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Im Sternzeichen des Murmeltiers
Redaktion 10.01.2020

Im Sternzeichen des Murmeltiers

Das Jahr 2019 im Zeitraffer – perspektivisch verzerrt durch subjektive Eindrücke.

Leitartikel ••• Von Sabine Bretschneider

SZENENAPPLAUS. Ein kleiner Rückblick: Im Laufe des vergangenen Jahres haben wir an dieser Stelle einen Ausflug in die wilde Welt wissenschaftlich unterfütterter journalistischer Aphorismen unternommen, waren bass erstaunt, wie anhand täglicher Brexit-Debatten die Genregrenzen parlamentarischer Debatten gesprengt wurden – und wie parallel dazu die Trollfabriken prächtig Stimmung machten.

Lagerfelds Tod war ebenso ein Thema wie dessen influencende Katze; der Weltfrauentag spiegelte sich im misogynen neuen Algorithmus des Arbeitsmarktservice wider, und die marodierenden Gilets Jaunes wurden als begeisterte Konsumenten russischer Propagandasender geoutet.

Das allererste Foto eines schwarzen Lochs stahl der neuesten Weltuntergangsprognose (ja, ein Komet! Nein, erst 2029) die Show; der Wiener Neustädter Bahnhof schaffte es mittels Anwendung klassischer Musik zur Kriminalitätsprophylaxe kurz in die Schlagzeilen, und die „Modern Monetary Theory” durfte darlegen, wie es sich anfühlt, wenn Geld nichts mehr kostet.

#ibizagate verdrängte die Debatten zu Kassenreform und Mindestsicherung, Steuerreform und Schnitzelpanier mittels herzhaftem Bewegtbildangebot. Für jeden Auftritt des Bundespräsidenten im Zweiakter der Regierungskrise – und jedes Zitat aus der schon etwas zerfledderten österreichischen Verfassung – wurde applaudiert, und Österreichs erste Bundeskanzlerin verdankte ihre Angelobung keiner einzigen Wählerstimme. Ja, und die Regierungen gingen 2019 gefühltermaßen weiter wie die warmen Semmeln. Dass in einer Alpenrepublik täglich ein Murmeltier grüßt, ist allerdings per se einmal nichts Außergewöhnliches.

Auf internationaler Ebene blieb vieles beim Alten. Eine mittels fiktiver Bedrohungen konstruierte Realität dient weiter als Bühnenbild, vor dem der Kampf gegen Außenfeinde inszeniert wird. Mehr dazu und über den Dunning-Kruger-Effekt als Katalysator öffentlicher Erregung lesen Sie nächste Woche. Neues Jahr, neues Glück.

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