RETAIL
Viele Krisengewinner, viele Krisenverlierer © APA/AFP/Tolga Akmen
© APA/AFP/Tolga Akmen

Redaktion 23.04.2021

Viele Krisengewinner, viele Krisenverlierer

Die Bilanz für die Lebensmittelindustrie fällt gemischt aus. Der Gastro-Lockdown traf insbesondere die Brauereien hart.

••• Von Paul Hafner

WIEN. In einem Punkt sind sich in der Lebensmittelindustrie alle einig: Das Jahr 2020 war eine große Herausforderung. Das gilt freilich auch für die Gegenwart und, wenn die wirtschaftlichen Nachwirkungen der Pandemie voll zum Tragen kommen; doch die Plötzlichkeit, mit der die Pandemie Europa erfasste und wie kurzfristig Eindämmungsmaßnahmen verkündet und umgesetzt wurden, auf die niemand vorbereitet war, machen 2020 zu einem außergewöhnlichen und unvergleich­baren Jahr.

Welcher Art die unternehmensspezifischen Herausforderungen jeweils waren, das variiert nach Branche, Betriebsgröße und – allen voran – den Vertriebswegen: Wer seinen Umsatz üblicherweise zu gewichtigen Teilen aus der Gastronomie lukriert oder Touristen zu seinen besten Kunden zählt, hatte 2020 mit Absatzschwierigkeiten zu kämpfen, wer primär den LEH beliefert, mitunter mit volatiler Nachfrage.

Krisenverlierer Brauereien

Besonders hart von der Krise getroffen wurde die heimische Brauwirtschaft: Während Österreichs Brauereien Gesamtumsatzrückgänge von durchschnittlich 20% zu bekämpfen haben, berichten einzelne, „vor allem kleine und mittelständische Brauereien, die stark im Gastronomie- und Veranstaltungssektor aktiv sind, von bis zu 70 Prozent Einbußen”, wie Brauereiverbandsobmann Sigi Menz beklagt. Der Inlandsabsatz ging auf ein 20-Jahres-Tief auf rd. 8,3 hl (–4,0% ggü. 2019) zurück, die Gastro verzeichnete „ein Minus von 170 Mio. Krügerl”.

Ottakringer-Geschäftsführer Tobias Frank stimmt überein: „Das Jahr 2020 war für die Branche, und damit natürlich auch für uns, sehr schwierig. Den nun schon monatelangen Totalausfall unserer Gastro-Partner, von Events und Sportveranstaltungen spüren wir schmerzlich.” Trotz einer „Geschäftsbelebung im Handel” und dem geglückten Launch eines Lieferservices und Onlineshops rechnet Frank für 2020 mit einem Umsatzminus von 20%, womit man im erwähnten Durchschnitt liegen würde. Doch über vergossenes Bier soll man nicht weinen: „2020 ist nun abgehakt und wir wollen optimistisch in die Zukunft blicken.”

Doppelt gebeutelt

Ein hartes Jahr hat auch die Fleischwirtschaft hinter sich, hatte sie doch nicht nur mit Corona zu kämpfen, sondern auch mit dem Skandal um die deutsche Fleischindustrie, in dessen Zentrum prekäre Arbeitsbedingungen und Beschäftigungsverhältnisse standen. „Die Berichterstattung über die deutschen Verhältnisse war für das Image der Branche sicherlich nicht förderlich”, erklärte Norbert Marcher, Geschäftsführer Marcher Fleischwerke, im vergangenen Dezember, bemerkte dabei aber, dass die Situation in Deutschland samt der Entstehung von Corona-Clustern nicht mit jener in Österreich zu vergleichen sein; bei Marcher sind etwa mehr als 90% der Beschäftigten fest angestellt und wohnen überwiegend in Österreich oder sind Pendler aus den Nachbarländern.

Mehr als 50% des Fleischs in Österreich wird außer Haus verzehrt; ein zwischenzeitlich entstandener „Angebotsstau bei Schweinen wie auch bei Rindern und hier speziell bei Kühen” habe zu einem Preisdruck geführt, der eine „zusätzliche Belastung für die Branche” darstellte.
Im Endeffekt kam die Fleisch­industrie dennoch gut durch die Krise: Die Marcher-Gruppe, Marktführer der Branche, konnte ihre Absatzmengen und Marktanteile festigen und erzielte einen Umsatz von 530 Mio. € – ein Minus von rd. fünf Prozent gegenüber dem Vorjahr, das sich auf gesunkene Rohstoffpreise zurückführen lässt, während Steirerfleisch (345 Mio. €, 2019: ca. 320 Mio. €) und Radatz (201 Mio. €, 2019: 194 Mio. €) sogar dazugewinnen konnten.
„Markttechnisch freuen wir uns über eine steigende Akzeptanz im In- und Ausland sowie über den Boom von Fleischersatzprodukten – ein Segment, in dem wir als Pionier über einen Know-how-Vorsprung verfügen”, ist auch für Marcher 2020 abgehakt. Positiv sei auch – was sich im Übrigen auf die Lebensmittelindustrie generell umlegen lässt –, dass sich „der seit Jahren an Bedeutung gewinnende Trend zu Regionalität und Bio während der Coronakrise noch zusätzlich verstärkt hat”.

Bilanz: Berg- und Talfahrt

Ein wirklich gutes Jahr erlebten die Hersteller von Tiefkühlkost: „Im ersten Halbjahr konnte die gesamte Kategorie TK im LEH um 20,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr wachsen. Getrieben wurde diese Entwicklung vor allem durch starke Verkäufe im März und April 2020; in dieser Zeit wuchs die Kategorie um über 25 Prozent. Dieser Trend hat sich auch im Herbst ungebrochen fortgesetzt, was zu einem Gesamtwachstum der Kategorie von 18,4 Prozent in 2020 führte. Damit liegt die Entwicklung deutlich über Food Total”, erklärt Martin Kaufmann, National Sales Manager von iglo. Als Marktführer einer der Treiber des starken Marktwachstums, legte iglo stärker als der Markt zu (+20,2%) und gewann 0,5% Marktanteil dazu. Mit einem derartigen Plus darf sich iglo als einer der „Krisengewinner” sehen.

In Summe ging die abgesetzte Produktion von Lebensmitteln laut Fachverband der Lebensmittelindustrie 2020 um 1,3% zurück – folgerichtig spricht Geschäftsführerin Katharina Koßdorff summa summarum von einer „Berg- und Talfahrt”.

BEWERTEN SIE DIESEN ARTIKEL

TEILEN SIE DIESEN ARTIKEL