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„Es gab deutlich mehr ­Kommunikationsbedarf” © Martina Berger
© Martina Berger

Redaktion 26.06.2020

„Es gab deutlich mehr ­Kommunikationsbedarf”

Wie sieht eigentlich die Welt aus der Sicht eines Werbers bzw. eines PR-Experten aus? "medianet" bat Rudi Kobza und Gregor Schütze zum Doppelinterview.

••• Von Dinko Fejzuli

Corona hat alles durcheinandergewirbelt – auch in der Kommunikation. Anlässlich der ersten Lockerungsmaßnahmen bat medianet Rudi Kobza, Kreativagentur Kobza and the hungry eyes (KTHE), und Gregor Schütze, Geschäftsführer von Schütze. Positionierung, zum Talk, und fragte die beiden, wie sich die ganze Situation aus ihrer beider Sicht dargestellt hat und wie es nun weitergehen sollte.


medianet:
Herr Schütze, Herr Kobza, Corona hat unser aller Leben gehörig aus dem Lot gebracht, aber auch die Art, wie Menschen und Unternehmen kommunizieren. Wie sehen Sie das jeweils aus Ihrer Sicht, denn wie es scheint, ist gerade während Corona bei vielen Unternehmen der Bedarf nach Kommunikation zu den Stakeholdern deutlich gestiegen.
Gregor Schütze: Die Wahrnehmung des steigenden Kommunikationsbedarfs teile ich. Durch den Lockdown und den Transfer der Mitarbeiter ins Homeoffice und in digitale Kanäle haben sich neue Notwendigkeiten ergeben – sei es durch Unterstützung bei interner Kommunikation oder bei einzelnen Geschäftsmodellen vieler Kunden und Partner, die innovative Lösungen gebraucht haben, wie sie etwa in dieser Zeit kommunizieren können und müssen. Gerade Führungskräfte waren und sind in dieser Zeit besonders gefordert.

Zusätzlich ist auch der Bedarf bei Krisenkommunikation gestiegen. Das hat das Arbeiten sehr intensiv gemacht, aber wir sind mit unseren Kunden und deren Projekten gut durch diese Zeit gekommen. Corona-bedingt hat sich natürlich manches an Ecken und Enden verändert, aber ein Beratungsunternehmen muss hier auch flexibel sein.


medianet:
Teilen Sie als Werber hier die Sicht des PR-Experten?
Rudi Kobza: Ich kann das, was Gregor Schütze gesagt hat, nur bestätigen. Die drei Monate waren sehr durchmischt oder wie man sagt ‚Es waren drei Monate, fast wie ein Jahr'. In diesem Zeitraum ist sehr viel passiert. Man hat genau gesehen, welche Phasen des Lockdowns welche Phasen der Kommunikation gefordert haben. Wir haben als Agentur, wie auch die Menschen im Homeoffice, mehr Zeit gehabt, uns dem Thema Kommunikation zu widmen. Weil man nicht durch unnötige Termine abgelenkt war und zu Hause den Faktor Zeit gut einteilen konnte.

medianet:
Welche Phasen waren das vor allem?
Kobza: Das reichte anfangs vom ‚Danke sagen' nach innen, um Mitarbeiter zusammenzuhalten und zu motivieren, danach war oft die Sicherstellung der Grundversorgung zu kommunizieren, getreu dem Motto ‚Österreich hält zusammen', und final kam die Vorbereitung eines Neustarts, oft ‚Comeback' genannt, mit der Aufgabe, neue Zukunfts-Perspektiven zu schaffen.

medianet:
Die Phasen während des Lockdowns haben sich je nach Branchen sehr unterschiedlich gestaltet. Manche haben quasi alles eingefroren ...
Schütze: Ich glaube, man kann hier keine allgemeine Aussage über die verschiedenen Branchen manchen. Es gab speziellen Handlungsbedarf bei Unternehmen, deren Absatzmarkt teilweise oder gänzlich weggebrochen ist, wie in der Gastronomie oder im Tourismus. Völlig andere Herausforderungen hatten wiederum Geschäfte, die unter Einhaltung der Sicherheitsmaßnahmen durchgehend geöffnet hatten – weil sie systemrelevant waren –, wie spezielle Industriebereiche oder der Lebensmittel­einzelhandel.

Eines ist aber sicher: Unternehmen, die von sich aus aktiv geworden sind, um mit einer Vielzahl an Aktivitäten die Folgen der Krise für ihr Unternehmen einzudämmen, hatten sicher einen Vorteil gegenüber jenen, die auf Hilfe von außen gewartet haben.


