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Es war einmal in Österreich
sabine bretschneider 27.05.2016

Es war einmal in Österreich

Nestbeschmutzer, Schmutzkübelkampagnen – wir hatten angenommen, das liege längst hinter uns. Ganz falsch.

Leitartikel ••• Von Sabine Bretschneider


POST-WAHL-BETRACHTUNG. Die Wahl ist geschlagen. „Geschlagen” im wahrsten Sinne des Wortes. Wer sich noch an Bundespräsidentschaftswahlkämpfe anno dazumal erinnert, schwelgt in nostalgischem Wohlsein. Wobei: Als sich damals herausgestellt hatte, dass eines Kandidaten Pferd eingetragenes Mitglied der SA gewesen war, hatte die mediale Diskussion inner- und außerhalb Österreichs auch eine unangenehme Tiefenschärfe angenommen.

Einiges wiederholt sich: der Einigelfaktor der heimischen Bevölkerung etwa. Zum Äußersten, einem prolongierten internationalen Eckerlstehen, ist es diesmal nicht gekommen. Was ein paar Zehntelprozente nicht ausmachen können. Aber so ganz rund läuft der Abspann zum „Wahlkrimi” dann leider auch nicht.

Brücken über Brücken …

Wieder einmal ist also das große Brückenbauen ausgerufen (die Tendenz zum Brückenbauen scheint in den letzten Jahren überhaupt das einzige prägende Attribut der Alpenrepublik zu sein), aber dieser baulichen Maßnahme stellt sich jetzt ausgerechnet der Neue entgegen. In dieser Phase der Dolchstoßlegenden in einem Interview mit einem deutschen Sender über die Allmacht des Präsidenten in Sachen Nicht-Regierungsbildung zu fantasieren, ist, das sei angemerkt, nicht die klügste Aktivität.

Gleichzeitig denkt Van der Bellen kolportiertermaßen über eine Reform der Befugnisse des Bundespräsidenten nach, die, wenn man seinen früheren Ausführungen folgt, mit genau diesen überbordenden Eingriffsmöglichkeiten Schluss machen sollte. Ja, man darf sich tatsächlich wundern.
In der Zwischenzeit treibt Strache („Jetzt gibt es ein demokratisches Wahlergebnis, das selbstverständlich anzuerkennen ist”) den Teufel mit dem Beelzebub aus und pusht auf ­Facebook weiterhin das Thema der von vorn bis hinten gefälschten Wahl. Seine Fans gehen in logischer Konsequenz und wilden Rufzeichenattacken erneut die Wände hoch. Schön ist in diesem Zusammenhang des FP-Chefs kontextnaher Gebrauch der Begriffe „Besonnenheit und ­Mäßigung”.
Bundeskanzler Kern wiederum sagte am Morgen nach der Wahlentscheidung: „Österreich ist nach wie vor (…) ein Land, in dem keine Flüchtlingsheime brennen. Und wir haben auch Phänomene wie Pegida in Österreich eher als Randnotiz wahrnehmen können.” Und darauf reagieren jetzt die deutschen Nachbarn etwas verschnupft.

… in unendliche Weiten

Zum Abschluss noch eine kleine Geschichte zur Einstimmung auf das Fronleichnamswochenende: In gut 74.000 Jahren wird die Raumsonde Voyager 1 mit Proxima Centauri das nächste stellare Nachbarsystem unserer Sonne erreichen. Sollte sie dort jemand in Empfang nehmen, wird er „Herzliche Grüße an alle!” vom damaligen UN-Generalsekretär Kurt Waldheim ausgerichtet bekommen. Die werden sich sicherlich freuen – und es wird vollkommen irrelevant sein, wes Geistes Kind dessen Pferd war oder ob 2016 der österreichische Außenminister jenseits der Grenzen mit mehr oder weniger Goodwill konfrontiert gewesen ist.

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