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Handel auf der Couch: Irrwege und Auswege © Unito/Simon Möstl
© Unito/Simon Möstl

Redaktion 25.03.2022

Handel auf der Couch: Irrwege und Auswege

Unito-Chef Harald Gutschi mit einem aktuellen Befund zu E-Commerce und verändertem Konsumverhalten.

••• Von Christian Novacek

GRAZ. Es läuft rund in der Unito Gruppe: Trotz teils schauderlicher Rahmenbedingungen rechnet Geschäftsführer Harald Gutschi für 2022 mit einer Umsatzsteigerung von zehn Prozent. Und mit einem Anhalten des Booms im Digital Retail, wo es erstens noch jede Menge Potenzial gibt, weil zweitens der stationäre Handel vermehrt schnaufen wird. Offenkundig gilt es, mit der Zeit zu gehen, um nicht mit der Zeit zu gehen.

medianet: Sie sind bekannt als jemand, der Trends vorwegnimmt – welche Trends im Handel sind derzeit unterbewertet?
Harald Gutschi: Nach wie vor unterbewertet ist der Online-Trend. China und Südkorea haben schon plus 50 Prozent Online-Anteil am gesamten Handelsvolumen; wir liegen erst bei 25 Prozent. In zehn Jahren werden wir auch in Österreich den 50 Prozent-Online-Anteil erreicht haben. Innerhalb des Onlinehandels tut sich aber richtig viel: Für den Onlinehandel wird Größe benötigt, unterschätzt wird daher auch der Druck zu Wachstum auf europäischer Ebene. Kleine Händler werden sich sehr schwer tun: Entweder bin ich groß oder sehr speziell in der Nische. Dazwischen bleibt kein Platz zum Leben.

medianet:
Welche Trends sind überbewertet und warum?
Gutschi: Überbewertet sind der Stolz und die geglaubte Vormachtstellung der stationären Lebensmittelhändler. Heute machen diese pandemiebedingt ein großartiges Geschäft, fühlen sich unschlagbar, in wenigen Jahren werden diese aber schmerzhaft den Online-Lebensmittelhandel spüren und ihre enorme Flächenexpansion zurückfahren. Online-Lebensmittel werden ‚State of the Art'.

medianet:
In welchen Sortimentsbereichen rechnen Sie aufgrund des Ukrainekriegs mit Verwerfungen?
Gutschi: Vor dem verbrecherischen Putin-Angriffsfkrieg auf die Ukraine sind wir extrem optimistisch ins Jahr 2022 gegangen. Der Ukrainekrieg hemmt verständlicherweise in den ersten Wochen die Kauf- und Lebenslust. Die Menschen haben Sicherheitssorgen. Das ist normal, Menschen verändern aber schnell wieder ihr Verhalten. Deshalb sind die kurzfristigen, negativen Effekte überschaubar, die mittelfristigen werden aber erheblich sein. Wir werden eine ‚Stagflation', also kaum Wirtschaftswachstum bei hoher Inflation, erleben, Wohlstandsverluste für uns alle werden eintreten. Die Lieferketten bleiben diesmal rohstoffbedingt schwierig. Die energiebedingt steigenden Transportkosten belasten den Onlinehandel generell, Preiserhöhungen können nur bedingt an die Konsumenten weitergegeben werden.

medianet: Das Konsumverhalten hat sich ins Internet begeben – geht das so weiter oder kommt der Umkehrschwung?
Gutschi: Kurzfristig nach all den Lockdowns mag es ein ‚stationäres Aufflackern' geben. Der Onlinetrend ist aber so massiv, dass der Weg der Zukunft völlig klar und unumkehrbar ist.

medianet: Währt die Krise schon so lange, dass ein geändertes Einkaufsverhalten als etabliert betrachtet werden kann?
Gutschi: Ja, im Vorjahr 2021 haben wir in Österreich 347 Millionen Pakete verschickt. Gibt es da noch Diskussionen?

medianet:
Das Smartphone hat sich als digitales Einkaufstool etabliert. Ist das vorteilhaft aus Ihrer Sicht?
Gutschi: Das Smartphone ist unser ‚Zauberstab' zu Umsatz und Gewinn. Für uns ist das enorm vorteilhaft. Unsere Kunden und Kundinnen haben das größte Shoppingcenter Österreichs mit dem Smartphone in der Hosentasche immer dabei. App-Käufer sind um fünf Jahre jünger, kaufen zwei bis drei Mal öfter als andere Käufer und haben auch Warenkörbe mit höherem Wert. Die App-Käufer sind die treusten und profitabelsten Kunden, die wir haben.

