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Eine Branche sitzt auf dem Trockenen © medianet/Katharina Schiffl
© medianet/Katharina Schiffl

Redaktion 30.04.2020

Eine Branche sitzt auf dem Trockenen

Brauereiverband-Chefin Jutta Kaufmann-Kerschbaum über die Bierlaune in schwierigen Zeiten.

••• Von Daniela Prugger

Der Verband der österreichischen Brauereien zeigt sich solidarisch mit der Gastronomie- und Tourismusbranche. Die Gesundheit habe höchste Priorität. Doch man dürfe nicht vergessen, dass Covid-19 auch wirtschaftliche Existenzen bedrohte. Österreichs Brauereien helfen aktuell mit zahlreichen Aktionen, wie dem kostenlosen Reinigen der Schankanlagen ihrer Kunden. Ebenso verzichtet man größtenteils auf allfällige Miet- oder Pachteinnahmen. Im Interview mit medianet erklärt Jutta Kaufmann-Kerschbaum, Geschäftsführerin des Verbands der Brauereien Österreichs, wie lange die Brauereien aus wirtschaftlicher Sicht noch auf dem Trockenen sitzen bleiben können.


medianet: Wie würden Sie denn die aktuelle Stimmung in der Branche beschreiben?
Jutta Kaufmann-Kerschbaum: Das Wort der Stunde lautet Solidarität. Aktuell zeigen Österreichs Brauer täglich vor, wie solidarischer Zusammenhalt funktioniert und übernehmen gesellschaftliche sowie wirtschaftliche Verantwortung. Etwa dann, wenn zahlreiche Brauereien z.B. die Produktion von dringend benötigten Desinfektionsmitteln für Hilfsorganisationen tatkräftig unterstützen. Oder sie ihren Partnern in der Gastronomie unter die Arme greifen – vom kostenlosen Reinigen der Schankanlagen bis zum Verzicht auf allfällige Miet- oder Pachteinnahmen reichen die Maßnahmen.

medianet: Es herrscht Schani­gartenwetter, aber die Lokale sind zu. Was passiert mit dem ganzen Bier, das in den Fässern herumsteht?
Kaufmann-Kerschbaum: Hier kommt es auf das Mindesthaltbarkeitsdatum an. Wird dieses überschritten, ist das gelagerte Bier unverkäuflich – das betrifft nicht nur die Gastronomie, sondern gilt ebenso im Getränkefachgroßhandel, in Depots oder bei den Brauereien. Dadurch entsteht ein großer wirtschaftlicher Schaden für alle betroffenen Branchen. Deswegen fordern wir als Brauereiverband eine 100 Prozent-Kompensation für Bier, das aufgrund des Lockdowns nicht mehr verkauft werden kann.

medianet: Wie lange können die Brauereien aus wirtschaftlicher Sicht noch auf dem Trockenen sitzen? Wie gehen die Brauereien mit der Situation um?
Kaufmann-Kerschbaum: Österreichs Brauereien sind eine tragende Säule unserer heimischen Wirtschaft. Die Gesamteinnahmen, die der Staat jährlich rund ums Bier lukriert – von Verbrauchs-, über Mehrwert- und Einkommenssteuern bis zu Sozialabgaben – betragen rund 1,2 Mrd. Euro. Diesen Wirtschaftsmotor gilt es am Laufen zu halten, es braucht dringend an die Krise angepasste Rahmenbedingungen. Wir müssen z.B. endlich eine lang fällige Reduktion der Biersteuer in Österreich durchführen und einen ermäßigten Umsatzsteuersatz für ein in der Gastronomie gezapftes Bier diskutieren. Nur so können wir die heimische Bierbranche – und vor allem die Vielfalt unserer Bierkultur – bewahren.

medianet: Wie sieht es mit dem Bierabsatz derzeit aus? Wie hoch sind denn die Umsatzbußen?
Kaufmann-Kerschbaum: Mit der Totalschließung der Gastronomie hat man Österreichs Brauereien von heute auf morgen einen der wichtigsten Partner genommen. Das hat natürlich Auswirkungen. Aktuell kämpfen die Brauer mit durchschnittlichen Umsatzeinbußen von 50% quer durch die Branche. Und bei einigen Braustätten – mit hohem Gastronomieanteil – sind es sogar 100%. Die Zukunft von vielen österreichischen Brauereien, größtenteils traditionelle Familienbetriebe, steht auf dem Spiel.

medianet: Welche Maßnahmen haben die Brauereien in Bezug auf Covid-19 gesetzt, um die Bierproduktion zu sichern?
Kaufmann-Kerschbaum: Österreichs Brauer gewährleisten dank Einhaltung strengster Schutz- und Hygienemaßnahmen die Versorgungssicherheit im Bierland Österreich. Unser Bier ist sicher – nicht nur in Bezug auf die Gesundheit, sondern auch in Sachen Produktion. In diesen Tagen gilt der Dank besonders allen Brauereimitarbeiterinnen und Brauereimitarbeitern für ihre großartige tägliche Arbeit und ihren Einsatz unter erschwerten Arbeitsbedingungen.

medianet: Welche Rolle hat der Onlinehandel derzeit und welche wird er in Zukunft aufgrund der Coronakrise haben?
Kaufmann-Kerschbaum: Aktuell kommt dem Onlinehandel natürlich eine wichtige Rolle zu. Viele unserer Brauer haben darauf rasch reagiert, ihre Onlinekanäle dementsprechend ausgebaut und z.B. ein komplett kontaktloses Heim- und Lieferservice ‚bis direkt vor die Tür' eingeführt. Schließlich trägt auch diese Maßnahme zur Eindämmung der Pandemie bei. Aber zu einem gewissen Teil wird die aktuelle Situation unser Einkaufverhalten in der Zukunft mit Sicherheit verändern.

medianet: Was ist dran an dem Mythos, wonach Corona-Bier derzeit mehr gekauft wird als heimisches Bier?
Kaufmann-Kerschbaum: Nichts. Gerade in Krisenzeiten greifen die Menschen zu ihren liebsten vertrauten Produkten. Und ohne Zweifel zählt hierzu unser österreichisches Bier.

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