MARKETING & MEDIA
„Auch im kältesten Kalten Krieg wurde berichtet” © fej
© fej

Redaktion 18.03.2022

„Auch im kältesten Kalten Krieg wurde berichtet”

Botschafter Martin Weiss über den Rückzug der Ukraine-Korrespondenten und die Berichterstattung in Übersee.

••• Von Sabine Bretschneider und Dinko Fejzuli

WIEN. Schon geografisch bedingt ist Europa vom Krieg in der Ukraine direkter betroffen als die USA. Dennoch ist auch dort der Angriff Russlands das Thema – nicht nur am diplomatischen Parkett, sondern auch in den Medien. Wie die US-Medien mit der Ukraine-Invasion umgehen und wie sich auch die Berichterstattung zunächst russlandfreundlicher Sender wie Fox News wandelt, darüber sprach medianet mit Martin Weiss, dem österreichischen Botschafter in den USA.

medianet: Herr Botschafter Weiss, der Ukraine-Krieg ist in Österreichs Medien Thema Nummer eins. Wir sind allerdings geografisch sehr nah an diesem Krieg dran. Können Sie uns schildern, wie die Medien in den USA damit umgehen?
Martin Weiss: Also der Krieg in der Ukraine ist hier auf allen Titelseiten. Und das gilt auch für die US-Fernsehsender, der Krieg füllt CNN 24/7 – und zwar mit ‚real news', Videos, Liveberichterstattung, Analysen und, und, und … Diese Sender gehen zur Zeit in Arbeit unter.

medianet:
Europas Medien, egal ab Print oder TV, sind mit Blick auf die Ukraine einig wie selten. Der Krieg ist völkerrechtswidrig, Russland ist der Aggressor. Nur die ganz rechten Medien scheren aus …
Weiss: In den USA ist das nicht unähnlich. Bei Fox News verteidigt zwar Tucker Carlson (Fox News-Starmoderator, Anm.) nach wie vor Wladimir Putin – und Fox ist ja kein kleiner oder irrelevanter Sender. Und am Anfang dieser Krise hat es auch einige US-Politiker gegeben, die gemeint haben: ‚Dieser Krieg in der Ukraine ist mir egal. Mir geht es um meine Wähler und um die Höhe der Ölpreise. Was interessiert mich, ob Tausende Meilen entfernt irgendetwas passiert?' Aber diese Stimmen sind inzwischen schon sehr viel leiser geworden.

medianet:
Die langjährige Fox News-Korrespondentin Jennifer Griffin hat einige Male die Ukraine-Berichterstattung des eigenen Senders – live auf Sendung – korrigiert … und Donald Trump gilt als Putin-Fan …
Weiss: Es gab in den vergangenen Jahren eine ganz starke Spaltung der USA, nicht erst seit Donald Trump, sondern in Wahrheit schon seit dem Impeachmentverfahren gegen Bill Clinton. Die sogenannte ‚Bipartisanship', dass man quasi über den Gang hinweg mit dem politischen Gegner zusammenarbeitet, war praktisch tot. Aber jetzt, in dieser Krise, funktioniert sie plötzlich wieder, weil die große Mehrheit der Republikanischen Partei, genauso wie die große Mehrheit der Demokratischen Partei, sagt: So geht das nicht weiter. Wir müssen Putin stoppen. Wir müssen helfen.

Und auch die Biden-Administration will das: von dort war etwa zu hören ‚We will ask Congress for an obscene amount of money to support Ukraine' (‚Wir werden von Kongress eine obszön hohe Summe zur Unterstützung der Ukraine verlangen', Anm.).  Tatsächlich hat die Regierung vom Kongress dann sieben Milliarden Dollar für die Ukraine verlangt – und der Kongress hat diese Summe auf fast 14 Milliarden Dollar verdoppelt!

medianet: Das hat zu keinen politischen Verwerfungen geführt?
Weiss: Seitens der Konservativen war es anfangs so, dass man Biden kritisiert hat: ‚Unter Donald Trump wäre das nicht passiert, Sleepy Joe hat es wieder einmal verschlafen'. Mit dem Fortschreiten des Krieges müssen die Republikaner aber abwägen: Ist man gegen Joe Biden – oder ist man gegen Wladimir Putin? Und angesichts der täglichen Bilder des Grauens aus der Ukraine fällt da die Antwort leicht …

