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Tempo mit Tiefe © Peter Rigaud für Der Standard
© Peter Rigaud für Der Standard

Dinko Fejzuli 09.03.2018

Tempo mit Tiefe

Martin Kotynek will den Standard zum relevantesten ­Diskursmedium im deutschsprachigen Raum machen.

••• Von Dinko Fejzuli

Nach 100 Tagen als Standard-Chefredakteur hat Martin Kotynek den Kurs der liberalen Tageszeitung gesetzt. Der Relaunch von derStandard.at steht noch heuer an, investigativer Journalismus wird zur wichtigen Säule ausgebaut, und als Hauptziel nennt der gebürtige Wiener nichts weniger, als die Online-Plattform zum relevantesten Diskursmedium im deutschen Sprachraum zu machen. medianet traf Kotynek zum Antrittsinterview.


medianet:
Herr Kotynek, Sie sind jetzt hundert Tage als Chefredakteur des Standard im Amt. Aktuell suchen Sie für Ihr gemeinsames Projekt mit Google via Ihr Twitter-Profil Datenjournalisten, UX-Designer und Frontend-Entwickler. Ist das auch ein Sinnbild dafür, wohin sich das Medium und die Zeitung weiterentwickeln muss?
Martin Kotynek: Ich bin froh, dass wir zwei starke Standbeine haben: Unsere Online-Reichweite steigt, in Print liegt sie bei starken sechs Prozent. Print kann zwar nicht im Rennen um Vollständigkeit mit Online konkurrieren, aber Print hat einen besonderen Wert, kann gewichten und Schwerpunkte setzen.

Die Suche nach Datenjournalisten für das Google News Lab Fellowship heißt jetzt nicht, dass wir Print vernachlässigen würden – wir schätzen Print sehr und wir investieren in Print.
Was wir aber zugleich sehen, ist, dass Online unsere Möglichkeiten erweitert, Geschichten zu erzählen. Daher bauen wir ein Datenjournalisten-Team auf und wir suchen jetzt über das Google News Lab Fellowship auch noch Kolleginnen und Kollegen, die vor allem im interaktiven Bereich sehr stark sind. Es ist ein generelles Ziel, auch für die Entwicklung von derStandard.at, dass wir künftig mehr von diesen modernen Erzählformaten einsetzen wollen.


medianet:
Neue Erzählformate finden sich auch via Ihren Alexa- oder auch Ihren YouTube-Kanal. Manche sehen hier vor allem in Bezug auf die Vermarktungsmöglichkeit die Gefahr, das Heft zunächst hier aus der Hand zu geben; und haben sich die User dann an die neuen Kanäle gewöhnt, auch die Gefahr, in Bezug auf den Content von Google oder Amazon auch da substituiert zu werden.
Kotynek: Zum einen haben wir einen starken Direct Traffic auf unserer Homepage. Das ist die Basis und wir freuen uns, dass sie wächst. Zum anderen glaube ich aber, dass es wichtig ist, auf jenen Plattformen vertreten zu sein, wo sich die Leser sonst noch aufhalten.

Ein Erfolgsbeispiel des Standard ist unser WhatsApp-Kanal, wo wir eine sehr große Community haben. Zu Alexa: Diese Conversational UIs, die da gerade entstehen, sind zum einen ein schöner Ort, um zu experimentieren und wo man auch lernt, wie man Geschichten auf Kanälen dieser Art erzählt und gleichzeitig mit den Menschen interagiert. Zum anderen finde ich es wichtig, dass man auf solchen neuen Plattformen von Anfang an Erfahrungen sammelt. Ich begrüße es sehr, dass unsere Möglichkeiten so stark wachsen, Geschichten des Standard auf mehr Plattformen zu erzählen.


medianet
: Kommen wir zum Wesen des Standard. Im aktuellen Hörfunkspot für Ihre Zeitung propagiert Oscar Bronner den Begriff Haltung. Für welche Haltung steht eigentlich der Standard?
Kotynek: Wir sind ein liberales Medium und haben uns vorgenommen, bei der investigativen Recherche stärker zu werden. Ich glaube, es ist an der Zeit, dass Österreich wieder ein großes, unabhängiges, investigatives Medium bekommt.

