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Krieg und Inflation trüben die Konjunktur © APA / AFP / Ina Fassbender
© APA / AFP / Ina Fassbender

Redaktion 15.04.2022

Krieg und Inflation trüben die Konjunktur

Höhere Preise könnten den privaten Konsum dämpfen, meinen die Experten des Erste Group Researchs.

••• Von Reinhard Krémer

WIEN / KIEW. Dieser Krieg lässt niemanden kalt – alle, die unvorstellbare Gräueltaten zu den Hauptnachrichten präsentiert bekommen; alle, die Einkaufen gehen und denen dabei der Euro in der Hand dahinschmilzt – und auch Wirtschaftsexperten wie jene des Erste Group Research, die düstere Wolken am Konjunkturhimmel orten.

Eigentlich waren ja die Aussichten beim Abflauen der schier endlosen Coronakrise nicht schlecht.
Eigentlich.
Denn der imperialistische Größenwahn des russischen postkommunistischen Zaren zerstört das Bild.

Abwärtsrisiken gestiegen

„Durch nachhaltige Öffnungsschritte sollte sich das Wachstum in der Eurozone im ersten Quartal wieder beschleunigt haben. Allerdings verursacht der Krieg in der Ukraine nun wirtschaftliche Abwärtsrisiken. Die globalen Rohstoffpreise sind gestiegen, da Russland und die Ukraine global wichtige Exporteure von fossilen Energieträgern, Metallen und Nahrungsmitteln sind”, sagen also die Analysten des Erste Group Research.

Die höheren Preise könnten den privaten Konsum dämpfen, und eine neuerliche Verschärfung von Lieferkettenproblemen trifft den produzierenden Bereich.
Gleichzeitig sind die Aufwärtsrisiken für die Inflation in diesem Jahr gestiegen. Die weitere Entwicklung der Konjunktur und Inflation wird vom Fortgang des Kriegs bzw. der Spannungen zwischen Russland und dem Westen abhängen, so die Erste Group-Experten. In den USA war die wirtschaftliche Erholung bereits weit fortgeschritten und der Arbeitsmarkt sorgt für starkes Beschäftigungswachstum. „Wir rechnen auch hier mit einer Belastung der Wirtschaft durch die hohe Inflation und steigende Zinsen. Auch eine Abkühlung des Immobilienmarkts ist wahrscheinlich”, meinen die Analysten.

Inflation zieht nach Norden …

Gestiegene Rohstoffkosten und die Verschärfung der Lieferkettenprobleme haben zu einer Aufwärtsrevision der Inflationsprognosen 2022 geführt.

Für 2023 und 2024 erwartet die Europäische Zentralbank EZB Inflationsraten nahe ihrem Ziel. Wenn sich der mittelfristige Inflationsausblick durch die wirtschaftlichen Abwärtsrisiken bis zur Sitzung im Juni nicht verschlechtert, beabsichtigt die EZB, das Anleiheankaufprogramm (APP) im dritten Quartal zu beenden.
„Aufgrund des deutlichen Anstiegs der Energiepreise haben wir unsere Inflationsprognose 2022 auf 6,1 Prozent angehoben. Für das Anheben unserer Prognose spielte auch die Erwartung eines rascheren Lohnwachstums als bisher eine wesentliche Rolle. Unsere Prognose für 2023 mit 2,2 Prozent ist im aktuellen Umfeld mit Aufwärtsrisiken behaftet”, so die Experten.

… aber es gibt noch Hoffnung

Doch die Berechnungen lassen hoffen: „Wir gehen von März oder April aus, und danach sollte ein kontinuierlicher Rückgang der Inflationsrate einsetzen. Denn starke Preissteigerungen aus dem Vorjahr, unter anderem bei Fahrzeugen aber auch bei Energie, werden schrittweise aus der Berechnung herausfallen.” „Wir rechnen danach mit einer Anhebung des Einlagezinssatzes im Dezember. Durch die starke Inflationsdynamik sind die Renditen deutscher Bundesanleihen über alle Laufzeiten gestiegen. Sobald ein gradueller Zinsanhebungspfad erkennbar wird, sollte sich die Zinskurve vom kurzen Ende aus verflachen”, heißt es beim Erste Group-Research. Die US Fed hat eine schnellere geldpolitische Straffung – mit mehreren Zinsschritten bis Jahresende – in Aussicht gestellt. Allerdings geht sie dabei von einer weiterhin starken Konjunktur und hoher Inflation aus.

„Der Anleihemarkt preist jedoch bereits eine schwächere Konjunktur ein, die Zinskurve hat sich verflacht, und eine inverse Kurve ist wohl nur mehr eine Frage der Zeit”, sagen die Analysten des Erste Group Research. Der Krieg führte auf der Währungsseite zu sicheren Hafen-Flüssen und einer Befestigung des US-Dollar und Schweizer Franken gegenüber dem Euro.
„Fundamentale Gründe sprechen allerdings für einen etwas schwächeren US-Dollar und Schweizer Franken in den nächsten Quartalen. Der Goldpreis ist gestiegen, er profitiert von anhaltend negativen realen Renditen”, sind die Analysten überzeugt.

Flaues Aktienklima

Positives Umsatz- und Gewinnwachstum sollte den globalen Aktienmarkt unterstützen: „Wir erwarten eine Performance in einer Bandbreite von 0 bis +5 Prozent, allerdings bei höherer Volatilität. Europäische Unternehmen sind von steigenden Energiepreisen und der Verschärfung der Lieferkettenprobleme stärker betroffen als amerikanische. Europäische Indizes sollten daher stärker unter der Unsicherheit und geringeren Wachstumsdynamik leiden”, sagen die Erste-Group-Analysten.

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