Auch bei Donald Trump gab es diesen Sinneswandel: Am Anfang war Putin noch ‚der schlaue Fuchs', der ‚eine riesige Friedenstruppe in die Ukraine schickt', ‚a brillant tactician, a smart guy'. Jetzt klingt Trump schon ganz anders. Sein jüngster Vorschlag: Man solle, so Trump, einen Abfangjäger mit chinesischen Flaggen bemalen und die Russen bombardieren, damit es eine Auseinandersetzung zwischen Russland und China gibt … ‚and we will sit back and watch'. Der Krieg in der Ukraine ist aber insgesamt – aus Sicht der USA und wohl auch der Welt – eine klare Geschichte mit klarer Kante, da weiß man, wer gut und wer böse ist.

medianet: Russland schränkt massiv die Medienberichterstattung ein, die Korrespondenten ausländischer Medien werden mittels neuem Mediengesetz mit Gefängnisstrafen bedroht, schon, wenn sie Begriffe wie ‚Invasion' in den Mund nehmen. Wie beurteilen Sie es, dass sich die großen ausländischen Nachrichtenhäuser zurückziehen? Das ist ja insgesamt eine Grenzüberschreitung …
Weiss: Ja, das ist natürlich eine fürchterliche Entwicklung, die wir so bis jetzt auch nicht gekannt haben. Sogar im kältesten Kalten Krieg haben Korrespondenten aus dem Osten berichtet.

Aber selbst Medienhäuser wie die New York Times – und das sind alte Hasen, die alles schon gesehen haben – haben sich nach genauer Abwägung dafür entschieden, ihre Teams abzuberufen. Wenn ein Journalist vor der Kamera nicht mehr sagen darf, dass Krieg ist, wenn er damit eine Gefängnisstrafe riskiert, dann ist einfach Schluss. Aber ohne kritische Augen und Ohren vor Ort wird alles noch viel schwieriger. Denn wir müssen schon alle extrem aufpassen, in dieser Geschichte nicht den Blick auf die Wirklichkeit zu verlieren. Es werden jetzt auch Heldengeschichten erzählt – und so sehr ich Wolodimir Selenski bewundere für alles, was er in dieser unendlich schwierigen Situation tut – wir müssen auch diese Erzählungen vor Ort kritisch reflektieren.

medianet: Gefahr für Leib und Leben bestand aber auch in früheren Konflikten, im Irak und Afghanistan. Wirkt tatsächlich die Drohung einer Gefängnisstrafe mehr als eine ohnehin bestehende Gefahrenlage?
Weiss: Ja, ich denke schon. Die Angst, verletzt zu werden, kennt wohl jeder Kriegsreporter. Das ist Teil des Berufs, das kalkuliert man offenbar mit ein. Aber für ein falsches Wort vor der Kamera 15 Jahre ins Gefängnis zu wandern? Und außerdem: Wenn ein Journalist eine Situation nicht mehr wahrheitsgemäß beschreiben kann, dann wird er Teil der Propagandamaschinerie.

medianet:
Konzerne wie Facebook haben früh damit angefangen, Werbebeschränkungen in Russland zu setzen. Daraufhin hat Russland diese Netzwerke so weit wie möglich abgeschaltet. Ist also dieser Medien-Boykott gegen Russland bei allem Verständnis dafür nicht auch schädlich? Weil man den Menschen in Russland damit vielleicht die letzte Möglichkeit nimmt, an wahrheitsgetreue Informationen zu kommen?
Weiss: Ja, diese Diskussion in Sachen Boykott muss natürlich geführt werden. Wenn McDonald’s keine Burger mehr verkauft, schadet das den russischen Oligarchen und Wladimir Putin – oder schadet das den einfachen Russinnen und Russen? Andererseits: Jede Sanktion, die man setzt, schadet dem Land und den Bürgern – und damit auch der Führung. Hier eine Differenzierung einzubauen, ist schwierig.

