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Tücken der freien Meinung
sabine bretschneider 31.08.2018

Tücken der freien Meinung

Warum salonfähig wird, was lange in dunklen Kellern lagerte und dort gut aufgehoben war.

Leitartikel ••• Von Sabine Bretschneider

PAS DE FAUXPAS. In Chemnitz marschiert der rechte Mob wie anno dazumal. Die Riesenüberraschung ist es nicht; etwa ein Viertel der ­Wähler unterstützte dort im vergangenen Jahr die rechtsextreme AfD. Schockierend ist eher die europaweit zunehmende Bereitschaft der Menschen, sich öffentlich und namentlich zu „Volk, Reich und Rasse” zu bekennen.

Ursachenforschung

Warum gibt es wieder so viel Applaus, Verständnis und Unterstützung für jeden plumpen Ausfallschritt nach rechts? Darf, weil der Schwellenwert bei Flüchtlingen als überschritten gilt, nun laut ausgesprochen werden, was so lange wie leise nur in dunklen Zirkeln gemunkelt wurde? Sire, geben Sie Gedankenfreiheit? Als „Don Carlos” 1937 im Berliner Deutschen Theater gespielt wurde und dieser Satz minutenlangen Beifall auslöste, deutete man es als Protest gegen Hitlers Politik.

Wechsel über den großen Teich, wo Meinungsfreiheit – wegen der sehr losen verfassungsrechtlichen Grenzziehung – schon immer eine große und teils sehr kontroversiell diskutierte Rolle gespielt hat: „From this day forward, it’s going to be only America first, America first”, sprach Donald Trump bei seiner Inauguration – und Dutzende Male davor. Auch das löste weder Wirbel noch Entsetzen aus. „America first” wurde zwar nicht vom Ku-Klux-Klan erfunden, wohl aber gern von ihm benutzt; die Kapuzenmänner marschierten schon in den 1920er-Jahren mit America First-Transparenten. Auch deren „Erkennungsmünzen” trugen diese Aufschrift. „Freedom of speech” schützt als erster Zusatz zur US-Verfassung auch Volksverhetzung, Anstiftung zu Straftaten und „unwahre Tatsachenbehauptungen”. Fake News quasi. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Anmerkung am Schluss: Erinnern Sie sich noch: „America First, (welches Land auch immer) Second” wurde im Umfeld des Song Contest 2017 zum viralen Hit. Man kann nicht immer alles wissen.

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