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Haben und Nichthaben
Eva Kaiserseder 21.09.2018

Haben und Nichthaben

Die Überflussgesellschaft verwirrt mich manchmal gehörig. Habe ich nur Appetit oder schon Hunger?

Kommentar ••• Von Eva Kaiserseder

HALALI. Ich bin passionierte Jägerin. Heißt, Dinge zu besitzen, ist für mich eher uninteressant, sie zu jagen dafür umso lustiger. Und so geschah es dereinst, das mir ein Kleid begegnet ist, nein, das Kleid. Marke Paul & Joe Sister, hellblau, mit Dalmatinern bestückt. Quasi der in textil gegossene Humor. Und wenn mich etwas schwach macht, dann Humor. Egal, ob verstofflicht oder in Menschengestalt. Dieses Kleid also. Schon vor Monaten ist es in meinem Amazon-Körbchen gelandet. Und seither belauere ich es. Nachdem die Amazon-Preisgestaltung ja eine ähnliche Vorhersehbarkeit hat wie DAX und ATX, war das ein spaßiges Auf und Ab. Von 325 bis 73 Euro war da die gesamte emotionale Palette von mittelschwerer Textildepression (325 Euro?!) bis manischem Jubel (ich kaufs! ich kaufs! jetzt aber wirklich!) dabei. Kollege C. ertrug meine täglichen Ausbrüche mit sardonischem Grinsen. Bis das Kleid irgendwann weg war. Und seither leide ich. Still. Heimlich. Schließlich will ich des Kollegen gewohnt kluge Meinung von mir nicht untergraben. Der da sagt: „Du bist viel zu sehr Jägerin. Als ob dich das Haben mehr interessieren würde als das Wollen.” Er hat recht. Aber manchmal kann es direkt beruhigend sein, sein Herz noch ein bissi angeknackst zu bekommen.

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