In Bezug auf die Sozialen Medien, meine ich: Russland ist nicht Nordkorea. Es gibt dort schon noch Mittel und Wege, an unzensierte Informationen zu kommen. Aber für einen Teil der Bevölkerung, das darf man nicht vergessen, gilt sicher: Sie schauen sich die Staatsnachrichten an und haben ihr eigenes, oft schwieriges, Leben zu leben. Aber ja, es ist ein schmaler Grat, und jeder dieser Schritte trifft viele – und nicht immer und ausschließlich die Richtigen.

medianet: Wie ist die Stimmung in der amerikanischen Bevölkerung? Nimmt man den Krieg in der Ukraine, so wie hierzulande, als eine direkte Bedrohung wahr?
Weiss: Nein, ich glaube, man ist besorgt, aber anders besorgt. Bei uns in der Diplomatie sagt man oft: 80 Prozent der Diplomatie sind Geografie. Wenn Sie auf einem Kontinent leben und auf der einen Seite ist der Atlantische Ozean und auf der anderen der Pazifik, und im Norden ist das friedliche Kanada und im Süden Mexiko … dann schaut die Welt anders aus. Die unmittelbare Angst und Bedrohung, die ein Finne, ein Schwede oder eine Österreicherin vielleicht spürt, die gibt es hier nicht.

Aber es wird der Krieg in der Ukraine auch in den USA als ein schwerer Konflikt betrachtet. Wenn wieder Panzer durch europäische Städte rollen, dann erinnert das fatal an den Zweiten Weltkrieg – und das ist eine kollektive Erinnerung. Auch wenn diese schon eine Generation entfernt ist.

medianet: Im Trump-Wahlkampf hat Russland über Bots und Trolle im Internet Einfluss genommen, im Rahmen der Corona-Diskussionen auch in Europa. Nimmt man diese Gefahr in den USA inzwischen ernster?
Weiss: Also man beschäftigt sich in der US-Administration schon ausführlich mit diesem Thema. Und, wie diese Krise zeigt, hat man ja auch dazugelernt: Die Informationen zu einem bevorstehenden Angriff auf die Ukraine kamen aus den USA. Das waren Geheimdienstinformationen – und man hat sich bewusst dafür entschieden, sie in der Kommunikationsstrategie einzusetzen.

Das ist natürlich auch heikel. Denn die Preisgabe von Informationen gefährdet auch die Quellen. Aber man war auf diese Weise den Trollfabriken einen Schritt voraus. Das Motto der USA war: Wir sagen, was passieren wird, weil wir aus guten Quellen wissen, dass es passieren wird. Weil wir die Befehle kennen, sie schon gelesen haben. Damit hat man die Geschichte erzählt – und kein Troll kann mehr behaupten, dass in Wahrheit die Ukrainer den Donbass beschossen hätten und die dort ansässigen Russen massakriert werden … Und seit Ausbruch des Krieges erzählen die Ukrainer ihre Geschichte selbst weiter. Und das extrem gut. Viel besser als Selenski kann man das nicht machen. Sätze wie ‚I need ammunition, not a ride' sind schon heute Legende. Das hätte kein Werbeprofi der Welt besser formulieren können.

medianet: Frage zum Schluss. Wie wird es weitergehen mit der Ukraine, Ihrer Einschätzung nach?
Weiss: Meine Hoffnung ist, dass sich Putins Narrativ irgendwann ‚nicht mehr ausgeht'. Man kann nicht sagen, Kiew ist die Wiege der russischen Zivilisation und dann legt man es in Schutt und Asche. Man kann nicht sagen, man befreit die Russen von den Faschisten, und dann bombardiert man selbst die russischstämmigen Ukrainer in Mariupol.

Man kann nicht sagen, man will wieder ein starkes und wohlhabendes Russland errichten – und fährt dann den Rubel und die russische Börse völlig in den Graben. Und wenn man so immer stärker unter Druck gerät, dann muss man irgendwann einen Ausweg finden … und einen Kompromiss. Hoffentlich.

BEWERTEN SIE DIESEN ARTIKEL

TEILEN SIE DIESEN ARTIKEL