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Unrhythmischer ­Algorithmus
Dinko Fejzuli 19.04.2019

Unrhythmischer ­Algorithmus

Bei der Brandkatastrophe von Notre-Dame zeigte sich bei YouTube, wo die Schwächen liegen.

Kommentar ••• Von Dinko Fejzuli

VERSAGEN. Millionen Menschen weltweit verfolgten via Live-TV-Bilder die Brandkatastrophe von Notre-Dame. Aber nicht nur dort, sondern auch etwa via YouTube. Dort bekamen die Zuschauerinnen und Zuschauer neben dem Live-Stream auch noch weiterführende Informationen, klarerweise erstellt durch Algorithmen. So weit so sinnvoll. Doch genau an diesem Fall zeigte sich auch ganz deutlich, wo die Schwächen eines solchen IT-getriebenen Systems bei der vollautomatisierten Erkennung und Systematisierung von Bildern und Videos liegen.

Denn neben anderen Informationen blendete YouTube, begleitend zu den Bildern der brennenden Kirche, auch Erläuterungen zu den Terroranschlägen auf das World Trade Center in New York ein – offensichtlich ein folgenschwerer Fehler im Algorithmus.
Jetzt könnte man sagen, die Einblendung war nur kurz zu sehen, doch in Zeiten wo es dank des Internets keine Grenzen für die Information gibt, verfehlten die Bilder der brennenden Kirche, gepaart mit Informationen zu 9/11, ihre Wirkung nicht.
Sofort verbreiteten sich die ersten Verschwörungstheorien, die Kirche sei einem Anschlag zum Opfer gefallen, es sei sogar ein Auto mit Brandsätzen vor der Kirche entdeckt worden (wurde es auch, nur war das vor mehreren Jahren) und allein die Tatsache, dass alles so schnell zu brennen begonnen hätte, belege doch, dass der Brand keine natürliche Ursache haben könne.

Unumkehrbare Folgen

Dieser Fehler zeigt übrigens ganz gut, wie problematisch die automatische Beurteilung von Video­bildern per Algorithmus ist. Ohne die menschliche Komponente fehlt einfach der Kontext, um zu beurteilen, was fake und was echt ist.

Besondere Brisanz erhielt die Causa dadurch, dass es der nächste folgenschwere Fehler eines Plattformgiganten war, nachdem vor Kurzem der Christchurch-Attentäter ungestört über längere Zeit seine Morde auf Facebook und YouTube und später auf Twitter verbreiten konnte.

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