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Was aus einer Mall noch alles werden kann © Daniela Prugger (2)

„The Hub Constanza” in einem der bekanntesten Einkaufszentren der Stadt.

© Daniela Prugger (2)

„The Hub Constanza” in einem der bekanntesten Einkaufszentren der Stadt.

Redaktion 09.04.2021

Was aus einer Mall noch alles werden kann

Wie ein Einkaufszentrum in der rumänischen Schwarzmeerstadt Konstanza Heimat für die NGO- und Kulturszene der Stadt wurde.

••• Von Daniela Prugger

KONSTANZA / RUMÄNIEN. An einem Samstag Ende Februar 2021 führt Aktivist und Unternehmer Victor Maxim durch das bekannteste Einkaufszentrum von Konstanza: „Tomis Mall” ist ein kahler, blockartiger Bau im Zentrum der Schwarzmeerstadt, 15 Gehminuten sind es von hier bis zum Strand, der außerhalb der Sommermonate kaum besucht wird. Bauten wie Tomis Mall wurden in den vergangenen Jahren an sämtlichen Toplagen in der Stadt hochgezogen. „Sie sind dadurch auch zu einer Art sozialem Treffpunkt geworden”, erklärt Maxim, während er sich im dritten Stock der Mall auf eine abgewetzte Ledercouch setzt. „Dieser Umstand kommt unserem Projekt zugute.”

Alles begann mit Büchern

Der 34-jährige ist Mitbegründer von „The Hub Constanza”, Sozialunternehmen und Nichtregierungsorganisation in einem. Vor der Pandemie wurden hier, in den oberen Etagen der Mall, Veranstaltungen organisiert, Seminare zur „staatsbürgerlichen Bildung” für Studenten, Handwerkstätten, kreative Workshops für Kinder und Erwachsene, Fotoausstellungen, Dokumentarfilmvorführungen oder Minikonzerte.

„Vor der Pandemie haben wir etwa 4.000 Euro im Monat umgesetzt, seither genau Null”, erklärt Maxim. „Die Betreiber des Einkaufszentrums kommen uns deshalb sehr entgegen mit der Miete.” Maxim zeigt einen ­bunten Bücherturm, der in einem der beinahe leeren Gänge steht. Mit diesen Büchern fing alles an.
Während die 300.000-Einwohnerstadt Konstanza alles in den Tourismus investiert, gibt es für die Bewohner nicht mal mehr ein Kino und lange Zeit keine öffentliche Bibliothek. Maxim und sein Kollege Cosmin Barzan engagierten sich daher dafür, in den öffentlichen Parks Bücherregale aufzustellen.
Die Idee der beiden Aktivisten kam so gut an, dass ihnen der rumänische Litera-Verlag mehr als 20.000 neue Bücher zur Verfügung stellte. „Als wir im Winter einen Platz für die Bücher gesucht haben, kamen wir mit den Betreibern des Einkaufszentrums ins Gespräch”, erinnert sich Maxim. Tomis Mall bot nicht nur an, die Bücher in einem nicht genutzten Abstellbereich zu überwintern, sondern hatte die Idee, hier die erste und einzige öffentliche Bibliothek Rumäniens zu eröffnen. Mittlerweile ist die Mall auch zum Namensgeber für die NGO selbst geworden: „Tomis Hub Constanza.”

Von Schach bis Keramik

„Uns kamen dann immer mehr Ideen”, erzählt Barzan. Während Konsumenten im Erdgeschoss in Supermärkten, Kosmetikläden wie Sephora und Modegeschäften wie H&M shoppen, wird in den Stockwerken darüber auf insgesamt 1.500 m² Schach gespielt, gelesen und mittlerweile handgefertigtes Keramik-Geschirr sowie Parfums verkauft. „Das Geschirr stammt aus rumänischen Fabriken, die üblicherweise Produkte für Konzerne wie Ikea herstellen”, erklärt Maxim. Mit dem Verkauf von Geschirr an Privatpersonen, die Gastronomie und Hotellerie versucht Maxim mit dem Sozialunternehmen durch die Krise zu kommen.

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