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Corporate Newsrooms: Ohne Philosophie zum Scheitern verurteilt © Quadriga / Gutzmer

Alexander Gutzmer

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Alexander Gutzmer

Redaktion 22.05.2019

Corporate Newsrooms: Ohne Philosophie zum Scheitern verurteilt

Unternehmen kopieren Medien - Warnung vor halbherzigen Lösungen bei Quadriga-Tagung in Berlin.

WIEN. Eine Vielfalt an Themen, unterschiedliche Medienformate, zahlreiche Ausspielkanäle, begrenzte Ressourcen, Zeitdruck: Seit geraumer Zeit nagen Medienhäuser in Österreich und aller Welt an dieser Problematik und hoffen, sie mit der Errichtung von Newsrooms in den Griff zu bekommen.

Unternehmenskommunikatoren erwarten sich von sogenannten Corporate Newsrooms ähnliche Effekte, wurden von Experten bei einer Tagung in Berlin aber eindringlich gewarnt: Die Herausforderungen eines solchen Projektes sind nicht zu unterschätzen.

"Corporate Newsrooms ohne die richtige Haltung, ohne Philosophie sind zum Scheitern verurteilt", betonte Alexander Gutzmer als Gastgeber in der Quadriga Hochschule am Dienstag in seinem Eröffnungsstatement. Viele Projekte der Gegenwart könnten zwar helfen, "Silos etwa zwischen Marketing und Kommunikation abzubauen, der Prozess ist aber selten reibungslos, schafft zunächst vielmehr beträchtliche Probleme, und am Ende steht oft kein Corporate Newsroom, sondern lediglich eine Vorstufe", so der Architekturjournalist.

Weder eine räumliche noch eine organisatorische Kopie eines Medien-Newsrooms kann hier Abhilfe schaffen, betonte Welt-Digital-Chefredakteur Oliver Michalsky gegenüber den Unternehmenskommunikatoren, "denn Ihre Produkte, Ihre Kanäle und Ihre Zielgruppen sind völlig anders als unsere". Im Idealfall hätten jedoch beide Ausprägungen von Newsrooms gewisse Übereinstimmungen: gemeinsame Räumlichkeiten, flache Hierarchien, wechselnde Rollen und Zuständigkeiten der Akteure, die Messbarkeit der Ergebnisse in Echtzeit und die zentralen Steuerung durch einen Newsmanager "oder eine Pilotin, wie der Chef vom Dienst bei uns genannt wird".

"Zusammenarbeit bildet sich durch Themen, nicht durch Hierarchien", betonte auch Corporate Newsroom-Berater Eckhard Klockhaus, der ebenfalls den "Expertensilos" den Kampf ansagt. "Es muss nicht jeder alles wissen, aber jeder soll alles wissen dürfen", plädiert der Experte für höchstmögliche Transparenz, "die aber oft das mittlere Management nicht will". Für ihn steht vor allem das Thema der bereichsübergreifenden Kommunikationsplanung als probates Hausmittel gegen Zeitdruck im Vordergrund, denn "Unternehmenskommunikation hat viel mehr Zeit als Journalismus, dort ist es viel brutaler".

Mit einem kleinen Augenzwinkern beäugte Christian Buggisch, Leiter Corporate Publishing beim Softwareanbieter Datev und selbst Newsroom-"Bewohner", den momentanen Hype um das derzeit viel diskutierte Zauberwort. "Vor zwei Jahren waren wir laufend auf Seminaren zu Content Marketing, jetzt ist dieses Thema dran, in zwei Jahren machen wir Tagungen zum Thema Influencer." Er selbst sieht die Lösung in seinem Haus zwar als richtigen Schritt in Bezug auf "Vernetzung, Effizienz, Qualität, Crossmedialität und Innovationsfähigkeit", warnt aber vor einem Hype um jeden Preis: "Wir haben zwar kein Problem, aber wir brauchen einen Newsroom", sei der beste Ansatz, "um ein solches Projekt garantiert gegen die Wand zu fahren". (red)

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