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Hörschaden © APA/Hans Punz
© APA/Hans Punz

Redaktion 12.02.2021

Hörschaden

Knalleffekt in der Radio-Szene: Kronehit klagt die Gfk wegen Radiotest-Zahlen: Kronehit-Reichweiten seien massiv zu niedrig ausgewiesen.

••• Von Dinko Fejzuli und Laura Schott

WIEN. Nach den Schwierigkeiten im Jahr 2016 beim Radiotest gibt es nun neue Aufregung um die ausgewiesenen Zahlen. Konkret sieht Österreichs größter Privatsender, Kronehit, aufgrund diverser Umstände die Hörergewohnheiten im aktuellen Radiotest nicht mehr richtig abgebildet. Nachdem beim Radiotest der Forderung, die Zahlen des Radiotests 2020/2 deshalb nicht zu veröffentlichen, nicht nachgekommen worden ist, klagt Geschäftsführer Ernst Swoboda nun auf Schadensersatz für seinen Sender.


medianet:
Herr Swoboda, beim Thema Radiotest gibt es nach den letzten Schwierigkeiten in 2016, wo es bei der Erhebung und Berechnung der Daten zu Fehlern gekommen ist, abermals Probleme. Wie das Branchenmedium Horizont vor Kurzem berichtet hat, klagen Sie nun das ausführende Institut, die GfK. Warum genau?
Ernst Swoboda: Der Radiotest hat sich durch mehrere aufgrund von Veränderungen der Lebensgewohnheiten, der Telefoniegewohnheiten, etc. gewachsene Probleme – wie immer schwerere Erreichbarkeit vor allem jüngerer Personen und daraus resultierend Folgeprobleme wie hohe Gewichtungen, mangelnde Repräsentativität, Aufweichung der Zufallsstichprobe, etc. – immer weiter von dem Ziel entfernt, die Radionutzung gesamthaft der Realität entsprechend abzubilden. Dazu kam, dass seit geraumer Zeit bei den ohnehin schwerer erreichbaren Personengruppen das durchführende Institut gerade einmal Mindesterfüllquoten erfüllt. Und dann als der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, das Ignorieren eines zusätzlich die Zahl der erreichten Interviews weiter nach unten drückenden, von außen kommenden Problems, nämlich der Integration einer Betrugswarnungssoftware in das Betriebssystem von weit verbreiteten Handys. Durch all das wurde das Ziel der realitätsgetreuen, vollständigen Abbildung der Radionutzung durch den Radiotest dann unserer Einschätzung nach so stark verfehlt, dass der Radiotest 2020_2 nicht veröffentlicht hätte werden dürfen. Ein entsprechendes Verlangen unsererseits wurde abgelehnt, deshalb haben wir uns zur Klage gezwungen gesehen.

medianet:
Ein Umstand, der Sie ebenfalls besonders ärgert, ist, dass GfK bei Radiotest-Anrufen mit Telefonnummern weiter- telefonieren hat lassen, die bereits durch auf Mobiltelefonen installierte Software als potenzielle Betrugsnummer gekennzeichnet und somit gesperrt waren. Hier soll die GfK trotz Hinweisen die Praktik nicht geändert haben. Welche Folgen hatte das?
Swoboda: Ende September 2019 wurde die Betrugswarnungssoftware Hiya in allen Samsung-Handys – die sehr weit verbreitet sind – im Betriebssystem verbaut, dadurch hat diese Betrugswarnung am Handy eine Relevanz erhalten.

Wenn ein paar User eine Telefonnummer als verdächtig melden, was bei Anrufen von Marktforschungsinstituten aus diversen Gründen leicht vorkommen kann, scheint dann bei Anrufen von dieser Nummer am Handy des Angerufenen eine Warnung vor potenziellem Betrug auf. Der Angerufene wird diesen Anruf daher in der Regel ablehnen und er kann die Nummer für die Zukunft sperren bzw. blocken. Tatsächlich ist im 4. Quartal 2019 die Anzahl der erreichten Interviews bei den unter 50-Jährigen deutlich (rund 300 Interviews von 2.800) abgesackt – und blieb dann auf diesem Niveau. Nach unserer Einschätzung ist dieser Rückgang bei den Interviews ab dem Q4/2019 auf diese ignorierte Betrugs­warnungssoftware in Samsung-Handys zurückzuführen.
Ein solcher erheblicher Ausfall von Interviews verzerrt die Stichprobe und damit das Ergebnis des Radiotest und diese Verzerrung wird in Zusammenhang mit den anderen Problemen des Radiotest dann zu stark, um den Radiotest noch als realitätsgetreues Abbild der vollen Radionutzung zu sehen.


