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Wo man singt, da lass dich nieder …
sabine bretschneider 26.01.2018

Wo man singt, da lass dich nieder …

Wie nicht sein kann, was nicht sein darf. Aus Altersgünden. Ausgerechnet.

Leitartikel ••• Von Sabine Bretschneider

 

VARIATIONEN. Die gefinkelte Verteidigungslinie des niederösterreichischen FPÖ-Spitzenkandidaten hat sich nach zahlreichen wortidenten Wiederholungen diverser Parteikollegen bereits verfallsicher eingeprägt: „Als das Buch gedruckt wurde, war ich (wahlweise: er) elf Jahre alt!” Das „Liederbuch”, ein circa 300 Seiten starker Stein des Anstoßes, wurde 1997 in 3. Auflage gedruckt.

Wir variieren das Thema: Sie sitzen mit „Mein Kampf”, Kipferl und Frühstücksei im Kaffeehaus? „Als das Buch gedruckt wurde, war ich noch nicht einmal im Planungsstadium meiner geschätzten Eltern!” Sie bügeln sich ein Hakenkreuz aufs Hemd und gehen damit ins Büro: „Als das Symbol zum ersten Mal in einen Stein graviert wurde, war noch nicht einmal die Keilschrift erfunden!”
Ja, eh. Wenn es darum geht, ob die jeweiligen Benutzer zum Produktionsdatum diverser Artikel bereits mündig und zurechnungsfähig waren, können sämtliche Nazidevotionalien, die in Österreich noch so herumliegen, demnächst als gefällige Accessoires getragen werden.
Davon abgesehen, ist es halt schon skurril, jetzt so zu tun, als wäre die mangelnde Abgrenzung der fechtenden Korporierten von allerlei völkischem Gedankengut etwas Neues. Der positive Aspekt an der Sache ist, dass die aktuelle Diskussion die zahlreichen Burschenschafter, die jetzt im neuen Nationalrat sitzen, unter Umständen etwas sensibilisiert. Mit deutschnationalem Gedankengut ist beim österreichischen Wähler im Grund kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Ein guter Zeitpunkt also, die Liederbüchlein, Flaggen, Bilder und Schaukästen auf den Buden einmal etwas ­kritischer durchzusehen.
Außerdem verschreckt man mit diesen ekligen braunen Gschichtn samt den noch dümmeren Ausreden – „88” im Auto-Kennzeichen, weil die Oma grad Geburtstag hatte – jene eher bürgerlichen Kohorten, denen in letzter Zeit das Gefühl vermittelt worden war, dass man sich fürs FPÖ-Kreuzerlmachen echt nicht mehr schämen muss.

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