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Femizide: Verantwortung liegt auch bei den Medien © PantherMedia/karich
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Redaktion 28.05.2021

Femizide: Verantwortung liegt auch bei den Medien

Beziehungsdrama, Sexattacke, Familientragödie – eine problematische Wortwahl bei ­Meldungen über sexualisierte Gewalt und Frauenmorde verharmlost Gewalttaten.

••• Von Tanja Holz

WIEN. Bereits elf Frauen sind dieses Jahr in Österreich – bis jetzt – ermordet worden. EU-weit sind wir damit das einzige Land, das mehr Morde an Frauen als an Männern verzeichnet. Ein trauriger Rekord, der dringenden Handlungsbedarf aufzeigt. Neben Regierung und Gesellschaft sind auch Medienschaffende dazu aufgerufen, dabei zu helfen, Frauen besser vor männlicher Gewalt zu schützen.

Die Expertin für Gewaltprävention im Medienkontext, Birgit Wolf, erklärt im Interview, worauf bei der Berichterstattung über Femizide geachtet werden muss und warum es dringend notwendig ist, die richtigen Worte zu wählen.

medianet: Weshalb ist die sensible Berichterstattung über Femizide so wichtig für den Schutz vor männlicher Gewalt?
Birgit Wolf: Medienberichterstattung spielt eine wichtige Rolle in der Primärprävention. Das spielt in Österreich insofern eine noch wichtigere Rolle, als es keine öffentlich-rechtlichen Präventionskampagnen zu Männergewalt gegen Frauen gibt. Als positives Beispiel gilt hier – auch international – Spanien. Dort gibt es eine Expertenkommission zur genderbasierten Gewalt, die jährlich Kampagnen zur Sensiblisierung der Bevölkerung schaltet, die danach auch evaluiert werden.

Medien haben die Macht, den gewaltstützenden Diskurs zu verstärken oder aufzubrechen, sichtbar zu machen, zu entlarven. Gleiches gilt für gewaltstützende Strukturen und Faktoren. In allen Konventionen und Deklarationen zur Prävention von Gewalt an Frauen wie auch zur Gleichstellung sind Information und Medien ein zentrales Thema. Die ‚Istanbul-Konvention' sieht den Beitrag der Medien ebenfalls als unverzichtbar an und setzt auf Selbstregulierungsmaßnahmen. Um eine strukturelle Veränderung zu erreichen, braucht es die Mitwirkung der Medienschaffenden und Medien­unternehmen.
Weitere Aspekte sind natürlich auch der Schutz der Opfer, die Vermeidung von Sekundärviktimisierung, Bagatellisierung, Verharmlosung von Gewalt.

medianet: Warum werden häufig die Worte ‚Beziehung' und ‚Sex' in der Berichterstattung benutzt? Woher kommen diese Verknüpfungen mit Gewalttaten?
Wolf: Die voyeuristische Darstellung, besser gesagt ‚Ausschlachtung', von sexualisierter Gewalt ist kein neues Phänomen, sondern hat eine lange Geschichte im Journalismus der westlichen Welt. Bedenklich ist aber, dass trotz Gleichstellung und fortschrittlichen Gewaltschutz – zum Beispiel im Rahmen der Istanbul-Konvention – hier keine Trendwende eingetreten ist. Die Polizei führt diese Gewaltdelikte ja auch als Beziehungstaten.

medianet:
Was sind die häufigsten Fehler in der medialen Berichterstattung?
Wolf: Es wird so getan, als handle es sich um eine Beziehung auf Augenhöhe; die ständigen Drohungen, Nötigungen und sämtliche typische Täterstrategien ebenso wie die toxischen Männlichkeitskonzepte werden zumeist außen vorgelassen. Ebenso unsichtbar bleiben die Folgen von Gewalt, das hohe Traumatisierungs­potenzial, wenn eine nahestehende Person das eigene Leben bedroht oder wie permanente psychische Gewalt sich auf die betroffenen Frauen und mitbetroffenen Kinder auswirkt. Bei Gericht sind die Aussagen der mutmaßlichen Täter und ihre Anwälte zu hören; diese sind nicht der Wahrheit verpflichtet und müssen sich nicht selbst belasten. Die Berichterstattung folgt oft nur der Täterperspektive. So geschehen bei einem Femizid im Herbst 2020: Die Berichterstattung der APA und sämtlicher Printmedien – nicht nur Boulevard – folgten der Darstellung des Rechtsanwalts des mutmaßlichen Mörders, ohne weitere Kontexte herzustellen. Das hat mit ausgewogenem Journalismus rein gar nichts zu tun, ist einseitig und völlig unverantwortlich.

medianet:
Worauf müssen Medienschaffende bei ihren Ausführungen besonders achten?
Wolf: Gefährder, Männer die in Beziehungen Gewalt ausüben, sind keine hilflosen Opfer ihrer Aggressionen und auch keine fürsorglichen Väter. Denn ein Vater, der gegen die Mutter der Kinder Gewalt ausübt, ist nicht fürsorglich! Gewalt gilt als grobe Eheverfehlung, Gewalt ist ein Offizialdelikt, eine Straftat. Es gibt keine Rechtfertigung für Gewalt an Frauen. Das ist besonders zu betonen.

Allerdings schneidet Österreich im EU-Vergleich sehr schlecht bei vorherrschenden Einstellungen bezüglich Gewalt an Frauen ab. Mit einer erschreckenden Akzeptanz des Geschlechtsverkehrs ohne Einwilligung unter bestimmten Umständen von 32 Prozent der Befragten landet Österreich an letzter Stelle der EU. 23% meinen, Gewalt werde oft vom Opfer provoziert. Diese vorverurteilenden und frauenabwertende Meinungen stellen einen gewaltbegünstigenden Faktor dar.

medianet: Was kann man tun?
Wolf: Der zutiefst in der Gesellschaft verwurzelte Sexismus muss angesprochen werden. Erst im Vorjahr hat ein Politiker via Medien Gewalt gegenüber einer Parteichefin eingefordert: ‚Der gehört eine aufgelegt'; wir kennen viele weitere Fälle von Sexismus und verbaler Gewalt im Parlament. Und diese Frauenabwertung bis zur Verachtung zieht sich durch alle gesellschaftlichen Bereiche. Der gewaltstützende Boden wird hier ständig genährt.

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