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Eines ist sicher: „Höher, schneller, weiter ist out” © Panthermedia.net/Dmyrto Z.
© Panthermedia.net/Dmyrto Z.

Redaktion 13.11.2020

Eines ist sicher: „Höher, schneller, weiter ist out”

Elisabeth Plattensteiner zieht im medianet-Interview eine erste ­Zwischenbilanz nach einem Jahr Vorsitz im Forum Media Planung.

••• Von Dinko Fejzuli

Seit einem Jahr ist der aktuelle FMP-Vorstand im Amt, und eines der ganz großen Themen, die man sich auf die Fahnen geschrieben hatte, war Innovation. Wenige Monate nach Beginn der Funktionsperiode hat aber das umfassende Thema Corona vor allem auch die Kommunikationsbranche gehörig durcheinandergewirbelt.


medianet:
Der aktuelle FMP- Vorstand ist genau in der Halbzeit seiner Funktionsperiode. Bei der Wahl 2019 sagten Sie: ‚Wir werden auch 2020 gemeinsam alles daransetzen, um mutig, neugierig und innovativ Themen anzusprechen.' Welche Dinge sehen Sie hier besonders als Thementreiber?
Elisabeth Plattensteiner: Wir sind als Branche, als Unternehmen und natürlich besonders auch als Menschen mit einem sehr komplexen und herausfordernden Veränderungsprozess konfrontiert. Gerade dieses besondere Jahr hat gezeigt, wie schnell es von Reduktion, über Adaption zur Innovation kommen kann.

Wir haben im FMP z.B. all unsere Formate & Module (Talk, Akademy, Fun, Forum, Backstage) infrage gestellt und dort, wo es uns sinnvoll erschienen ist, adaptiert. Unsere Kernformate wie den Talk haben wir ab April virtuell abgehalten, inhaltlich abgestimmt auf die aktuellen Marktgegebenheiten (Purpose/New Work, Corona Recovery?, Die Vermessung der Medienwelt: Media Server und Future: Vision 2020).
Wir haben eine Initiative gestartet und unseren Mitgliedern & Geschäftspartnern eine Plattform gegeben und im Rahmen von snackable Videos befragt, wie wir uns innerhalb der Branche unter dem Motto #Gemeinsambesser besser unterstützen können. Bei der laufenden MediaWahl 2020 küren wir diesmal nicht die Mediapersönlichkeit und den Newcomer des Jahres, sondern im Sinne des Teamgedankens das herausragendste Projekt. Und an unserem Markenauftritt haben wir ebenfalls gearbeitet und diesen dynamischer und technischer up2date gestaltet. Website, Einladungsmanagement und Social Media- Kommunikation wurden nachhaltig neu aufgesetzt.


medianet:
Welche noch?
Plattensteiner: Externe Thementreiber sind aber natürlich alle Fragen, die sich erfolgreiche Marken und/oder Unternehmen aktuell stellen.

Erstens: Höher, schneller, weiter ist out. Wie erfüllen Marken das Bedürfnis nach Stabilität und Ehrlichkeit?
Zweitens: Wird der Mensch oder die Technologie in den nächsten Jahren stärker in den Fokus rücken?
Und drittens: Wie lässt sich Wachstum mit Umweltschutz und Nachhaltigkeit vereinbaren?
Diese Themen werden wir inhaltlich von allen Seiten beleuchten und gemeinsam mit den Experten der Branche mögliche Lösungswege diskutieren.


