anders ist alle anderen. Als neue Marke muss man zuallererst ‚Oneness' kreieren, Einzigartigkeit. Das ist eine der schwierigsten Aufgaben. In so ein Fahrzeug steckt man viel innovative Technologie; das können allerdings auch andere Player am Markt gut. Und dann macht man etwas ganz Besonderes daraus. Bei der Innenausstattung des DS etwa gibt es viele Überraschungen, was die Qualität betrifft, Beleuchtung, Spiegel, Sitze, Stoffe, die Ideen – viele Kleinigkeiten, auf die in einem DS ganz besonderes Augenmerk gelegt wird.

Ich erzähle Ihnen ein Beispiel: Ich habe mit jemandem gesprochen, der sich einen DS kaufen wollte. Er war mit seiner Frau beim Händler – und nachdem sie die Autotür aufgemacht und hineingeschaut hat, meinte sie sofort: Das ist der Wagen, den ich will! Da fühle ich mich wie zu Hause. Und genau so etwas wollen wir erreichen.

medianet: Sie haben in einem Interview kürzlich den Begriff ‚Sustainobility' zur Beschreibung der Marke benutzt. Was darf man sich darunter vorstellen?
Foucher: Das ist eine spannende Sache. Jemand in unserem Designdepartment hat das Wort kreiert. Es bezeichnet die Verbindung von Sustainability, Nachhaltigkeit, und Nobility, Vornehmheit. Es beschreibt etwa die Materialien, die wir verwenden – nachhaltige Stoffe, die gleichzeitig hochwertig, edel sind. Wir beschäftigen uns mit jeder Oberfläche – vom Armaturenbrett bis zum Bodenbelag. Nachhaltigkeit ist wichtig, es ist der pragmatische Weg der Verantwortung unserem Planeten gegenüber. Und Nobility ist das, was wir mit DS liefern wollen.

medianet:
Inwieweit sind Sie persönlich in das Design involviert?
Foucher: Jeden Tag. Das Design ist der kritische Bereich. Bevor wir ein neues Modell launchen, fragen wir uns, welchen ‚Typ' Auto wir erschaffen wollen und was sich der Kunde davon erwartet. Das müssen wir in einen Entwurf umsetzen und das ist eine sehr langfristige Entscheidung. Wir beginnen ca. fünf Jahre vor dem Launch damit. Die durchschnittliche Nutzungsdauer eines Neuwagens sind sieben Jahre. Damit hat man zwölf Jahre vor sich, in denen man designmäßig am Puls der Zeit sein muss.

Das ist definitiv anders als in der schnelllebigen Modeindustrie. Was soll das Auto ausdrücken, wie soll es aussehen, was wünscht man sich? Sicherheit, Sichtbarkeit, es soll insgesamt ein Juwel werden … und es ist auch ein hohes Investmentlevel.
Dann startet die große Maschinerie. Zuerst geht es um Form, Aussehen – und da ist der Head of Design immer dabei und auch ich. Für einen Wagen, der 2026/27 auf den Markt kommt, haben wir schon jetzt mit diesem Prozess begonnen. Es gibt am Beginn schon um die zehn Entwürfe – und auch die Planung des Interieurs startet schon jetzt.
Dann gibt es einen monatlichen Review. Es ist wie bei einem Kochrezept, das man Schritt für Schritt verfolgt. Und man muss die Kosten im Auge behalten, weiß aber gleichzeitig, dass jeder kleine Einschnitt zu viel das große Ganze beeinträchtigen könnte.

medianet: Der französische Präsident fährt seit Jahren DS. Wie sieht das dann aus? Kommt er selbst und sucht sich das passende Modell aus?
Foucher: Da muss man unterscheiden. Es wird ein offizielles Modell speziell für den Élysée-Palast ausgesucht (zuletzt der DS7 Crossback Élysée, Anm.). Das ist nicht für Emmanuel Macron persönlich. Aber natürlich erfragen wir die Anforderungen des Präsidenten und seiner Frau in Sachen Komfort, Sitzdesign, Ausstattung. Das Auto, das sie selbst fahren, eventuell auch mit Chauffeur, ist ein Standardmodell.

medianet:
Sie haben bereits erwähnt, dass Sie sehr an Mode interessiert sind; planen Sie auch Kooperationen mit Modehäusern, wie etwa Chanel?
Foucher: Das wäre mein Traum, aber diese Kollaborationen mit den wirklich großen Häusern sind sehr schwierig. Aber was wir sehr wohl tun, ist, mit Chanel, Vuitton und anderen für Concept- und Showcars zu kooperieren. Wir arbeiten also sehr begeistert mit der Modebranche zusammen und sind auf gutem Weg, da noch mehr zu machen. Und wir machen Kollaborationen wie etwa mit Inès de la Fressange oder Shootings mit Balmain.

medianet:
Wie sieht die Vision Ihres Unternehmens in Sachen E-Mobilität aus?
Foucher: E-Mobilität ist eine Verpflichtung, die uns alle antreibt. (Für jedes Modell von DS Automobiles ist auch eine elektrifizierte Version auf dem Markt. Anm.). Die EU-Kommission hat die Emissionswerte festgelegt, und wir müssen und werden Autos produzieren, die diese Vorgaben erfüllen. Jedes Jahr hat Stellantis für alle produzierten Autos einen Schwellenwert, der nicht überschritten werden darf.

Unsere Aufgabe ist es auch, die Kunden davon zu überzeugen, dass E-Autos eine gute Sache sind. Wenn man es einmal probiert hat, bleibt man auch dabei. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Sie sind leise, komfortabel, smart und sie machen stolz. Jetzt ist ein Wendepunkt da, ein Paradigmenwechsel. Es ist gut für unsere Welt und für die Zukunft. Das alles ist eine komplexe Aufgabe, aber es ist schaffbar.

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