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Letzte Ausgabe "WirtschaftsBlatt" - "Auf Wiedersehen, werte Leser!" mn

Am 2. September erschien die letzte Ausgabe des "WirtschaftsBlatt".

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Am 2. September erschien die letzte Ausgabe des "WirtschaftsBlatt".

Redaktion 05.09.2016

Letzte Ausgabe "WirtschaftsBlatt" - "Auf Wiedersehen, werte Leser!"

Chefredakteurin Komarek: "Die Zeitung ist der Krise der Medienbranche zum Opfer gefallen"

WIEN. Das "WirtschaftsBlatt" ist am Freitag nach knapp 21 Jahren Erscheinung eingestellt worden. In der letzten Ausgabe der Wirtschaftstageszeitung wird noch einmal auf die bewegte Geschichte des Blatts zurückgeblickt und das Zeitungssterben analysiert. Gründungsmitglieder kommen zu Wort, die Redaktion verabschiedet sich, der Schriftsteller Franzobel steuert eine "Ode an das WirtschaftsBlatt" bei.

Am Titel läuft Götterbote Hermes, der seit Erscheinen der Zeitung als Logo in den Zeitungstitel integriert war, mit einer Zeitung unterm Arm in Richtung "Exit". "Qualität kostet Geld", schreibt darunter "WirtschaftsBlatt"-Chefredakteurin Eva Komarek im letzten Leitartikel. "Die Zeitung ist der Krise der Medienbranche zum Opfer gefallen. Wir sind nicht das erste Opfer, und es ist zu befürchten, dass wir auch nicht das letzte sein werden", so Komarek. Angesichts des Medienwandels hin zur Gratiskultur sieht die Chefredakteurin auch die Konsumenten und Kunden gefordert. "Journalismus ist eine Dienstleistung und kostet Geld; sonst droht Gleichschaltung auf allen Kanälen zum Einheitsbrei."

"WirtschaftsBlatt"-Gründer Chris Radda befürchtet nach dem Ende der Wirtschaftstageszeitung ein "Vakuum für den Medien- und Wirtschaftsstandort". Radda, der das "WirtschaftsBlatt" 1995 gemeinsam mit dem schwedischen Medienkonzern Bonnier gegründet und 2005 an die Styria Media Group verkauft hatte, dementierte, dass das Blatt nie positiv bilanziert habe. "Wir haben nach etwa drei Jahren die Gewinnzone erreicht. Es waren rund sieben Millionen Schilling. Bald darauf hat das aber die Dot-com-Krise relativiert." Die Finanzkrise 2008 hätte der Zeitung weiter zugesetzt. "Weil Banken und Versicherungen seitdem ihre Marketing-Etats deutlich zurückgefahren haben."

Gründungs-Herausgeber Jens Tschebull nennt die Einstellung den "Lauf des Lebens". Die Journalisten des "WirtschaftsBlatt" seien nun "Dünger für den Markt. Wer weiß, vielleicht haben zwei von euch die Königsidee, auf die alle gewartet haben." Die letzte Seite ziert schließlich ein Foto der Redaktion. Und: "Auf Wiedersehen, werte Leser!"

Geht es nach den Mitarbeitern und dem Personenkomitee zur Rettung des "Wirtschaftsblatt", soll es zu so einem "Wiedersehen" schon bald kommen. Derzeit gibt es Überlegungen, ein neues, unabhängiges "WirtschaftsBlatt" mit neuem Namen zu gründen; die Suche nach Investoren läuft. In einer aktuellen Aussendung zeigen sich die Mitarbeiter zudem empört darüber, wie die Styria-Konzernspitze den Vorschlag eines Mitarbeiter-Buy-out einfach abgeschmettert habe. Die Styria habe das Angebot nie auch nur ernsthaft geprüft, so der Vorwurf.

"Dieses Verhalten der Verlagsleitung verbaut vielen Mitarbeitern eine Zukunft in ihrem Beruf. Die Behauptung, der Betriebsrat hätte außerdem drei Monate Zeit gehabt, sich auf ein Übernahmeangebot vorzubereiten, ist falsch. Wie den Mitarbeitern wurde die Schließung auch dem Betriebsrat am 16. August 2016 kommuniziert." Die Belegschaft will deshalb auch rechtliche Schritte gegen den Eigentümer prüfen. "Statt mit Anstand und Würde die Zeitung zu schließen, zerstört die Verlagsleitung das Ansehen der Styria AG und ihrer Eigentümer. Dieses mit christlich-sozialen Grundsätzen nicht zu vereinbarende Verhalten zeugt nicht von sozialpartnerschaftlichen Versuchen, eine faire Lösung für alle zu finden", schreibt die Belegschaft.

Die Styria Media Group, zu der auch die "Kleine Zeitung" und "Die Presse" gehören, gab die Einstellung des Blattes Mitte August bekannt; 66 Mitarbeiter sind betroffen. Den drastischen Schritt begründete man mit der schwierigen Marktlage, bisherigen Verlusten und damit, dass die Kosten des Betriebs auch künftig nicht vom Markt refinanzierbar seien. Man habe alles versucht, die Entscheidung sei aber leider unumgänglich. Gespräche mit potenziellen Interessenten verliefen schließlich im Sand. Medienberichten zufolge war unter anderem der Welser Unternehmer Peter Panholzer interessiert. Laut "trend" hat Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl auch den Industriellen Josef Taus auf ein Engagement angesetzt; Taus, von 1975 bis 1979 ÖVP-Parteichef, bestätigte dies: "Ja, es stimmt, ich bin gefragt worden, ob ich in das 'WirtschaftsBlatt' investieren will." Zu Gesprächen mit der Styria sei es aber nicht mehr gekommen.

In der Wirtschaftsberichterstattung setzt die Styria nun auf "Die Presse": Die Wirtschaftsberichterstattung des Traditionsblattes soll ausgebaut werden. Das Digitalportal wirtschaftsblatt.at führt die Styria vorläufig weiter, um die Möglichkeiten für die Fortführung als reines Digitalangebot auszuloten. (APA)

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