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Weltmarkt für Kakao: Viel Licht, aber auch viel Schatten Fairtrade
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Gastkommentar 04.10.2021

Weltmarkt für Kakao: Viel Licht, aber auch viel Schatten

Ein Gastkommentar von Fairtrade Österreich-Geschäftsführer Hartwig Kirner zur aktuellen Situation am Weltmarkt für Kakao.

WIEN. "Seit Jahrzehnten verspricht die Schokoladeindustrie, dass sie die Situation der Kakaobauernfamilien verbessern will. Geändert hat sich bisher allerdings wenig. Ausbeuterische Kinderarbeit als systemisches Problem, grassierende Armut und weiter voranschreitende Entwaldung: Da wo rund 70 Prozent vom weltweit angebauten Kakao herkommen, herrschen prekäre Zustände für Mensch und Natur. Ghana und die Elfenbeinküste zählen nach wie vor zu den ärmsten Ländern weltweit.

Haben all die Nachhaltigkeitsprogramme nichts bewirkt? Diesen Eindruck könnte man gewinnen und das führt uns zu einem Hauptproblem dieser Initiativen: Sie richten sich oft vor allem nach den Bedürfnissen der Industrie. Im Fokus steht dabei zumeist die Steigerung der Ernteerträge, was an sich nicht schlecht ist. Denn die Produktivität im westafrikanischen Kakaosektor ist deutlich geringer, als in Lateinamerika. Nur bringt die Steigerung der Erntemengen in zwei so wichtigen Kakao-Produktionsländern wie Ghana und der Elfenbeinküste aber nicht automatisch auch eine Einkommenssteigerung für die Kleinbauernfamilien. Sie führt vielmehr kurzfristig zu einem Preisverfall des international gehandelten Rohstoffs. Mengensteigerungen müssen daher behutsam herbeigeführt werden und, als wichtigste Maßnahme, den Bauernfamilien muss ein nachhaltiger Preis bezahlt werden. Vor allem dieser entscheidet über das Ein- und Auskommen, das die Kleinbäuerinnen und Kleinbauern am Ende einer Erntesaison für sich und ihre Familien haben.

Fairtrade hat vor zwei Jahren die Mindestpreise für zertifizierte Kakao-Kooperativen angehoben. Eine Studie, die den Effekt dieser Maßnahme untersuchen sollte, kam zum Ergebnis, dass dadurch Fairtrade-Kakaobauernfamilien in der Elfenbeinküste in den vergangenen vier Jahren ihr Einkommen um bis zu 85 Prozent steigern konnten. Die erzielten Verbesserungen sind zerbrechlich und schaffen es aktuell trotzdem nur, das Nötigste abzudecken sowie schlimme Notlagen zu verhindern. 61 Prozent der Fairtrade-Kakaobauernfamilien leben mittlerweile zumindest über der Grenze für extreme Armut; vor fünf Jahren waren es gerade einmal 41 Prozent.

Die Regierungen von Ghana und der Elfenbeinküste haben festgelegt, dass ab letztem vergangenem Oktober 2020 für alle Kakaoeinkäufe aus ihren Ländern eine Prämie – das sogenannte Living Income Differential (LID) – zusätzlich zum Kaufpreis bezahlt werden muss. Mit dem zusätzlichen Geld sollten Kakaobauernfamilien einen besseren Preis für ihre Ernte bekommen. Die vorliegende Studie zeigt, wie sinnvoll diese Maßnahme ist. In Kombination mit langfristigen Verträgen für die Kooperativen, Schulungen vor Ort, um die Effizienz zu steigern und auch einer daran gekoppelten Diversifizierung im Anbau, um die extreme Abhängigkeit vom Kakaoanbau zu mindern, würde nach und nach eine Spirale nach oben entstehen, die ländliche Gemeinschaften stärkt und Entwicklung vorantreibt.

Allerdings wurde das LID, vor dem Hintergrund der durch die Coronakrise sinkenden Nachfrage nach Kakao, ausgehebelt. Aktuell werden auf dem Weltmarkt für Rohkakao deutlich schlechtere Preise bezahlt als vor einem Jahr – eine herbe Enttäuschung für alle, die den fairen Handel vorantreiben möchten, vor allem aber erneut ein Rückschritt für die Kakao-Bauernfamilien vor Ort.

Wir sehen ganz klar: Wenn Schokoladefirmen ihre Bekenntnisse zu mehr Nachhaltigkeit ernst nehmen, dann führt kein Weg daran vorbei, Kakaopreise zu zahlen, die den Bauernfamilien ein menschenwürdiges Leben ermöglichen. Die Studie liefert nun den Beleg dafür.

Dass das geht, zeigen mittlerweile zahlreiche heimische Unternehmen in Österreich, die den Weg des fairen Handels mitgehen. 2021 sind zu den bereits bestehenden Partnerbetrieben mit Berglandmilch und Ölz der Meisterbäcker zwei große Unternehmen hinzugekommen, die in ihren Produkten nur noch Fairtrade-Kakao verwenden. Die Firma Manner hat ihr Engagement massiv ausgebaut – unter anderem schmückt das Fairtrade-Siegel jetzt auch die Manner-Neapolitanerschnitte. Das sind Entwicklungen, die Hoffnung geben und lokale Beispiele, die internationale Vorbildwirkung haben sollten."
(red)

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