medianet:
Wenn wir bei der Kommunikation bleiben: Hier sind plötzlich Werte wie Nachhaltigkeit oder auch die eigenen Mitarbeiter in den Fokus gerückt. Was davon wird langfristig bleiben, oder wird man das alles wieder über Bord werfen, sobald unser altes Leben wieder möglich ist?
Kobza: Das stimmt: Kommunikation wurde sicher stärker werteorientiert angelegt. All das wurde von der Gesellschaft auch so empfunden, war dadurch sehr authentisch und glaubwürdig und hat hoffentlich auch nach der Krise noch Bestand – auch, weil die Zeit gezeigt hat, wie verletzlich wir als Gesellschaft sind. Dieses Thema wurde z.B. sehr gut von lokalen Lebensmittelproduzenten, dem LEH und der Hagelversicherung aufgegriffen. Der zweite Block ist aber dennoch immer der Ausblick in die Zukunft. Was lernen wir daraus? Was nehmen wir mit? Ein Beispiel dafür ist die neue Kampagne für unseren Kunden philoro mit dem Fokus auf Gold als krisensichere Anlageform.

medianet:
Und wie weit wird der Schock der Krise nicht nur den Blick der Konsumenten, sondern auch den ihrer Auftraggeber nachhaltig verändern?
Schütze: Auch hier kann man nicht alle Agenturen oder Dienstleister in einen Topf werfen. Wenn man gerade in dieser Zeit für seine Kunden umfassend und verstärkt da war, hat man sich als verlässlicher Partner erwiesen. Die Beziehungen, wie wir sie mit unseren Kunden pflegen, sind oft sehr enge und persönliche. Wenn man dann auch noch zusammen durch eine Krise geht, macht das gemeinsam stärker. Wir erleben das momentan bei vielen Kooperationen und ich hoffe, dass viele in der Branche Ähnliches erlebt haben.

medianet:
Das Thema, das viele schon vor der Krise beschäftigt hat, war das Thema der Kurzfristigkeit im Geschäftsalltag. Haben Sie das Gefühl, dass das neu gewonnene Vertrauen und die neu gewonnene Sicherheit hier eine Umstellung bringen werden, weil dafür eine Kontinuität gegeben sein muss?
Schütze: Die Kontinuität ist bei uns in der strategischen PR an sich noch langfristiger gegeben als in anderen Bereichen. Strategische PR und Kommunikation machen sich so erst überhaupt spürbar und bezahlt.
Kobza: Man braucht in den unterschiedlichen Phasen unterschiedliche Partner. Unabhängig davon bringt aber nur Erfahrung und das wahre Kennen des Partners höchste Effizienz im Zusammenspiel. Gemeinsamer Fokus muss es jetzt jedenfalls sein, den Konsum wieder anzukurbeln, Stimmung zu schaffen. Sich auf alte Konzepte zu verlassen, wird dabei kein Unternehmen weiterbringen. Wie heißt es so schön: ‚Du kannst die Wellen nicht aufhalten, aber du kannst lernen, auf ihnen zu surfen'. Wir haben die Welle im Ansatz erlebt, waren schockiert. Aber jetzt ist sie da und bei Weitem auch noch nicht vorbei. Jetzt heißt es nach vorn zu blicken und aktive und kraftvoll zu kommunizieren, auf der Welle zu reiten.

medianet:
Was kann da die professionelle Kommunikation leisten, um die Welle auch tatsächlich reiten zu können?
Kobza: Unser Auftrag ist es, mit kreativen Ideen ein kommunikatives Klima zu schaffen, das durch Positivität, Ehrlichkeit und Perspektiven genau diese Bedingungen schafft. Konsum und Marken brauchen Anreize und Stimmung, die müssen wir alle über die nächsten Monate wieder zurückgewinnen.
Schütze: Damit Unternehmen diese positive Welle reiten können, wird es entscheidend sein, die Frage zu stellen, inwieweit man sich auf Partner, Kunden und Lieferanten verlassen konnte und wie sehr die eigene Arbeit wertgeschätzt wurde. So wie es Agenturen oder Beratungsunternehmen in dieser Zeit ausgezeichnet hat, umfassend für ihre Kunden da zu sein, so wichtig war auch, das ‚Danke' an die verschiedenen Bereiche zu kommunizieren.

medianet:
Wer waren diese Gruppen vor allem?
Schütze: Der Konsument war hier ein wesentlicher Teil im Sinne von ‚Halte uns die Treue und komm wieder zurück'. Ein weiterer Teil war aber sicherlich auch die Anerkennung für die Mitarbeiter und Vertriebspartner, denn viele haben in diesen Wochen wirklich Übermenschliches geleistet.

medianet:
Gibt es hier aus Ihrer Sicht ein besonders gelungenes Beispiel?
Schütze: Ich möchte hier eine Kampagne des marktführenden Tabakkonzerns in Österreich erwähnen, die den Trafikanten über ihre eigenen Konsumentenkanäle gedankt haben. Das fand ich extrem clever. Sie haben dort, wo die normale Absatzkommunikation eigentlich stattfindet, Werbeflächen genommen und über diese Kanäle aber den Trafikanten selbst gedankt. Diese Menschen werden sich, wenn alles wieder normal ist, daran erinnern, wem es aufgefallen ist, dass sie jeden Tag aufgestanden sind, um die Geschäfte aufzusperren und damit die Produkte des Produzenten zu verkaufen. Wir haben alle gesehen, wie eine Gesellschaft zusammenrücken kann; das halte ich für ein zentrales Element.

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