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Handelsverband fordert Arbeitsmarktreform © medianet/Katharina Schiffl

Rainer Will, Handelsverband.

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Rainer Will, Handelsverband.

Redaktion 15.09.2021

Handelsverband fordert Arbeitsmarktreform

3.200 offenen Stellen im Wiener Handel; Quantität & Qualität der Bewerbungen seit 2020 dramatisch eingebrochen.

WIEN. Die vierte Corona-Welle verschärft den akuten Personalmangel im österreichischen Handel massiv. "Allein in der Bundeshauptstadt Wien sind zurzeit mehr als 3.200 offene Stellen unbesetzt. In ganz Österreich sind es 20.000, davon ein Viertel im Lebensmittelhandel. Selbst Job Days, Employer Branding Maßnahmen, eine attraktive Bezahlung weit über dem Kollektivvertrag oder zusätzliche Anreize für Beschäftige helfen aktuell wenig, um das Problem in den Griff zu bekommen", beschreibt Handelsverband-Geschäftsführer Rainer Will die angespannte Situation im Handel.

Beklagt wird auch ein dramatischer Einbruch sowohl was die Zahl als auch die Qualität der Bewerbungen betrifft. Beispielsweise werden vereinbarte Bewerbungsgespräche nicht eingehalten oder kurzfristig abgesagt, selbiges gilt für Schnupper- und Probetage. Auch mit Lehrlingsoffensiven und Job Days, die breit beworben werden, können derzeit kaum neue Arbeitskräfte und Lehrlinge gewonnen werden. Selbst "Bewerbungsschreiben" mit dem Hinweis, man sei "gezwungen, sich zu bewerben, um weiterhin vom AMS Arbeitslosengeld beziehen zu können" sind keine Seltenheit mehr.

Die rasant steigenden Corona-Infektionszahlen in den Haushalten sowie die geltenden K1-Bestimmungen verschärfen den Personalmangel in der Branche zusätzlich. Viele Handelsbetriebe befürchten im Herbst und Winter breitflächige Personalausfälle in ihren Geschäften – insbesondere in Wien, wo die Infektionszahlen am höchsten sind. Eine Entspannung der Lage ist weit und breit nicht in Sicht und auch ein zeitnah wirkendes Set an Maßnahmen nicht. In der Praxis sind derzeit viele Betriebe mehr mit der An- und Abmeldung von Mitarbeitern beschäftigt als mit dem Kerngeschäft, der optimalen Beratung von Kund:innen und dem Verkauf von Produkten.

Handelsverband unterstützt geplantes Arbeitsmarkt-Reformpaket von Arbeitsminister Kocher
Aktuell sind in Österreich bundesweit rund 285.000 Menschen beim AMS arbeitslos gemeldet, weitere 60.000 Personen nehmen an Schulungen teil. In Wien liegt die Arbeitslosenquote allerdings bei 11,9 Prozent und damit deutlich höher als im nationalen Durchschnitt (6,9%). Hinzu kommt: Im Gegensatz zur sinkenden Zahl der Arbeitslosen insgesamt steigt die Zahl der langzeitbeschäftigungslosen Arbeitslosen im Vergleich zum Vorjahr im ganzen Land weiter an. Zurzeit gelten in Österreich 128.319 Personen als langzeitbeschäftigungslos. Damit sind covidbedingt mehr als drei Mal so viele Menschen von Langzeitbeschäftigungslosigkeit betroffen als noch vor zehn Jahren.

"Wir brauchen mehr denn je gezielte Maßnahmen, um die 130.000 langzeitarbeitslosen Österreicherinnen und Österreicher aufzufangen. Nicht durch Verschärfungen, sondern durch gezielte Beschäftigungsanreize. Wir müssen die Vermittlung verbessern. Es muss aber auch attraktiver werden, einen Vollzeit- oder Teilzeit-Job anzunehmen. Daher unterstützen wir das von Arbeitsminister Kocher und AMS-Chef Kopf angekündigte Arbeitsmarkt-Reformpaket mit Fokus auf ein degressives Arbeitslosengeld", so Rainer Will mit Blick Richtung Winter.

Steuerreform 2022 als kleiner Lichtblick; transparenter Lohnzettel sinnvoll
Die Bundesregierung hat bereits angekündigt, heimische Unternehmen und Arbeitnehmer mit der Steuerreform 2022 stärker zu entlasten. In einem ersten Schritt wurde bekanntlich 2020 der Steuersatz für Einkommen von 11.000 bis 18.000 € brutto von 25 auf 20% gesenkt.
In den kommenden beiden Jahren sollen in den nächsten beiden Steuerstufen die Abgaben sinken. Der 35%ige Steuertarif soll auf 30% (bis 31.000 € Einkommen) und der
42%ige Tarif auf 40% (bis 60.000 €) gesenkt werden. Die oberen drei Steuerstufen bleiben gleich.

Das österreichische Einkommens- und Lohnsteuersystem ist allerdings nicht nur teurer (für Arbeitgeber und Arbeitnehmer) als in anderen EU-Staaten, es ist auch wesentlich komplexer. Es gibt Sonderbestimmungen, welche die Unternehmen mehr als zehn Mrd. Euro im Jahr kosten. Sie beeinflussen die effektive Besteuerung und verkomplizieren das System unnötig. Daher fordert der Handelsverband erneut einen transparenten Lohnzettel, damit die Beschäftigten auf einen Blick sehen, was sie verdienen und was sie wirklich dafür leisten müssen, inklusive der Lohnnebenkosten. (red)

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