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Handelsverband: Vorwurf des Preisdumpings bei Lebensmitteln nicht gerechtfertigt © Stephan Doleschal

Rainer Will, Handelsverband.

© Stephan Doleschal

Rainer Will, Handelsverband.

Redaktion 06.02.2020

Handelsverband: Vorwurf des Preisdumpings bei Lebensmitteln nicht gerechtfertigt

Lebensmittelindustrie größter Abnehmer landwirtschaftlicher Produkte. Heimischer Lebensmittelhandel ist EU-Musterschüler, erfüllt UTP-Richtlinie und steht für faire Preise.

WIEN. Bis 1. Mai 2021 haben die EU-Mitgliedsstaaten Zeit, um die 15 Bestimmungen der UTP-Richtlinie über unlautere Handelspraktiken in den Geschäftsbeziehungen zwischen Unternehmen in der Agrar- und Lebensmittelkette auf nationaler Ebene umzusetzen.

UTP-Richtlinie: Heimischer Handel erfüllt bereits alle Vorgaben; Nachholbedarf in Süd- und Osteuropa
Die UTP-Richtlinie unterscheidet zwischen schwarzen und grauen Praktiken des unfairen Handelns. Schwarze Praktiken (etwa die einseitige Verlängerung von Zahlungszielen durch den Abnehmer) sind verboten. Zu den grauen Praktiken zählen z.B. Listungs-, und Werbezuschüssen, die der Lieferant an den Abnehmer entrichtet. Diese sind laut Richtlinie verboten, sofern sie nicht vorab zwischen den Geschäftspartnern explizit vereinbart wurden.

Die UTP-Richtlinie stellt also die Weichen für eine faire, von gegenseitiger Wertschätzung geprägte Zusammenarbeit entlang der gesamten Lebensmittel-Wertschöpfungskette. In Österreich ist dies längst gelebte Realität. Nachholbedarf in Sachen unlautere Handelspraktiken haben insbesondere die EU-Mitgliedstaaten in Süd-und Osteuropa.

Ombudsstelle für Mediation und Schlichtung von Landwirtschaftsministerium und Handelsverband gemeinsam initiiert
"Der österreichische Lebensmittelhandel lebt das faire Miteinander mit allen Partnern entlang der Wertschöpfungskette. Die Geschäftspraktiken, welche die UTP-Richtlinie der EU regulieren soll, werden hierzulande zur Gänze eingehalten. Damit nicht genug: Als erste Branche haben wir uns verpflichtet, auch den Fairnesskatalog der Bundeswettbewerbsbehörde vollinhaltlich einzuhalten. Darüber hinaus haben wir bereits 2018 gemeinsam mit dem Landwirtschaftsministerium eine eigene Ombudsstelle vorgeschlagen, um einzelne Herausforderungen auf direktem Wege lösen zu können", sagt Handelsverband-Geschäftsführer Rainer Will.

"An die Ombudsstelle sollen sich betroffene Personen, insbesondere Bäuerinnen und Bauern, aber auch Erzeugerorganisationen und Unternehmen in Zukunft anonym wenden können. Wir hoffen, dass diese Mediations- und Schlichtungsstelle noch heuer eingerichtet wird", ergänzt Frank Hensel, Vizepräsident des Handelsverbandes.

Vorwurf des Preisdumpings bei Lebensmitteln nicht gerechtfertigt
Aktuelle Medienberichte, wonach gestiegene Lebensmittelhandelsspannen die Hauptursache für sinkende Bauerneinkommen wären, sind hingegen schlicht falsch. "Der Lebensmittelhandel ist kaum für die Erzeugerpreise verantwortlich und unsere Handelsspannen sind nicht Ursache für sinkende Bauerneinkommen. Die durchschnittliche Gewinnmarge im österreichischen Lebensmitteleinzelhandel beläuft sich auf lediglich 1,5%. Bei den Großunternehmen der Lebensmittelindustrie sind die Margen im Schnitt 10- bis 20-mal so hoch. Überdies ist die Lebensmittelindustrie der größte Abnehmer landwirtschaftlicher Erzeugnisse", bestätigt Rainer Will.

