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Mehr Frauenpower in der Kreativ-Branche © CCA/Heidi Pein
© CCA/Heidi Pein

Redaktion 14.05.2021

Mehr Frauenpower in der Kreativ-Branche

Erstmals in der Geschichte des CCA-Awards ist das Jury-Präsidium ausschließlich weiblich besetzt.

••• Von Britta Biron

 

WIEN. Wie hält es die Kreativbranche mit der Gleichstellung der Geschlechter? Ist die Werbung nur ein – geschöntes – Spiegelbild der Gesellschaft oder hat sie vielleicht auch die Macht, zeitgemäße Rollenbilder zu etablieren? Birgt die Mutterschaft auch in der Agenturszene die Gefahr, karrieretechnisch im Abseits zu landen? Diese und viele weitere Fragen rund um die Stellung der Frauen beantworten CCA-Präsident Andreas Spielvogel und CCA-Vorstandsmitglied und Jury-Vorsitzende Eva Oberdorfer.

medianet: War die Besetzung des Jury-Präsidiums durch die Vorgabe ‚rein weiblich' heuer schwieriger als in den Jahren davor?
Andreas Spielvogel: Natürlich, und der Grund dafür liegt auf der Hand. Es gibt eine Menge großartiger, kreativer Frauen in diesem Land, aber wir kennen zu wenige davon. Wir haben tolle weibliche Kreative im Club – aber immer noch zu wenige. Und nicht jede sieht sich der Aufgabe, eine Jury zu leiten, gewachsen. Umso mehr freue ich mich, dass wir elf für diese herausfordernde, wichtige und schöne Aufgabe gewinnen konnten. Und ich hoffe zugleich, dass wir damit ein klares Zeichen setzen können: Frauen in Spitzenpositionen müssen genauso selbstverständlich sein wie Männer. Sie müssen dieselben Chancen, Voraussetzungen, Möglichkeiten in der Kommunikationsbranche haben wie Männer – ausnahmslos!

medianet:
Gibt es zusätzliche Maßnahmen, um die Stellung der Frauen nachhaltig zu verbessern?
Spielvogel: Wir ermuntern unsere Kolleginnen und Kollegen dazu, Frauen aus der Branche Mut zu machen und den Rücken zu stärken, wenn es um eine Bewerbung beim CCA geht – denn auch in unseren eigenen Reihen bilden wir die Branche in geschlechtlicher Hinsicht noch nicht ab. Jetzt kann man mit Recht fragen: Muss es das? Nein! Aber diesem Vorstand ist es ein Anliegen – und deshalb tun wir es! Deshalb gibt es auch eigens für Frauen konzipierte Veranstaltungen – das sogenannte Frauenzimmer.
Eva Oberdorfer: Damit stärkt der Creativ Club Austria Frauen, motiviert und vernetzt sie. Uns geht es um nichts weniger als ein neues Selbstverständnis innerhalb der Kreativwirtschaft

medianet:
Oft wird Frauen vorgeworfen, sie hätten ohnehin schon längst grundsätzlich die gleichen Möglichkeiten wie Männer, müssten halt bei Gehalts- und Beförderungswünschen nur ähnlich forsch auftreten. Ist da etwas Wahres dran oder ist das Argument nur eine Entschuldigung dafür, dass man am Status quo nichts ändern muss?
Spielvogel: Das halte ich für ein – zumindest in unserer Agentur – längst überwundenes Vorurteil. Es gibt bei DDB bei gleichen Arbeitsfeldern definitiv keinen PayGap aufgrund des Geschlechts – und wenn, dann würden wir dagegen aktiv Maßnahmen ergreifen. In der Branche hingegen – so realistisch bin ich – stellt dieser Zustand da und dort mit Sicherheit ein Problem dar. Was können wir tun? Vorbild sein und Bewusstsein schaffen! Als Kollege, als Vorgesetzter, als Freund. Bei Beförderungen, Gehaltserhöhungen oder anderen Forderungen darf einzig und allein das bisher Geleistete, das Potenzial, das Engagement und das Arbeiten am gemeinsamen Ziel als Maßstab dienen. Übrigens: Forsches Auftreten gibt es bei jedem Geschlecht – das ist keine Eigenschaft, die ausschließlich im Y-Chromosom verhaftet ist.

