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Nur noch kurz die Welt retten © BFI Wien/APA-Fotoservice/Hörmandinger (2)

Ali Mahlodjiflüchtete als Kind mit seinen Eltern aus dem Iran nach Österreich. Er brach die Schule ab, studierte aber später und gründete nach mehr als 40 Jobs die Berufsorientierungsplattform whatchado.com.

© BFI Wien/APA-Fotoservice/Hörmandinger (2)

Ali Mahlodjiflüchtete als Kind mit seinen Eltern aus dem Iran nach Österreich. Er brach die Schule ab, studierte aber später und gründete nach mehr als 40 Jobs die Berufsorientierungsplattform whatchado.com.

18.09.2015

Nur noch kurz die Welt retten

Ali Mahlodji erzählte bei einem Vortrag in Wien von eigener beruflicher Inspiration und jener der Jungen. Über die praktischen Umsetzungsoptionen gaben Valerie Höllinger und Franz-Josef Lackinger (BFI Wien) Auskunft.

••• Von Sabine Bretschneider

WIEN. Früher wollte er die Welt retten, erzählt Ali Mahlodji bei einem Vortrag im Rahmen des Tages der offenen Tür des Bildungsinstituts BFI Wien. Dann schraubte er seinen Anspruch ein Stück weit zurück: 26% der Weltbevölkerung sind jünger als 15 – und zumindest sie bei seinem Rettungsversuch ins Auge zu fassen, schien vernünftig. Also gründete er whatchado.com („What do you do?)”.

Heute ist das Karriere-Portal whatchado vier Jahre alt, 4.500 Menschen haben in zehn verschiedenen Sprachen zum „Handbuch der Lebensgeschichten aus aller Welt” beigetragen, wie es Gründer und „Chief Storyteller” Mahlodji beschreibt. Es ist auch ein Handbuch der Berufsbeschreibungen, das mittlerweile nicht nur von Jugendlichen gern „gelesen” wird. Der Wiener mit persischen Wurzeln schilderte seinen Weg vom Traiskirchner Flüchtlingskind zum erfolgreichen Unternehmer – gewürzt mit einer Prise „Traut's euch was!”
Inspiration und Orientierung auf einem zunehmend komplex und enger werdenden Arbeitsmarkt anzubieten, war auch der rote Faden des diesjährigen Schnuppertags im Wiener Bildungsinstitut.

Ledig, jung, sucht …

medianet führte dazu ein Gespräch mit den BFI Wien-Chefs Valerie Höllinger und Franz-Josef Lackinger.

medianet:
‚Orientierung im Bildungsdschungel' ist der Titel der diesjährigen Veranstaltung. Aber schafft eine Plattform wie whatch­ado Orientierung – oder verwirrt sie noch mehr? Es gibt ca. 50.000 Berufsbezeichnungen. Brauchen junge Menschen dann nicht erst recht eine Form von ‚Ausbildungs-Nachbetreuung'?
Valerie Höllinger: Vielleicht ist Inspiration hier das Schlagwort. Ich würde whatchado nicht als Orientierungsplattform sehen – ebenso wenig wie unseren Tag der offenen Tür, sondern als ein Zur-Verfügung-Stellen. Und wenn die Phase der Orientierung beginnt, dann sind wir da und betreuen dann auch entsprechend.
Franz-Josef Lackinger: Das eine tun, das andere nicht lassen. Es ist ein pädagogischer Prozess. Die Theorie interessiert nur selten, deswegen ist Inspiration der richtige Begriff. Aber die Erfahrung zeigt, dass gerade junge Menschen mehr Begleitung und praktisches Ausprobieren benötigen. Deswegen sind vernünftige Praktika nötig, und Gespräche mit Arbeitgebern.

medianet:
Gibt es in Österreich genügend Möglichkeiten zum ‚praktisch Ausprobieren?
Höllinger: Das AMS macht da schon einiges. Für Lehrlinge etwa gibt es Erprobungsphasen; da kann man in einen Job hineinschnuppern und muss sich nicht sofort entscheiden. Das Bewusstsein der öffentlichen Hand ist stark gestiegen, in der beruflichen Orientierung gerade bei den Jüngeren anzusetzen.

medianet:
Andere Länder gehen andere Wege und verlängern die schulische Ausbildung. Ist man mit 14, 15 nicht zu jung für berufliche Entscheidungen?
Lackinger: Jede Ausbildung ist besser als keine. Der österreichische Weg ist schon gut. Jene Länder, die bei den PISA-Tests gut abschneiden und einen längeren Bildungsweg haben, haben eine höhere Jugendarbeitslosigkeit – in Finnland etwa liegt sie bei über 20 Prozent.

medianet:
Was sind derzeit die gravierendsten Veränderungen am Markt der Weiterbildung?
Höllinger: Im privaten Bereich zeigt sich, dass das Bewusstsein, sich weiterbilden zu wollen und zu müssen, gestiegen ist. Früher waren Unternehmen mit Weiterbildungsmaßnahmen großzügiger. Heute ist das mehr und mehr zu einer individuellen Entscheidung geworden – die auch genutzt wird. Wir denken derzeit auch über Finanzierungsmöglichkeiten in Kooperation mit Banken nach, damit wir kostengünstige Angebote machen können. Was einschränkend wirkt, sind natürlich auch die ­finanziellen Beschränkungen der öffentlichen Hand.

medianet:
Schlagwort Digitalisierung. Welche Pläne werden diesbezüglich an Ihrem Institut gewälzt?
Höllinger: Wir beschäftigen uns intensiv mit dem Thema Digitalisierung, vor allem mit Blended Learning … und auch mit entsprechenden Kooperationen. Reines eLearning geht nicht auf, aber momentan zeigt viel in Richtung Video. Auch der soziale Faktor, das Peering, ist wichtig, das muss man auch in der digitalen Welt abbilden. Wenn man das schafft, dann entstehen tatsächlich sinnvolle neue Lehrformen. Videos können allerdings nicht Lehrer oder Kurse ersetzen.
Lackinger: Ich glaube an das Prinzip des Lernens und an das, was schon seit dem Mittelalter institutionalisiert ist: Dass der Meister gemeinsam mit dem Lehrling arbeitet. Das ist durch nichts zu ersetzen. Man kann nur ergänzen. Alles andere entwickelt sich rund um dieses Prinzip – Lernplattformen, Vervielfältigung von Lern­materialien, Video, usw. Aber ich habe noch niemanden getroffen, der vom Wohnzimmer aus Jus studiert hat und später ein wirklich guter Anwalt war.

medianet:
Noch ein Themenwechsel: Gibt es Notfallpläne für die Flüchtlingssituation?
Lackinger: Auf jeden Fall. Wir sind gewohnt, schnell Kapazitäten aufzubauen …
Höllinger: … gerade auch bei der Organisation von Trainern, die mehrsprachig sind. Das ist für uns kein Problem.
Lackinger: Es gab diesbezüglich auch schon erste Maßnahmen – wie etwa Kompetenzchecks für Asylwerber. Da werden wir sicherlich im nächsten Jahr noch mehr machen, auch im Deutschkursbereich – wenn man uns damit betraut.

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