medianet:
Sie haben die Strategie von Unito die letzten 15 Jahre maßgeblich geprägt, insbesondere den Wandel vom Katalog- zum Onlinegeschäft. Ein leichter Step oder mühsame Überzeugungsarbeit?
Gutschi: Es war sehr mühsam. Otto wird heuer 30 Jahre alt, ich bin 15 Jahre ein Stück des Weges mitgegangen. Mit dem Hauptkatalog wussten wir zehn Tage nach Versand, ob die nächsten sechs Monate gut laufen werden. Symbolisch konnte ich die Füße auf den Tisch legen und mir überlegen, was machen wir in sechs Monaten. Es war eine hochprofitable Zeit mit wenigen Mitbewerbern. Heute arbeiten wir online jede Minute am ‚offenen Herzen', das Tempo ist enorm, die technologischen Herausforderungen sind atemberaubend. Wir sind im kompetitivsten Markt der Welt. Das ist anstrengend, macht aber auch Spaß.

medianet: Das Umsatzwachstum von Unito ist in den letzten zehn Jahren mit durchschnittlich zehn Prozent beachtlich – worauf führen Sie das zurück?
Gutschi: Wir konnten Trends sehr früh vorwegnehmen, waren bei allen Trends – online, mobil, social – dabei und tonangebend. Und auch bei der Nachhaltigkeit, die ich hier bewusst nicht als Trend bezeichnen möchte. Es ist kein Trend – es ist die Kernfrage unserer Zeit.

medianet: Wie sind die ersten Monate des Jahres 2022 verlaufen?
Gutschi: In unserem neuen Geschäftsjahr liegen wir ganz nah am Plan und leicht über Vorjahr. Wir sind überrascht, dass es so stabil läuft. Hoffentlich bleibt das so. Natürlich belastet der Ukrainekrieg die Konsumstimmung. Die Menschen haben Angst um ihre Sicherheit, da denkt man nicht ans Shoppen.

medianet:
Was erwarten Sie für 2022 – wird der Umsatz weiter wachsen oder kommt die Delle?
Gutschi: Trotz aller Probleme planen wir mit Otto Österreich ein Umsatzwachstum von deutlich mehr als zehn Prozent. Wir haben uns sehr professionell vorbereitet, unsere Lager sind randvoll mit neuer und attraktiver Ware. Wir haben auch wahnsinnig viel in die Logistik investiert, damit wir noch schneller und präziser liefern können. Bei Textil erwarten wir ein sehr gutes Geschäft, bei Living auch. Im Techniksortiment lösen sich die Probleme (Chipmangel) allerdings langsamer als gedacht auf.

medianet:
Wie muss man das Geschäftsmodell adaptieren, wenn die Kauflaune durch ­äußere Umstände gebremst wird?
Gutschi: Es ist ‚still day one', wir müssen ständig und immer unser Geschäftsmodell neu denken und ausbauen. Dafür brauchen wir die besten Talente. Hohe Rabatte pushen die Kauflust und holen unsere Kunden auf unsere Webshops. Wir feiern mit Otto 30-Jahr-Jubiläum. Wir sind laut ohne Ende, bieten Top-Preise, 24-Stunden-Liefer-Service mit Rund-um-Serviceleistungen. Da sitzt dann der Euro bei den Kunden doch etwas lockerer.

medianet:
Welche Sortimentsbereiche gilt es zu forcieren?
Gutschi: Wir merken, dass sich unsere Kunden aus Angst vor dem Ukrainekrieg zurückziehen. Cocooning boomt. Da hilft es uns sehr, dass wir mit Otto Österreichs größter Online-Möbelhändler sind. Mit 300.000 Living-Artikeln dominieren wir den Markt.

medianet:
Werden die Umwälzungen der nächsten 30 Jahre spektakulärer oder moderater?
Gutschi: Das Tempo steigt. Die Welt ist nur einen Klick entfernt. Wir müssen uns gegen 120.000 andere Online-Shops durchsetzen. Das gelingt uns auch hervorragend, Kindergeburtstag ist das aber keiner.

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