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Netflix, Fitness und Backen © Envato Elements
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Redaktion 01.07.2020

Netflix, Fitness und Backen

FH Wiener Neustadt-Studie: Wie Corona unser Leben verändert hat

WIEN. Wie hat uns die Corona-Krise verändert? Im Zuge der englischsprachigen Lehrveranstaltung „Qualitative Marketing Research“ führten Masterstudierende der Fachhochschule Wiener Neustadt ethnografische Marktforschungsprojekte durch, um Einblicke in die sozialen Praktiken von Bürgerinnen und Bürgern in den Bereichen Ernährung, Shopping, Fitness, Entertainment, Medienkonsum und Dating während des Lockdowns zu gewinnen.

„Wissen Sie noch, damals, während der Corona-Krise?“ Vieles spricht aktuell dafür, dass die vergangenen Monate als ein historisches Ereignis in die Geschichte eingehen und vielen Menschen als ein entscheidender Wendepunkt ihres Lebens in Erinnerung bleiben werden. Doch die Pandemie hat offenbar auch viele Gewohnheiten der Menschen verändert. In einer empirischen Untersuchung kamen die Studierenden der Fachhochschule Wiener Neustadt zu einigen interessanten Ergebnissen.

Netflix, Fitness und Backen
So zählten das Schauen von Filmen und Serien auf der Streamingplattform Netflix, Kochen und Backen, aber auch Online-Spiele wie UNO zu den beliebtesten Aktivitäten, um Langeweile während des Lockdowns vorzubeugen. Wichtig war den TeilnehmerInnen der Studie außerdem, körperlich fit zu bleiben. Steigende Klicks auf Yoga-Videos auf Youtube, mehr Downloads von Fitness Apps oder gemeinsame Online-Workouts mit Freunden belegen dies. Die größte Zufriedenheit kam dennoch von sportlichen Aktivitäten im Freien. Einige der StudienteilnehmerInnen berichten allerdings auch von gesteigerter Einsamkeit durch die Einschränkung sozialer Kontakte und der zwischenmenschlichen Kommunikation. Das Kennenlernen neuer Bekanntschaften fiel dieser Einschränkung aber nicht zum Opfer.

„Es war interessant zu sehen, wie sich die Corona-Krise auf soziale Beziehungen ausgewirkt hat. Manche Beziehungen wurden intensiver und intimer, weil die Menschen plötzlich mehr Zeit hatten. Zum Beispiel haben sich erhöhte Aufmerksamkeit und Fokussierung scheinbar auf die empfundene Qualität von Online-Dating ausgewirkt. Jedoch hat die digitale Kommunikation – besonders innerhalb der Familie – für manche auch ein Gefühl von Abhängigkeit und Stress ausgelöst“, erzählt Lehrveranstaltungs-Leiterin Karin Dobernig.

Forschung mit neuer App
Im Zuge der Erhebung adressierten die Studierenden ihre Fragen mit dem Forschungsansatz der mobilen Ethnographie und sammelten Daten mittels der Handy-App „Experience Fellow“. Über diese App, die etwa wie ein Online-Tagebuch funktioniert, halten StudienteilnehmerInnen ihre Erfahrungen und Eindrücke fest. Dabei können Fotos und Videos hochgeladen, Kommentare gegeben oder Stimmungsbilder vermittelt werden. So dokumentierten die TeilnehmerInnen beispielsweise über einen Zeitraum von etwa zwei Wochen, wie sie sich während der Ausgangssperre körperlich fit hielten.

„Corona hat uns als Lehrende vor große Herausforderungen gestellt. Es galt sicherzustellen, dass die Studierende Kompetenzen der qualitativen Marktforschung erlernen obwohl es nicht möglich war, mit Menschen direkt zu sprechen. Hier musste man als Lehrende ganz schön kreativ sein und sich eben auch neuer digitaler Technologien bedienen“, so Dobernig.

Dieser nutzerzentrierte Forschungsansatz erlaubt es den Studierenden auch im Kontext der Online-Lehre ihre empirischen Forschungskompetenzen aufzubauen und zu stärken. Gelernt haben die Studierenden das Forschen mittels der App vom Methodenexperten Markus Murtinger, Leiter des Bereichs „Experience Business Transformation“, am AIT Austrian Institute for Technology.

Victoria Reddin, die als Studierende Teil des Forscherteams war, berichtet von den vielfältigen Möglichkeiten: „Das Programm half mir, einen eine persönliche Beziehung zu den TeilnehmerInnen aufzubauen. So konnte ich ihre täglichen Gewohnheiten während der Selbstisolation besser verstehen, da Videos, Bilder, Zitate und sogar Geschichten sehr detailliert ausgetauscht wurden. Diese Studie wäre ohne den Einsatz der mobilen App nicht so informativ und erfolgreich gewesen.“

Aufbau von Forschungskompetenz als Ziel
Vorrangiges Ziel der Lehrveranstaltung ist der Aufbau von Methoden- und Forschungskompetenzen unter Studierenden. In interaktiven und anwendungsorientierten Online-Workshops, die von ExpertInnen aus der Praxis durchgeführt werden, beschäftigen sich die Studierenden mit unterschiedlichen Ansätzen und Methoden der qualitativen Marktforschung. Anschließend erarbeiten sie ein umfassendes Forschungskonzept und führen eigenständig ein empirisches Forschungsprojekt durch. Normalerweise werden im Zuge der Projekte Problemstellungen von Unternehmenspartnern erarbeitet. Aufgrund der aktuellen Situation hat man sich aber dafür entschieden, die spannende Frage der Gewohnheitsveränderungen während dieser außergewöhnlichen Zeit wissenschaftlich zu untersuchen. (red)

 

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