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net: In Sachen Geschlechter-Gleichstellung unterscheidet sich die Kreativbranche also nicht von anderen Bereiche?
Oberdorfer: Mir ist nicht aufgefallen, dass die Werbebranche, abgesehen von den Digitalisierungsthemen, tatsächlich wirklich fortschrittlich ist.

medianet:
Dann sind Kinder auch in der Kreativ-Branche Karrierekiller?
Oberdorfer: Ja. Das traditionelle Familienbild in Österreich ist in den Köpfen der Menschen und politisch noch extrem stark verankert. Es führt dazu, dass Frauen die Hauptverantwortung zugeschrieben wird. Dadurch ergibt sich unweigerlich die Frage, wie man als Frau eine Führungsposition mit Kindern handhaben will. Für mich persönlich ist das traditionelle Rollenbild in keinster Weise mit meinen tatsächlichen Bedürfnissen vereinbar. ‚Familie und Karriere' darf für eine Frau zu keinem Entscheidungsdilemma werden. Als Frau soll man nicht vor die Wahl von Beruf und Familie gestellt werden. Da wir aber diesbezüglich noch einiges an Arbeit zu leisten haben, war für mich klar, meine Karrieren nicht davon abhängig zu machen, sondern sie selbst in die Hand zu nehmen.

medianet:
In welchen Situationen haben Sie sich benach­teiligt gefühlt und wie haben Sie reagiert?
Oberdorfer: Wenn auf Preisverleihungen meinem Partner zu dem tollen Erfolg unserer Agentur gratuliert wird und ich die Frage gestellt bekomme, wie ich mich denn als Frau, die hinter so einem erfolgreichen Geschäftsmann steht, fühle. Mit 30-jährigen Männern, die wohl eine Zeitreise in die 1950er-Jahre unternommen haben, fängt man auch keine Diskussion an, aber wahrscheinlich sollte man genau das konsequent tun.

medianet:
Ticken weibliche Kreative anders als männliche oder ist das auch nur ein Vorurteil?
Oberdorfer: Es gibt Menschen, die für den Job gut geeignet sind und solche, die es nicht sind. Ich finde nicht, dass es aufgrund des Geschlechts besondere Vor- oder Nachteile für den Kreativberuf gibt. Und ganz ehrlich: Solche Fragen hört man oft und sie fördern dieses Schubladendenken sehr stark.

medianet:
Wie sieht es mit den Rollenbildern aus, die in der Werbung vermittelt werden? Sind die Ihrer Ansicht nach schon divers genug oder werden weiterhin zu viele alte Klischees bedient?
Spielvogel: Natürlich bedient die Werbung auch heute immer wieder Klischees, um innerhalb weniger Sekunden Geschichten zu erzählen – mal besser, mal schlechter. Dasselbe gilt für stereotype Rollenbilder der Geschlechter. Das Interessante dabei ist, dass beiderlei zu sehen ist: Klassische, längst überwunden geglaubte Rollenbilder der sogenannten Hausfrau und des tradierten Brötchenverdieners oder aber auch das genaue Gegenteil. Die Problematik ist für mich immer das Bemühen rund um das Rollenbild. Dieses Gezwungene – in die eine genauso wie in die andere Richtung – halte ich einerseits für unkreativ, andererseits für unangebracht, meistens sogar für absolut fehl am Platz. Sind wir divers genug? Nein, noch lange nicht. Aber ich denke, dass mehr und mehr Agenturen und Auftraggeber versuchen, hier positiv zu agieren. Bei DDB bemühen wir uns daher beispielsweise bei Filmproduktionen aktiv darum, dass Regisseurinnen oder Kamera­frauen in der Auswahl sind. Das ist kein Muss, aber eine Anforderung unsererseits. Nicht, weil das eine oder andere Geschlecht die Arbeit besser macht, sondern weil wir mit offenen Augen bei der Auswahl durch die Welt gehen müssen.
Oberdorfer: In der Werbung werden Geschlechter-Klischees natürlich nach wie vor noch bedient, jedoch ist die Awareness in diesem Bereich deutlich gewachsen. Das sieht man an den ganzen Anzeigen, die beim Werberat eintrudeln. Auf diesem Gebiet hat sich aber glücklicherweise einiges getan. Was aktuell wesentlich problematischer ist, ist der Versuch von Marken, auf jeden Trend aufzuspringen, ohne sich mit der eigenen Firmen-Historie zu beschäftigen. Stichwort: Femvertising. Nur weil ein Thema aktuell ist, heißt es noch lange nicht, dass es zur Vision einer Marke passt oder dass Marken die Berechtigung haben, wichtige, gesellschaftliche Themen lediglich für Marketingzwecke zu besetzen und nur oberflächlich zu behandeln. Das ist ähnlich unethisch und schädlich für die Marke wie Greenwashing.

medianet:
Braucht es eine Kampagne für mehr Frauenpower?
Oberdorfer: Die Power ist ohnehin längst vorhanden. Was wir allerdings tatsächlich brauchen, hinsichtlich dieser Thematik brauchen, ist mehr politische Verantwortung und mehr Maßnahmen zur Förderung der Gleichberechtigung von Frauen. Die Aufgabe der Frau soll sich nicht von jener des Mannes unterscheiden. Und das muss in die Köpfe der Menschen.

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