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Terrorismus vs. Journalismus © APA/AFP/Bay Ismoyo

Grenzen Was darf Gegenstand medialer Berichterstattung sein – und was geht zu weit? Wann werden Medien von Tätern instrumentalisiert?

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Grenzen Was darf Gegenstand medialer Berichterstattung sein – und was geht zu weit? Wann werden Medien von Tätern instrumentalisiert?

Redaktion 14.06.2019

Terrorismus vs. Journalismus

Im Presseclub Concordia wurde über medienethische Probleme bei der Terrorberichterstattung diskutiert.

WIEN. Neuseelands Medien haben nach dem Attentat in Christchurch den Fokus auf die Opfer gerichtet. Der Täter hingegen wurde nie erkennbar abgebildet. Ganz anders war es wenige Jahre zuvor, als das Foto des norwegischen Massenmörders Anders Breivik mit Hitlergruß um die Welt ging – und sich in unser kollektives Gedächtnis gebrannt hat. Was machen solche Bilder mit uns und welche Rolle nehmen Medien bei der Terrorberichterstattung – oft unbeabsichtigt – ein? Wie können Medien über Terror berichten, ohne sich von Tätern instrumentalisieren zu lassen?

Über diese und ähnliche Fragen diskutierte das von Kommunikationsexpertin Karin Strobl moderierte Podium. Liza Ulitzka (Chefin vom Dienst bei Puls 4) erzählte, dass sie für das Nachrichtenteam des Privatsenders bereits im Jahr 2016 einen eigenen Leitfaden zur Berichterstattung über Terrorismus erstellt habe. Dabei war es ihr vor allem wichtig, zu verhindern, dass durch eine klischeehafte Bebilderung von Nachrichtenbeiträgen über islamistische Terrorakte eine allgemeine Verbindung zwischen Religion und Terrorismus hergestellt wird.

Religion oder Ideologie?

Dass das Publikum genau diese oft unbewusste Verbindung herstellt, sobald Medien undifferenziert über islamistischen Terror berichten, bestätigte die Kommunikationswissenschaftlerin Desirée Schmuck von der Universität Wien; sie erklärte, dass islamistischer Terror überproportional viel mediale Aufmerksamkeit bekomme und ein Großteil der Berichterstattung im deutschsprachigen Raum nicht eindeutig zwischen der Religion und der extremistischen Ideologie unterscheide. Dadurch werde genau die Spaltung der Gesellschaft vorangetrieben, die die Attentäter erreichen wollen. Im Gegensatz zu islamistischen Anschlägen, sei rechtsextremer Terrorismus in der Vergangenheit selten auf die ideologischen Überzeugungen der Täter, sondern auf deren individuellen Lebensumstände zurückgeführt worden, betonte die Expertin weiter.

Ein eigener Leitfaden für verantwortungsvolle Terrorberichterstattung ist im Ehrenkodex des Presserats nicht verankert. Dessen Geschäftsführer, Alexander Warzilek, kann der Idee jedoch etwas abgewinnen, wie er in der Diskussion unterstreicht. Da alle Taten sich aber im Kontext extrem unterscheiden würden, sei es schwierig, allgemeingültige Regeln aufzustellen. Er beobachte aber eine wachsende Sensibilisierung für medien-ethische Probleme und ein Umdenken bei der Terrorberichterstattung in den heimischen und internationalen Redaktionen, wie etwa das Attentat in ­Christchurch gut aufgezeigt habe.

Die Branche hat dazugelernt

Auch der Chefredakteur der Tageszeitung Heute, Christian Nusser, kann eine Lernkurve bei Kolleginnen und Kollegen feststellen, dass die offensichtlich eigens für die Medienwelt produzierten Propaganda-Bilder von terroristischen Gruppen nicht mehr so eins-zu-eins übernommen werden. Im Entscheidungsprozess bei der Terrorberichterstattung spielen daher für Nusser auch die Erwartungen des eigenen Publikums eine Rolle: Was will man seinen Leserinnen und Lesern zumuten? Wen will man mit seiner Berichterstattung ansprechen? Einen Leitfaden, ähnlich jenem von Puls 4, an dem man sich bei den oft schnell zu treffenden Entscheidungen orientieren kann, fände auch er sehr hilfreich. (red)

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