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Was lockt den Hund vor den Ofen?
sabine bretschneider 11.01.2019

Was lockt den Hund vor den Ofen?

Headlines werden überschätzt. Inhalte auch. Was bleibt, ist das Handwerk und die Ehr’.

Leitartikel ••• Von Sabine Bretschneider

ZITIERT. Ein Ausflug in die Welt wissenschaftlich unterfütterter journalistischer Aphorismen: Godwin’s Law, ein Theorem aus der Internetkultur, besagt, dass in Online-Debatten mit der Dauer der Unterhaltung die Wahrscheinlichkeit steigt, dass der Begriff „Nazis” ins Spiel kommt. Betteridges Gesetz der Schlagzeilen wiederum rät dem Publizisten, niemals ein Fragezeichen hinter die Headline zu setzen, denn: „Jede Schlagzeile, die mit einem Fragezeichen endet, kann (und wird) mit ‚Nein' beantwortet werden” (Ufos über Wien gesichtet?). Stimmt so natürlich nicht. Siehe Headline oben. Eine saloppe Privatauswertung ergibt: Werden Headlines als Frage formuliert, gilt eine Quote von 50:50 für Ergänzungs- vs. Entscheidungsfragen – und von diesen Ja/Nein-Fragen konnten etwa die Hälfte nach Lektüre des betreffenden Artikels getrost mit „Ja” beantwortet werden. Fazit: Nicht jedes „Gesetz” taugt als Handlungsanleitung. Aber: Ein kompetenter Journalist fragt nicht, er antwortet.

Bloß mit den Lesern ist das so eine Sache: In Zeiten des Schlagzeilenjournalismus ist die schlichte Information des geschätzten Rezipienten kein taugliches Lockmittel mehr. Ohne Triggerwörter– „Sex”, „Mord”, „kostenlos” – bleibt der Hund hinterm Ofen. Was aber, wenn auch das nichts mehr nützt? Eine Analyse von zehn Mio. Klicks durch die Columbia University ergab, dass lediglich vier von zehn Nutzern die Inhalte, die sie auf Twitter aktiv teilen, auch lesen. Und dabei sprechen wir von einem Umfeld, das von hochemotionalen Debatten – derzeit etwa trendet #nazisraus, siehe Godwin’s Law – geprägt ist. Was also bringt’s dem Publisher, wenn sein Content wohl geshared, aber nie konsumiert wird? Futurezone.at berichtete über eine Studie, die journalistische Konglomerate bei Twitter untersucht hat. Das Ergebnis: 30 Prozent der Tweets von Journalisten beziehen sich auf Kollegen, Medienleute tauschen sich in Sozialen Medien vorrangig untereinander aus.
Damit erledigt sich die Jagd nach dem Leser, die Suche nach der ultimativen Headline. Und, natürlich: „Nazis raus!”

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