Wir haben es in den letzten Wochen schon bei einigen Themen geschafft, den Ton anzugeben z.B. bei den Missbrauchsfällen im Skisport. Es gehört zu unserer Haltung dazu, dass wir unbeugsam recherchieren, dass wir auch nicht vor Nationalhelden haltmachen, sondern der Wahrheit auf den Grund gehen. Das hat vielleicht auch ein bisschen mit meiner Ausbildung als Neurowissenschaftler zu tun: Es ist nicht meine Art, auf den Stein draufzuhauen, sondern wir drehen ihn um, um zu schauen, was drunter ist.


medianet: Gerade diese Bereiche sind sehr kostenintensiv, weil jemand eine lange Zeit mit einer Geschichte verbringt und in der gleichen Zeit mehrere Seiten füllen könnte. Haben Sie die Befürchtung, dass über kurz oder lang für Qualität einfach mehr bezahlt werden wird müssen?
Kotynek: Diesen Luxus muss sich der Standard leisten. Das ist Teil unseres Auftrags, finde ich. Ich kann mir aber vorstellen, dass, wenn wir investigativ stärker werden, auch insgesamt die Finanzierung leichter wird, weil uns mehr Menschen lesen.

medianet:
Was konnten Sie in Ihren ersten 100 Tagen umsetzen?
Kotynek: Als ich zum Standard gekommen bin, habe ich gemerkt, dass einige Ressorts schon recht weit sind, was die Zusammenarbeit von Print und Online angeht. Bei anderen arbeiten wir jetzt daran, ebenso an unseren internen Arbeitsprozessen. Es klingt vordergründig ein bisschen langweilig, dass wir etwa an unseren Konferenz-strukturen und unseren Planungsprozessen arbeiten, aber es ist total wichtig, damit wir weiter stark sein können. Das sind Basics. Wir haben jetzt eine eigene Workflow-Arbeitsgruppe, um all diese Prozesse zu verbessern und zu modernisieren.

Außerdem wollen wir in der investigativen Recherche stärker werden und werden hier investieren. Wir sind auf der Suche nach dem richtigen Weg, wie wir das im Tagesgeschäft stärker möglich machen.
Ein anderer Punkt ist für mich Online. Hier wollen wir beim interaktiven Erzählen Schwerpunkte setzen; daneben wird es einen Relaunch geben. Da ist derStandard.de ja in puncto Technologie schon ein erster Schritt. Was Print angeht, werden wir mehr in Richtung Schwerpunktsetzungen gehen. Bei der Vollständigkeit hat Print gegenüber Online keine Chance, daher wollen wir auf Gewichtung setzen. Wir wollen das Große groß und das Kleine klein machen. So vermitteln wir schon durch Gestaltung und Inszenierung, was wichtig ist. Das ist etwas, was Print gut kann.


medianet: Lassen Sie uns zum Schluss noch auf die Standard-Community auf Ihrer Website zu sprechen kommen. Hier müssen Sie jeden Tage Tausende von Postings administrieren. Wie schafft man es, das, was der ehemalige Presse-Chefredakteur Michael Fleischhacker die ‚digitale Psychiatrie' nannte, von der eigenen Plattform fernzuhalten und trotzdem eine lebhafte, vielseitige und kontroverse Diskussion am Leben zu erhalten?
Kotynek: Die Community von derStandard.at ist wirklich eine große Bereicherung für uns. Es vergeht kaum ein Tag, an dem wir in der Konferenz nicht Ideen aus der Community aufgreifen, diskutieren und uns überlegen, dass wir noch eine eigene Geschichte dazu machen. Unser Hauptziel ist es, den Standard zum relevantesten Diskursmedium im deutschsprachigen Raum zu machen – und dazu gehört eben diese Community. Und da haben wir schon einen gewissen Vorsprung, 30.000 Postings am Tag sind stark.

Wir haben einige Kolleginnen und Kollegen, die sich um die Moderation kümmern. Unterstützt werden sie von AI-Tools. Das ist ein Bereich, wo wir auch stark wachsen. Für mich ist der Standard das Medium der Meinungsfreiheit und der Meinungsvielfalt. Dafür muss es aber die Möglichkeit geben, seine Meinung kundzutun und auch mit unseren Redakteuren zu diskutieren.


medianet:
Der Standard war das Medium mit der ersten Nachrichtenwebseite im deutschen Sprachraum und ist online sehr erfolgreich. Nichtsdestotrotz erodiert das klassische Verlagsgeschäft aufgrund der Abflüsse von Werbegeldern zu großen internationalen Playern, die selbst keinen Content produzieren. Wie beurteilen Sie diese Gefahr, die in der Branche stark diskutiert wird?
Kotynek: Wir sind mit der Online-Vermarktung sehr zufrieden, diese läuft bei uns sehr gut. Dennoch überlegen wir natürlich, wie wir zusätzliche Möglichkeiten der Finanzierung finden können. Wir haben uns dazu entschieden, das in Experimenten herauszufinden. Bei ‚Zeit Online' war ich für die Einführung des Registrier- und Bezahlsystems Z+ mit zuständig und bringe einige Erfahrungen mit. Ich glaube aber, dass es nicht der Weg des Standard sein kann, andere zu kopieren. Stattdessen wollen wir mit Experimenten schrittweise unser Wissen aufbauen und dann auf der Basis von Daten entscheiden, wie wir vorgehen wollen. Jedenfalls haben wir derzeit nicht vor, eine klassische, harte Paywall einzuführen.