medianet:
Welche anderen Probleme sehen Sie noch?
Swoboda: Wie schon gesagt: Eine immer größere Personengruppe – vor allem jüngere Personen, unter 40 – wird telefonisch nicht mehr erreicht. Das führt zu inakzeptabel starken Hochgewichtungen; die tatsächlich für Telefoninterviews gewonnenen Personen sind nicht unbedingt repräsentativ für die nicht telefonisch erreichbaren Personen. Versuche, dem abzuhelfen – z.B. indem bei Anrufen am Festnetz die jüngste Person im Haushalt verlangt wird –, führen zu anderen Verzerrungen der Stichprobe. Dadurch haben jüngere Erwachsene mit Kindern über 10 eine viel geringere Chance, in die Stichprobe zu gelangen als solche Erwachsene ohne Kinder. All das führt zu teils absurd hohen Schwankungen im Radiotest, die offenkundig nicht der Realität entsprechen.

medianet:
Sie klagen ja nicht nur auf Rückzahlung, sondern auch auf Schadensersatz – wie hoch beziffern Sie den Schaden und woraus setzt sich dieser zusammen?
Swoboda: Wir haben momentan nur den Schaden geltend gemacht, der uns in einem Teilbereich dadurch entstanden ist, dass der Radiotest 2020_2 veröffentlicht wurde; das sind etwa mehr als 120.000 Euro. Darüber hinaus wird unser voller Schaden erst später feststellbar sein, deshalb enthält die Klage ein Feststellungsbegehren.

medianet:
Unabhängig von GfK – die Erhebungsmethode hat aufgrund vieler sich ändernder Faktoren – Diversifizierung der Lebensstile und -gewohnheiten – scheinbar Probleme, die notwendigen Zielgruppen zu erreichen. Wie könnte man das Problem lösen?
Swoboda: Man muss die telefonisch nicht erreichbaren Personen(gruppen) anders einbeziehen – und das wird nur online gehen. Es muss daher ein entsprechender Teil der Interviews online geführt werden – und das möglichst rasch, noch heuer beginnend. In diese Richtung muss die Erhebung der Reichweiten von Radio verändert werden – und das wird die in Wahrheit deutlich höheren Reichweiten von Radio gesamt dann endlich sichtbar machen.

medianet:
Haben Sie auch mit anderen Sendern gesprochen? Wird es hier zu weiteren Klagen kommen?
Swoboda: Natürlich haben wir unsere Sichtweise und auch das Klagsvorhaben im Senderkreis und auch gegenüber den anderen Auftraggebern des Radiotest kommuniziert. Ob jemand anderer klagen wird, weiß ich nicht, Infos dazu habe ich derzeit keine.

GfK kennt Klage noch nicht

Seitens GfK hieß es auf medianet-Anfrage, die medial geäußerten Vorwürfe seien „schwer nachvollziehbar und entsprechen zudem nicht den tatsächlichen Gegebenheiten”. Und: „Eine Klage, wie Sie sie in Ihrer Anfrage ansprechen, ist der GfK Austria – Stand heute – nicht bekannt. Auch keine Inhalte daraus. Grundsätzlich: Die Methodik bzw. die Art der Erhebung der Radiotest-Daten seitens GfK entspricht durchwegs den anerkannten Regeln der Markt- und Meinungsforschung sowie den Richtlinien der Markt- und Sozialforschungsverbände (z.B. den ESOMAR-Standards), die verbindliche Vorgaben enthalten; darüber hinaus selbstverständlich auch den Vereinbarungen und Vorgaben unserer Auftraggeber.”

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