Generell ist der Einfluss des Lebensmittelhandels auf die Preisgestaltung für landwirtschaftliche Produkte gering, da der Handel kaum direkte Beziehungen mit Landwirten hat (ca. 5%) und die meisten Produkte in den Regalen bereits durch die Lebensmittelindustrie verarbeitet sind. Die vielzitierte Marktkonzentration im Lebensmitteleinzelhandel hat folglich kaum einen Einfluss auf die Zusammenarbeit mit der Landwirtschaft. Die wenigen direkten Vertragspartner sind großteils keine einzelnen Landwirte, sondern Genossenschaften oder Erzeugergemeinschaften, die im Wettbewerbsrecht bereits jetzt eine Sonderstellung haben.

Der Preis bildet sich grundsätzlich auf dem freien Markt (Angebot/Nachfrage) und differenziert nach Produktkategorie (Getreide, Obst/Gemüse, Fleisch, Wein) und Verarbeitungsgrad. Am Beispiel Milch wird deutlich, dass der Lebensmittelhandel oft als Sündenbock herhalten muss, wenn Einbrüche auf Exportmärkten und Überproduktion zu einem Preisverfall führen. Tatsächlich ist der Einfluss des Handels auf die Preispolitik der Molkereien gering, er trägt jedoch durch die Vermarktung österreichischer Milchprodukte im Rahmen von Regional- und Qualitätsprogrammen zum Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit der Molkereien bei.

Überdies gehen nur 30% der erzeugten Milch direkt an den heimischen Lebensmittelhandel. Rund die Hälfte der Gesamtmenge wird von den Molkereien zu wesentlich niedrigeren Preisen ins Ausland exportiert (z.B. Versandmilch im Tank für die Käseproduktion in Deutschland und Italien).

Initiative "Lebensmittel wertschätzen." lädt zu bundesweitem Schulterschluss
Dessen ungeachtet geben die heimischen Verbraucher laut aktuellen Zahlen von Eurostat lediglich rund 9,7 Prozent ihres verfügbaren Haushaltsbudgets für Lebensmittel aus. Damit liegt Österreich im EU-Vergleich nur auf dem viertletzten Platz. Sowohl die Landwirtschaft als auch der Lebensmittelhandel haben ein Interesse daran, dass es faire Preise gibt. Der heimische Handel arbeitet daher mit wertvollen Initiativen wie "Land schafft Leben", "Lebensmittel sind kostbar" oder der "Supply Chain Initiative" zusammen, um u.a. die 165.000 Bauernhöfe in unserem Land bestmöglich zu unterstützen.

Faktoren wie Regionalität, Saisonalität oder Qualität von Lebensmitteln sind vielen Konsumenten bereits wichtig. 22% unserer Landwirtschaftsfläche werden bereits biologisch und damit klimaschonend bewirtschaftet. Der Handel trägt damit entscheidend zum Erhalt landwirtschaftlicher Strukturen und Produzenten in Österreich bei. Die neue Initiative "Lebensmittel wertschätzen (https://www.handelsverband.at/verband/lebensmittel-wertschaetzen/) verfolgt das Ziel, den Dialog als Plattform zu strukturieren und den Wert heimischer Lebensmittel stärker zu vermitteln, damit diesen beim täglichen Einkauf der Konsumenten ein noch höherer Stellenwert beigemessen wird.

"Um den österreichischen Lebensmitteln auch ihren verdienten Wert zu geben, ist es wesentlich, von der Preisdiskussion wegzukommen und eine Kaufentscheidung zu Gunsten regionaler Lebensmittel zu unterstützen", erklärt Frank Hensel das Ziel der Initiative.

Der Handelsverband schätzt die Dialogbereitschaft aller Kooperationspartner sowie der verantwortlichen politischen Akteure und steht auch weiterhin als Gesprächspartner zur Verfügung. (red)

 

 

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