medianet: In Ihrem Brotberuf sind sie Mitglied im Führungsteam von Österreichs größter Mediaagentur, die auch einem globalen Netzwerk angehört. Mit Blick über den Tellerrand: Sehen sie in anderen Märkten Entwicklungen, die in absehbarer Zeit auch nach Österreich kommen werden?
Plattensteiner: Obwohl unterschiedliche Märkte mitunter unterschiedliche Geschwindigkeiten und Voraussetzungen haben – was die digitale Ausstattung der Haushalte angeht beispielsweise –, zeigt sich eines deutlich: Es gibt immer mehr – vor allem digitale – Media-Disziplinen, die den Aufbau von komplexen Strukturen in jedem einzelnen Markt wenig sinnvoll erscheinen lassen. Es werden sich daher immer mehr ‚Hubs' – also konzentrierte Kompetenzzentren – bilden. Das wiederum birgt für einen kleinen Markt wie Österreich natürlich Chancen und Herausforderungen. Die Chance ist sicherlich der Zugang eines relativ kleinen Marktes zu internationalem Know-how und Ressourcen sowie wendigere und sehr smarte Anwendungspotenziale für unsere Kunden. Die Herausforderung ist, sich die lokale Eigenständigkeit und die Möglichkeit, ausreichend lokales Know-how einfließen zu lassen, zu erhalten.

medianet:
Eine ganz aktuelle Frage noch: Derzeit kursieren, ausgehend vom Gesundheits- bzw. Sozialministerium, Ideen, einen beträchtlichen Teil der Lebensmittelwerbung zu verbieten, da sie Produkte bewerben würde, die im weitesten Sinne und nach der Richtlinie der Ministerien gesundheitsgefährdend sind. Wie real schätzen Sie die Gefahr ein, dass es tatsächlich dazu kommt, und welche Folgen hätte das auf die Werbewirtschaft, Marken und auch nachgelagerte Branchen?
Plattensteiner: Es geht hier um einen sehr großen Wirtschaftsbereich. Im Fernsehen beispielsweise fallen knapp 20 Prozent aller Werbeausgaben in den Bereich ‚Ernährung und Getränke'. In der Sache kommt es stark auf die konkrete Ausformung im Gesetzestext an. Das geht von einem Verbot der Formulierung von Zielgruppen, die ein gewissen Alter unterschreiten – darauf wird auch bisher schon großer Wert gelegt –, bis zu einem Verbot, Kontakte an Zielgruppen unter einer bestimmten Altersgrenze auszuspielen. Im Extremfall würde das Werbung in sehr vielen Mediengattungen nahezu unmöglich machen. Bereits jetzt haben sich viele Marken und Unternehmen freiwillig zu eigenverantwortlichen Maßnahmen verpflichtet, wie z.B. keine Werbung an Kinder unter zehn Jahren auszuspielen.

medianet:
Ein Interview im November 2020 ohne Corona-Bezug ist nicht möglich, gerade, wenn es um die Kommunikationswirtschaft geht. Corona hat vor allem eines gemacht: In vielen Wirtschaftsbereichen die Digitalisierung vorangetrieben. Was bedeutet das für die eigenen Branche aus Ihrer Sicht?
Plattensteiner: Im Selbst- und Fremdbild scheint die Kommunikationsbrache seit vielen Jahren als ‚digital advanced'. Letztendlich beschäftigt sich die Kommunikationsbranche seit Jahren intensiv mit digitaler Kommunikation und digitalen Vertriebssystemen. Dennoch haben viele Medienunternehmen und Agenturen während des ersten Lockdowns festgestellt, dass die eigenen Workflows und technischen Standards durchaus noch Aufholbedarf hinsichtlich der Digitalisierung hatten. Kundentermine sowie interne Jour fixe finden vorranging virtuell statt.

Von der stärkeren und direkten Vernetzung profitieren Mitarbeiter und Kunden. Microsoft Teams, Zoom und Co haben nun tatsächlich das Festnetztelefon abgelöst. Unersetzbar hingegen bleibt der persönliche Kontakt, vor allem in einer Branche, in der es um Kommunikation geht. Die neuen Workflows in den Medienunternehmen und Agenturen werden nachhaltig die Beratungsqualität verbessern.
Schön war es auch, zu sehen, dass die Mitarbeiter wieder mehr in den Mittelpunkt gerückt sind, es wurden viele Maßnahmen initiiert und bestehende verstärkt, um z.B. das generelle Wellbeing und die mentale Gesundheit sicherzustellen bzw. zu fördern.

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