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„Grottenschlecht” © Johannes Dopsch

Seit 2019 ist Martin Weiss österreichischer Botschafter in den USA.

© Johannes Dopsch

Seit 2019 ist Martin Weiss österreichischer Botschafter in den USA.

Redaktion 13.11.2020

„Grottenschlecht”

Schon Nixon hatte ein „grottenschlechtes” Verhältnis zu den Medien; Trump habe das in neue Dimensionen gehoben, so Botschafter Martin Weiss.

WASHINGTON. Seit 2019 ist Martin Weiss österreichischer Botschafter in den USA und bereits seit drei Jahrzehnten dort in diversen diplomatischen Funktionen tätig und so ein erfahrener USA-Kenner. medianet bat den Diplo­maten um einige Antworten zur aktuellen Lage, speziell zur Beziehung von Donald Trump zu den Medien.

medianet:
Herr Botschafter Weiss, der gerade abgewählte US-Präsident Trump hat wie kein US-Präsident vor ihm die Medien als seinen dezidierten Feind aufgebaut. Worauf führen Sie das zurück und kennen Sie eine andere Phase, in der das Verhältnis Medien-US Präsident derart schlecht war?
Martin Weiss: Ich kenne die USA seit dem Jahr 1988 aus persönlicher Erfahrung – damals verbrachte ich ein Studienjahr an der Law School der University of Virgina. Ich kann mich noch genau erinnern, als wir uns damals gemeinsam mit US-Studen­ten die Debatten der beiden Präsidentschaftskandidaten – Bush (Vater) gegen Dukakis – angesehen haben. Es hat in den USA immer wieder Spannungen zwischen den Medien – oder einzelnen Medien – und dem Weißen Haus gegeben.

Harald Holzer hat in diesem Jahr sogar ein ganzes Buch über dieses Thema verfasst: ‚The Presidents vs. the Press: The Endless Battle between the White House and the Media – from the Founding Fathers to Fake News'.
Und z.B. das Verhältnis zwischen Richard Nixon und den Medien war – um es auf gut österreichisch zu sagen – grottenschlecht.
Aber Präsident Donald Trump hat die Fehde mit dem US-Medien noch einmal in ganz neue Höhen befördert, man könnte schon fast sagen zelebriert. Der Grund dafür ist wohl der, dass Donald Trump sich immer als ‚Outsider' verstanden hat. Er war nie Teil des politischen Systems von Washington. Die Medien sind hingegen sehr wohl Teil dieses Systems; sie stehen auf der anderen Seite. Wer mit dem Motto ‚Drain the swamp' zur Wahl antritt, der meint damit nicht nur die politischen Gegner, sondern ganz bewusst auch die Medien. Der permanente Streit mit den Medien war daher Teil der ‚Marke' Donald Trump. So in der Art: ‚Während sie euch dauernd anlügen (= ‚fake news'), sage ich euch die Wahrheit.'


medianet: Genau mit diesem Begriff der Fake News wurde den Medien ein nachhaltiger Image-Schaden zugefügt. Glauben Sie, dass diese mit dem neuen Präsidenten Biden weniger in der Schusslinie stehen werden?
Weiss: Davon gehe ich aus. Joe Biden ist jemand, der in seiner ganzen politischen Karriere nicht auf Konfrontation gesetzt hat, sondern der immer derjenige war, der nach Kompromissen gesucht hat. Unter Präsident Obama war er etwa derjenige, der immer dann zum Kongress gehen musste, wenn alles festgefahren schien. Und der dann doch noch versuchte, eine Lösung zu erzielen – was ihm auch immer wieder gelang. Warum würde jemand, der so ‚tickt', plötzlich die Konfrontation mit den Medien suchen? Das heißt aber nicht, dass es nicht auch unter einer Biden-Administration zu einem Streit mit den Medien oder sogar zu einer Medienschelte kommen kann. Aber das ist, im Washington- Jargon gesprochen, ‚part of the game'. Suchen wird Biden diesen Konflikt sicherlich nicht.

medianet:
In den letzten Tagen war zu bemerken, dass selbst Trump bisher sehr treue Sender wie Fox News diesem nun kritischer sehen und sich auch so verhalten. Womit hat Ihrer Meinung nach diese Absetzbewegung zu tun? Seine Botschaften sind noch immer dieselben …
Weiss: Ich denke, das reflektiert einfach die geänderten Realitäten. Joe Biden hat – auch wenn es noch kein offizielles Wahlergebnis gibt, sprechen die Zahlen doch eine deutliche Sprache – die Wahl vom 3. November klar gewonnen. Und die Medien orientieren sich an dieser neuen Realität, sie stellen ihren Kompass neu ein. Auch für Medien, die bisher treu zu Präsident Trump gehalten haben, gilt dabei, denke ich, die folgende Überzeugung: Wir sind größer/wichtiger als jeder einzelne Kandidat oder Politiker. Es gibt Themen, denen wir treu bleiben, das gilt aber nicht unbedingt für einzelne Politiker. Und letztlich kommt dazu noch ein weiteres Element: ein ‚schlechter Verlierer' zu sein, wird einem in den US selten verziehen …

medianet:
Und wird Trump im Jänner seinen Sessel räumen?
Weiss: Ja, er wird.

medianet:
Frage zum Schluss: Welche Medien konsumiert der österreichische Botschafter in Washington selbst?
Weiss: Ich konsumiere sehr viele News online, folge vielen interessanten Journalisten auf Twitter und lese täglich Washington Post, New York Times und die Financial Times. Die österreichischen Medien lese ich zusätzlich online bzw. via Pressespiegel und die ORF-TVthek ist natürlich Goldes wert! (fej)

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