MARKETING & MEDIA
Marcel und die Zaubersprüche
Redaktion 02.02.2018

Marcel und die Zaubersprüche

Wie Werber sich digitalisieren, und warum Schachspieler nicht klug sein müssen.

Leitartikel ••• Von Sabine Bretschneider

 

WIRRUNGEN. Auch die Werbebranche digitalisiert sich zusehends. Money follows eyeballs, heißt es. Das Werbegeld rinnt da hin, wo der Verbraucher sitzt – und der hält sich zunehmend oft in virtuellen Welten auf. Damit ihn auch dort das Marketing erwischt, benutzt man die Werbesprech-Zaubersprüche der Programmatik. Man jagt ihn mit Programmatic Advertising-fokussierten Werbeflächen und fängt ihn mit Programmatic Creative-gestalteten Werbemitteln. Denn die Aufmerksamkeitsspannen verkürzen sich, das Wild im World Wide Web wird zunehmend scheuer.

Die Publicis Groupe, multinationaler Werbedienstleister und Medienkonzern, lässt jetzt mit einem ambitionierten Projekt aufhorchen: „Marcel”. Marcel ist – man sollte sich von der kevinisierten Namensgebung des Projekts nicht irreführen lassen – eine hauseigene künstliche Intelligenz, die, unterstützt von Microsoft, im Netzwerk der 80.000 Mitarbeiter in 130 Ländern operieren soll. Die Arbeitsweise innerhalb des Unternehmens werde sich durch diese Plattform „radikal verändern”, kündigt Publicis an. Zielrichtung ist das Rekrutieren kundenspezifisch passender Teams, die Sammlung und Sichtung herumschwirrenden Know-hows und die Schaffung „kollaborative Arbeitsmodelle”. Kreativ, effizient, effektiv.
Zu bedenken bleibt, dass – Deep Learning und neuronale Netze hin oder her – künstliche Intelligenz noch immer ein Euphemismus für eine nüchterne, wiewohl von menschlichen Zügen wie Gier und Vorurteilen befreite, Aneinanderreihung von Wenn-dann-Verknüpfungen ist. Der Unterschied zwischen Schachspielen (kann KI sehr gut) und der Fähigkeit, einen Wischmopp auf Anhieb von einem West Highland-Terrier zu unterscheiden (kann ein Kindergartenkind auf Anhieb, die besten Bilder-Bots noch nicht), ist wie jener zwischen Syntax und Semantik. Da wären wir jetzt also bei Mustererkennung und Verstand als Grundpfeiler menschlicher Intelligenz. Gut also auch, dass diesmal nicht die Innenpolitik Thema des Kommentars war.

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