medianet:
Manche Verleger führen auch den ORF, dessen Content ja frei verfügbar ist, als Grund an, ihre eigenen Seite nicht versperren zu können, da die Leser dann zum ORF abwandern würden. Spielt das für Sie ebenfalls eine Rolle?
Kotynek: Für uns ist es momentan vor allem ein Feld zum Experimentieren. Wir wollen einfach herausfinden, für welche Geschichten, für welche Themen, für welche Dienste die Leser bereit sind, Geld auszugeben. Und da möchte ich gar keine Thesen in Bezug auf Dritte anstellen. Wir wollen es selbst ausprobieren. Wir wollen wissen, was bei uns funktioniert.

medianet:
Wo sehen Sie solche Möglichkeiten, etwas auszuprobieren?
Kotynek: Wir haben im Jänner mit dem Pur-Abo begonnen, dem ersten Experiment, bei dem der Leser für einen werbefreien und trackingfreien Zugang zum Standard bezahlen kann. Die ersten Zahlen sind sehr erfreulich. Wir werden weitere Experimente im Laufe des Jahres starten.

medianet:
Es gibt in Österreich abseits Ihrer eigenen Aktivitäten etwa auch zum Thema ePaper branchenintern Initiativen, zusätzliche Erlösquellen zu öffnen – egal, ob das der Zcircle oder der APA Online-Kiosk ist. Wie beurteilen Sie diese Aktivitäten?
Kotynek: Wir sind bei beiden dabei. Ich habe den Eindruck, dass das von den Lesern angenommen wird. Ich finde solche Initiativen gut.

medianet:
Wenn man sich generell den Aboanteil der Tageszeitungen am Verkauf ansieht, dann ist dieser sehr hoch. Muss man nicht sagen, dass in Wahrheit eigentlich – neben den Anzeigenerlösen – nach wie vor das Abo die wichtigste Erlösquelle für Printmedien ist, trotz des Wachstums von ePaper?
Kotynek: Wir verdienen Geld mit unserer Auflage. Natürlich sind die Abonnenten ein ganz wesentlicher Teill, hier sind wir stabil. Wir tun viel, dass das so bleibt.

medianet:
Sie haben im Unterschied zur Presse keine Sonntagsausgabe. Der Standard hat stattdessen eine Spange ins Wochenende hinein. Gibt es Überlegungen, das zu ändern?
Kotynek: Ich finde diese Entscheidung sehr klug, dass wir stark auf die Wochenendausgabe am Samstag setzen. Wir investieren ja auch in diese Ausgabe. Es gibt jetzt schon einige Verbesserungen und ich glaube, dass wir so sehr gut aufgestellt sind für das Wochenende.

medianet:
Und wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Standard Kompakt?
Kotynek: Einer der Hauptgründe, die uns ehemalige Abonnenten für ihre Kündigung genannt haben, war die Menge an Information, die sie nicht bewältigen konnten. Als Alternative können wir den Standard Kompakt anbieten. Das war eine sehr erfolgreiche Idee, weil wir so Abonnentinnen und Abonnenten halten können.

medianet:
Abschließend: Was war für Sie der Grund, überhaupt zum Standard gehen zu wollen?
Kotynek: Ich habe lange überlegt, weil ich mich bei der Zeit sehr wohlgefühlt habe und dort auch einen interessanten Job hatte. Es hat mich dann aber das Potenzial des Standard gereizt. Kurz nachdem ich begonnen habe, gab es einen Tag, an dem die Regierungsparteien am Kahlenberg verkündet haben, dass sie sich auf die Koalition geeinigt haben. Wir haben an diesem Tag schon in der Früh das Regierungsprogramm intern verschickt und gesagt: Wir analysieren das Programm und bringen es dann in den Tagen danach. Es war ein Samstag. Um 16:30 Uhr am selben Tag, als dann die Verkündung war, hatten wir für fast alle Kapitel des Regierungsprogramms Einzelanalysen und Hintergründe online. Im Minutentakt sind von den Kolleginnen und Kollegen E-Mails gekommen. Da wusste ich, ich bin richtig, das ist wirklich eine super Redaktion.

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