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Klare Handschrift, regionale Produktion © Philipp Lipiarski
© Philipp Lipiarski

Redaktion 10.09.2021

Klare Handschrift, regionale Produktion

Karl Schwarz, Geschäftsführer der Brauerei Zwettl, über Klimawandel, Corona und Frauen als Bierbrauerinnen.

••• Von Daniela Prugger

ZWETTL. Die Bewahrung einer möglichst intakten Umwelt, von Traditionen und gelebter Heimatverbundenheit spielten für die im nördlichen Niederösterreich ansässige Brauerei Zwettl schon immer eine große Rolle. Nun wird der Betrieb in der fünften Generation geführt. Wie er sich Herausforderungen wie dem Klimawandel und Corona stellt, erklärt GF Karl Schwarz im Interview.

medianet: Mit welchen Erwartungen sind Sie ins Geschäft eingestiegen? Wie kann die Zusammenarbeit mit den Eltern und Großeltern gelingen?
Karl Schwarz: Die Privatbrauerei Zwettl habe ich schon 1996 – praktisch von einem Tag auf den anderen – aufgrund der Erkrankung meines Vaters übernommen. Ich musste daher sehr schnell lernen, wie man einen solchen Betrieb führt, hatte aber das Glück, eine sehr gesunde Brauerei übernehmen zu können. Und so konnte ich – und das wünsche ich auch meiner nächsten Generation – von Beginn an prägend mitgestalten.

medianet:
Sie sagten, dass Sie finden, dass Beschaffungs- und Absatzmarkt ident sein sollten. Welche Stellung haben Wachstum und Export für Sie?
Schwarz: Als Familienunternehmen sind wir nur uns selbst, den bäuerlichen Lieferanten und den Mitarbeitern gegenüber verantwortlich und können daher eine klare Linie vertreten: Wir wollen nicht primär aktiv wachsen, sondern vielmehr in einer gesunden Struktur Stabilität und Wertschöpfung für weitere Generationen sichern. Export ist für uns daher kein Thema, wir verkaufen unsere Biere vor allem im Osten Österreichs, wobei Wien nach wie vor der wichtigste Zielmarkt für unsere Biere über die niederösterreichischen Grenzen hinaus ist. Wenn Sie so wollen, ist Wien unser wichtigster Exportmarkt.

medianet:
Wie erging es dem Unternehmen seit und während der Pandemie?
Schwarz: Wir blicken mit gemischten Gefühlen auf das Jahr 2020 zurück: Zwar stieg der Bierabsatz im Lebensmittelhandel, aber den Verlust aus der Gastronomie konnten wir nicht zur Gänze kompensieren. Der Gesamtabsatz an Getränken lag bei 205.400 hl und damit doch deutlich unter dem Niveau des Vorjahres. Bier ist ein geselliges Produkt – und die Lage war im Vorjahr und zumindest im ersten Halbjahr 2021 nicht gesellig. Dort, wo Bier gefragt war, waren es vor allem die regionstypischen Biere aus Zwettl und Weitra.

medianet:
Welche Veränderungen haben Sie im Konsumentenverhalten bemerkt?
Schwarz: Wir sind davon überzeugt, dass sich der neue ‚Lebensmittel-Patriotismus' auch künftig fortsetzen wird und die Konsumenten lokale Produzenten klar bevorzugen. Es sind die lokalen Produzenten, die Arbeitsplätze schaffen und auch in krisenhaften Situationen in der Lage sind, die Menschen zu versorgen. Auch der Trend zu Produkten, die sich vom Mainstream abheben, kommt uns entgegen.

medianet:
Corona hat ein Schlaglicht auf handwerkliche Berufe geworfen. Wie viel Handwerk steckt in den Bieren der Brauerei Zwettl?
Schwarz: Die Biere aus unserem Haus sind von den handwerklichen Fähigkeiten derer, die sie brauen, geprägt. Wir haben heuer die Bierwerkstatt Weitra modernisiert und damit die Kapazität nahezu verdoppelt. Wichtig dabei war uns, die handwerkliche Tradition der offenen Gärung zu erhalten. Aufgrund der Komplexität und des unbedingt notwendigen Wissens der Mitarbeiter gerät diese bewährte Methode zunehmend in Vergessenheit. Wir gehen hier zweifelsohne den komplizierteren, aufwendigeren Weg, werden aber mit außergewöhnlichen Bieren belohnt.

medianet:
Weshalb ist es Ihnen ein Anliegen, darauf aufmerksam zu machen, dass Bierbrauen ‚weiblich' ist?
Schwarz: Weil das schlicht die wenigsten wissen und man damit immer für Aha-Momente und spannende Konversationen sorgt. Frauen sind eine extrem wichtige Zielgruppe für Bierbrauer – gerade für handwerklich gefertigte, sogenannte Craft-Biere. Wir wollen den Wissensstand rund um Bier, Bierproduktion und -brauen ausbauen und natürlich auch allfälligen Vorurteilen dem Getränk Bier gegenüber entgegentreten. Wir sind daher sehr stolz darauf, dass eine der ersten angehenden Braumeisterinnen des Landes – Karin Thaller – bei uns ihre Lehre absolviert hat.

medianet:
Laut dem Verein ‚Land schafft Leben' konnte Österreich in den letzten Jahren den Bedarf an Sommerbraugerste nicht mehr decken. Die Jahre waren zu trocken und zu heiß. Welche Strategien könnten dabei helfen, dass sich die Landwirtschaft an die erschwerten Bedingungen anpasst?
Schwarz: Das Waldviertel wirbt mit dem Slogan ‚Wo wir sind, ist oben' – dennoch gehört es zu einer der südlichsten Regionen weltweit, in denen die Braugerste angebaut werden kann. Der ‚hohe Norden' zählt in Österreich zu den wichtigsten Anbaugegenden für Sommer- und Winterbraugerste. Das zunehmend heiße und trockene Wetter setzt der Sommerbraugerste sehr zu. Unsere bäuerlichen Zulieferbetriebe haben daher heuer erstmals sowohl Sommer- und Winterbraugerste angebaut. Dieser Mix ermöglicht gute Erträge.

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